Konzertreihe

Poet und Revoluzzer eröffnet Klezmerwelten in Gelsenkirchen

Daniel Kahn, Vanya Zhuk und Christian Dawid (v.l.n.r.) eröffneten die Klezmerwelten 2019 mit Zeitgenössischem.

Daniel Kahn, Vanya Zhuk und Christian Dawid (v.l.n.r.) eröffneten die Klezmerwelten 2019 mit Zeitgenössischem.

Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  Poetisch und zugleich revolutionär starteten die Klezmerwelten 2019 im Gelsenkirchener Schloss Horst. „Daniel Kahn & friends“ waren zu Gast.

„Es sind traurige Zeiten, die wir nur überwinden können, wenn wir zusammenstehen“, mit diesen bewegenden Worten eröffnete die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, Judith Neuwald-Tasbach, am Samstag die „Klezmerwelten“. Natürlich steht die diesjährige Ausgabe des im Zweijahresrhythmus in Kooperation mit dem städtischen Referat für Kultur organisierten Festivals unter dem Eindruck der Ereignisse in Halle, auch die Polizeipräsenz im Vorhof von Schloss Horst erinnerte jeden Besucher daran.

Umso berührender, dass alle in der voll besetzten Glashalle sich zu einer Schweigeminute an den Händen fassten, Fremde wie Freunde. „Die vielen Aspekte der jüdischen Kultur zeigen“, sei immer das Anliegen des Festivals gewesen, bemerkte der künstlerische Leiter Andreas Schmitges und lud ein, „keinen der kommenden zwölf Programmpunkte zu verpassen“.

Start mit persönlicher Version der traditionellen Zugabe: Cohens „Halleluja“

Zum Auftakt präsentierte sich mit „zeitgenössischer jiddischer Musik“ von „Daniel Kahn & friends“ diese Vielseitigkeit und der Facettenreichtum gleich in einem einzigen Konzert. „Ich fang mit der Zugabe an“, scherzte Kahn und meinte das berühmte „Halleluja“ von Leonard Cohen. Die Zuhörer bekamen Kahns jiddische Übersetzung, oder besser Nachdichtung, zu hören, in der mehr noch als im Original die tiefe Auseinandersetzung mit der Religion und dem Leben zu spüren ist.

Von „Zol zayn mayn got iz gor nishto“ (Mag sein, mein Gott ist gar nicht da) zum „Vel ikh farloybn Adoynay“ (will ich loben den Herrn) ist die ganze Bandbreite des Ringens mit dem Glauben präsent, voller poetischer Allegorien und Bezüge zur Heiligen Schrift. Kahn setzt mit einer Schlichtheit, Gefühl und Präzision den Text und die Empfindung in den Mittelpunkt, verzichtet auf die pathetische Wiederholung des Hallelujas, die viele Versionen des Cohen-Songs dominiert. Hier ist es die entwaffnende Schönheit der Sprache, die tief ins Herz dringt und die sich durch alle Kahn-Kompositionen zieht. Ein Poet, der mit seiner Musik auch andere Dichter demütig und mit Liebe in Szene setzt.

Erzählung von Flucht, Exil und Heimatverlust

„Foterlender meyne“ (Meine Vaterländer) von Kadia Molodowska erzählt melancholisch tiefsinnig von Flucht, Exil und Heimatverlust. Aaron Zeitlins „Sechs Zeilen“ von der Sinn- und Identitätssuche, „Göttlich ist nur, was vergänglich ist“. Doch nicht nur jüdische Autoren interessieren Kahn, sein neuestes Projekt sind englische Übersetzungen des russischen Dichters, Chansonniers und Schriftsteller Bulat Okudschawa. Texte gegen die Unterdrückung, Texte für die Freiheit.

Begleitet wurde Kahn, der zwischen Klavier, Gitarre, Mundharmonika und Akkordeon wechselte, von Christian Dawid (Klarinette, Saxofon, Posaune), Vanya Zhuk (Gitarre) und Ilya Shneveys (Akkordeon). „Dieses Festival heißt Klezmerwelten, ihr habt es verdient, dass wir etwas Klezmer spielen“, stellte Kahn im zweiten Teil des Programmes fest und eine Flut von „nign“, Melodien aus der traditionellen, jüdischen Tanzmusik eroberte den Raum, fantastische Solo-Improvisationen aller Instrumentalisten begeisterten das Publikum. Ein rauschender Abend fand sein Ende mit Kahns jiddischer Version von Robert Allen Zimmermans „Any day now“. Robert wer? „Wohl besser bekannt als Bob Dylan“, schmunzelte Kahn, der das Publikum der stehenden Ovationen mit der erhobenen Faust der Revolution verabschiedete.

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