Impfen & Gesundheit

Pneumokokken: In Gelsenkirchen herrscht Impfstoff-Mangel

Pneumokokken: In Gelsenkirchen sorgen sich Ärzte und Apotheker, weil die Impf-Bestände nahezu leer sind. Eine Pneumokokken-Impfung kann eine sogenannte bakterielle Superinfektion durch diesen Erreger bei Patienten mit Covid-19 verhindern. Die Bakterien verursachen schwere Lungenentzündungen.

Pneumokokken: In Gelsenkirchen sorgen sich Ärzte und Apotheker, weil die Impf-Bestände nahezu leer sind. Eine Pneumokokken-Impfung kann eine sogenannte bakterielle Superinfektion durch diesen Erreger bei Patienten mit Covid-19 verhindern. Die Bakterien verursachen schwere Lungenentzündungen.

Foto: Friso Gentsch / dpa

Gelsenkirchen.  Pneumokokken: In Gelsenkirchen sorgen sich Ärzte und Apotheker, weil die Impf-Bestände nahezu leer sind. Warum die Impfung so wichtig ist.

Pneumokokken sind Bakterien, die schwere Lungenentzündungen und Blutvergiftungen auslösen können. Eine Impfung kann solche mitunter lebensgefährliche Krankheitsverläufe verhindern, doch dieser Impfstoff ist äußerst rar. Oder derzeit gar nicht verfügbar, wie WAZ-Leser Wolfgang Kothe, Apothekensprecher Christian Schreiner und Lungenspezialist Dr. Christoph Tannhof, Chefarzt der Pneumologie am Marienhospital Gelsenkirchen, jetzt berichten.

Doris und Wolfgang Kothe scheiterten mehrfach vor ein paar Tagen bei dem Versuch, ihre Pneumokokken-Impfung auffrischen zu lassen. „Leider gab es da kein Serum in der Praxis“, berichtet das ältere Ehepaar. Das, so bekamen sie zu hören, sei schon länger der Fall.

Also sprachen sie mit einem Rezept in der Hand in mehreren Apotheken vor, aber auch hier – Fehlanzeige. „Eine Apotheke erwartet eine Lieferung Ende November“, erzählen die Gelsenkirchener enttäuscht. „Das sei aber auch sehr ungewiss, und man würde uns auf die Warteliste setzen, teilte uns die Apotheke mit.“ Die beiden Senioren, die zu den Risikogruppen zählen, sind gleichermaßen verärgert und stark besorgt. „Das kann doch wohl nicht wahr und richtig sein. Alle weisen darauf hin, sich impfen zu lassen, nur Deutschland ist nicht in der Lage, genügend Serum zu ordern“, sagen sie.

Gelsenkirchener Chefarzt Dr. Christoph Tannhof: Pneumokokken-Impfung verhindert gefährliche Superinfektion bei Covid-19-Patienten

Die Pneumokokken-Impfung schützt laut Robert-Koch-Institut (RKI) zwar nicht vor Covid-19. „Allerdings können Infektionen mit diesen Bakterien zu schweren Lungenentzündungen und Blutvergiftungen führen“, erklärt Dr. Christoph Tannhof, Chefarzt der Pneumologie am Marienhospital Gelsenkirchen.

„Das RKI und wir Ärzte gehen davon aus, dass die Pneumokokken-Impfung eine sogenannte bakterielle Superinfektion durch diesen Erreger bei Patienten mit Covid-19 verhindern kann“, so der Lungenspezialist weiter. Bei Influenza- also Grippe-Erkrankungen seien bakterielle Superinfektionen durch Pneumokokken eine bekannte Komplikation. Eine Lungenentzündung bei einem Covid-19-Patienten erschwert die Genesungschancen demnach erheblich. Daher ist die Vorbeugung durch eine Impfung so wichtig, weil Corona auch die Lunge angreift.

Dr. Christoph Tannhof zufolge leiden zwischen 350.000 bis 500.000 Menschen jährlich an einer Lungenentzündung. 2018 seien bundesweit knapp 20.000 an den Folgen einer Lungenentzündung

Gelsenkirchener Apotheker Christian Schreiner: Impf-Nachschub wird erst für 2021 in Aussicht gestellt

Aber: Aktuell ist ein Pneumokokken-Impfstoff in Deutschland und anderswo nur äußerst eingeschränkt verfügbar. „Wir haben große Schwierigkeiten, Impfstoff zu bekommen“, sagt Christoph Tannhof. Und das sei derzeit weltweit der Fall. Bestätigt wird diese besorgniserregende Lagebeschreibung durch Apothekensprecher Christian Schreiner: „Tagtäglich versuchen wir und die hiesige Apothekerschaft bei Großhändlern und Herstellern, an den Pneumokokken-Impfstoff Pneumovax zu kommen. Wir werden aber auf nächstes Jahr vertröstet“, sagt Schreiner.

Das liegt laut Schreiner daran, dass es nicht darum, gehe, millionenfach Tabletten zu pressen. „Das geht schnell“. Sondern es geht darum, Seren herzustellen, die noch durch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) als zuständiges Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel der Freigabe bedürfen. „Eine schlimme Situation für Risiko-Patienten“, so Schreiner. Und Tannhof ergänzt: „Der Mangel an Pneumokokken-Impfstoff hat das Paul-Ehrlich-Institut sogar dazu veranlasst, die Impf-Empfehlung für ältere Menschen von 60 auf 70 Jahre anzuheben.“

Bestätigen kann den herrschenden Engpass Vanessa Pudlo, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Nord Westfalen (KVWL): „Laut Paul-Ehrlich-Institut sollen Einzeldosen des Impfstoffs – in Form von Fertigspritzen – voraussichtlich ab Ende Januar 2021 wieder lieferbar sein, die 10er-Packungen sind derzeit nur sehr eingeschränkt vorhanden.“ Dieser Lieferengpass sei auf die plötzlich immens gestiegene Nachfrage nach dem Impfstoff mit Beginn der Coronavirus-Pandemie im Frühjahr zurückzuführen. Im Vorjahr haben sich nach Angaben der KVWL in Gelsenkirchen 11.486 Menschen gegen Pneumokokken impfen lassen.

Notlösung: Verabreicht wird eine Kombi-Impfung mit zusätzlichem Diphtherie-Schutz

Vorrangig geimpft werden Menschen, die ein besonders hohes Risiko für diese Erkrankung haben. Dazu zählen Kinder in den ersten beiden Lebensjahren und ältere Menschen ab 60, die in den vergangenen sechs Jahren nicht gegen diesen Erreger geimpft wurden. Auch Menschen, die an chronischen Krankheiten der Lunge oder des Herzens, an einem insulinpflichtigen Diabetes oder an bestimmten neurologischen Krankheiten leiden, haben ein erhöhtes Risiko und sollten sich impfen lassen.

Mangels Pneumokokken-Impfstoff greift Apotheker Christian Schreiner zu einer Notlösung: „Wir verwenden alternativ das Mittel Prevenar. Das ist eine Kombi-Impfung, mitenthalten neben dem Schutz gegen Pneumokokken ist auch eine Abwehr gegen Diphtherie. Das Problem dabei ist aber: Die Schutzwirkung setzt auch hier erst nach mehreren Impfungen ein.“ Bei Pneumovax ist es ähnlich, der volle Schutz entfaltet sich erst nach drei bis vier Wochen.

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