Soziales

Patienten in Gelsenkirchen streiten für Cannabis als Medizin

Christa Augustin Sayin (Paritätischer) und Angelika Lingelbach (r.) vermitteln Kontakt zur Gelsenkirchener Patientengruppe „Cannabis als Medizin“.

Christa Augustin Sayin (Paritätischer) und Angelika Lingelbach (r.) vermitteln Kontakt zur Gelsenkirchener Patientengruppe „Cannabis als Medizin“.

Foto: Ingo Otto

Gelsenkirchen.  Nach einer Gesetzesänderung 2017 besteht weiter Unsicherheit über Cannabis-Therapien. Patienten in Gelsenkirchen kämpfen für die Anerkennung.

Die Anwendung von Hanf als vielseitige Nutzpflanze ist uralt, das Klischee rund um die illegale Verwendung der Droge Cannabis, so der botanische Name, neuzeitlich. Aber dadurch rutscht die Diskussion um Anbau und Verwendung fast ausschließlich in die unseriöse Ecke. Grundsätzlich stellt Angelika Lingelbach klar: „Cannabis ist verschreibungsfähig.“ Seit der jüngsten Gesetzesänderung 2017 könnte damit praktisch jeder Arzt solche Präparate verordnen. Da das nur wenige tun, kommen die schnell an ihre Budget-Grenzen gegenüber den Krankenkassen.

Große Unsicherheit, kaum Lobby

Lingelbach bezieht Position für die Patienten-Selbsthilfegruppe „Cannabis als Medizin“, vor allem aber als Betroffene. „Ich kann wieder am sozialen Leben teilnehmen, kann wieder arbeiten gehen“, und ironisch lächelnd setzt sie hinzu: „Sogar der Grad meiner Schwerbehinderung soll herabgesetzt werden.“ Ihrer Erfahrung nach sträuben sich Krankenkasse gegen die Kostenübernahme, Ärzte aus Angst vor Regressforderungen gegen die Verschreibung per Betäubungsmittel-Rezept (BtM). Auch die anonymisierte begleitende Studie, die sie führen müssten, scheuten offenbar viele Mediziner.

Dabei formuliert es die Bundesopiumstelle beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): „Ärzte können auch Medizinal-Cannabisblüten oder Cannabisextrakt in pharmazeutischer Qualität auf einem Betäubungsmittelrezept verschreiben.“ Und weiter: „Mit Inkrafttreten des Gesetzes hat das Bundesinstitut eine Cannabisagentur eingerichtet, um den Anbau von Cannabis zu medizinischen Zwecken in Deutschland zu steuern und zu kontrollieren. Die Bundesopiumstelle führe eine Begleiterhebung zur Anwendung von Cannabisarzneimitteln durch, um weitere Erkenntnisse über die Wirkung von Cannabis als Medizin zu gewinnen.

Übernahme durch die Kassen

Davon kommt an der Basis, bei Krebspatienten oder solchen mit Multipler Sklerose und nun auch bei Menschen mit chronischen Schmerzen oder Fibromyalgie, offenbar wenig an, weiß Lingelbach. „Dabei ist die Wirkung nachweisbar und die Übernahme durch die Kassen bei einer Verbesserung für die Patienten grundsätzlich nicht abzulehnen“, ist sie überzeugt.

Drastisch erklärt sie auch zur illegalen Nutzung von Cannabis: „Es ist nicht für den Konsum gedacht und geeignet. Wenn die Heilpflanze mit Dreck vermischt wird, besteht selbstverständlich Gefahr.“

Nur unter ärztlicher Aufsicht

Hanf hat nach ihrer Einschätzung sowohl in der Pharmaindustrie wie in der Politik kaum eine oder nur eine geringe Lobby. „Aber nach 26 Jahren als Schmerzpatientin weiß ich, wovon ich rede,“ und bringt es auf den Punkt: „Wir wollen schließlich gar nicht kiffen.“ Die Anwendung von Cannabis-Produkten, und es gebe aktuell wohl um die 40 Sorten allein aus den Blüten, könne und dürfe nur unter ärztlicher Aufsicht geschehen.

Ärzte sollten sich in eigener Verantwortung über den wissenschaftlichen Sachstand informieren, empfiehlt das BfArM, es könne wie bei anderen Arzneimitteln auch keine Therapieempfehlungen zur Anwendung von Cannabisarzneimitteln geben. „Die rechtlichen Rahmenbedingungen ermöglichen in allen begründeten Fällen die Verschreibung von Cannabisarzneimitteln. Die Kostenübernahme durch die Krankenkassen ist keine zwingende Bedingung für die Verschreibung von Medizinal-Cannabisblüten oder Cannabisextrakt erhalten“.

Mit der Patienten-Selbsthilfegruppe in Gelsenkirchen will Angelika Lingelbach Betroffene bei der Arztsuche, in Rechtsfragen und bei der Dosierung unterstützen. „Denn es gibt überhaupt nur wenige Therapeuten, die sich damit befassen“, musste sie erfahren.

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