Gericht

Mit Jungen vor Zug gesprungen - Gelsenkirchener geständig

Der 23-jährige Angeklagte aus Gelsenkirchen, hier mit seinem Dolmetscher (links), legte vor Gericht ein Geständnis ab.

Der 23-jährige Angeklagte aus Gelsenkirchen, hier mit seinem Dolmetscher (links), legte vor Gericht ein Geständnis ab.

Foto: Stefan Wette

Wuppertal/Gelsenkirchen.  Mit einem fremden Jungen (5) im Arm ist er im April in Wuppertal vor eine S-Bahn gesprungen. Der 23-jährige Angeklagte aus Gelsenkirchen gesteht die Tat vor Gericht.

Die Erinnerung übermannt sie. Zwei Worte, „im April“, bringt die 24-Jährige hervor, dann springt sie vom Zeugenstuhl auf. Rennt weinend aus dem Saal des Wuppertaler Landgerichtes, in dem sich seit Dienstag der Gelsenkirchener Jagdeep S. (23) verantworten muss, weil er mit ihrem fünf Jahre alten Sohn vor einen im Hauptbahnhof Wuppertal einfahrenden Zug gesprungen ist.

Ulrich Krege, Vorsitzender der Jugendkammer, folgt der 24-Jährigen. Nach wenigen Minuten kehrt er zurück: „Sie ist draußen zusammengebrochen. Ich denke, wir sollten auf ihre Aussage verzichten.“ Keiner erhebt einen Einwand. Dem Fünfjährigen haben die Prozessbeteiligten von Anfang an die Vernehmung erspart. „Um ihn nicht erneut zu traumatisieren“, sagt Richter Krege.

Den Jungen (5) der Mutter entrissen

Auch so lässt sich die Tat problemlos rekonstruieren. Eine Tat, die laut Krege „kein Elternteil je erleben sollte“. Es ging alles ganz schnell vor sechs Monaten. Am 12. April um 18.08 Uhr entriss Jagdeep S. völlig unvermittelt den Fünfjährigen der Mutter. An ihrer Hand hatte der Junge am Bahnsteig 5 auf den Zug gewartet. Der Beschuldigte und seine Opfer kannten sich nicht. „Dich nehme ich mit in den Tod“, soll Jagdeep S. nach der Erinnerung des Jungen gesagt haben.

Der 23-Jährige sprang ins Gleisbett und lief, nach Zeugenaussagen, mit dem wie eine Ikone empor gehobenen Kind auf die mit 40 Stundenkilometer einfahrende S 9 zu. Erst im letzten Moment ließ er sich fallen, lag parallel der Schiene auf dem Boden, den Jungen auf seinem Bauch.

War es ein Wunder, Glück oder bloßer Zufall, dass nicht mehr passierte? Lediglich eine Schürfwunde am Kopf trug der Fünfjährige davon. Und nur, weil der Lokführer sofort eine Notbremsung eingeleitet hatte, erfasste ein wenige Meter weiter unter dem Zug tief hängender Gegenstand das Kind nicht mehr.

Was den aus Indien stammenden Beschuldigten zur Tat trieb, bleibt unklar. In seiner Gelsenkirchener Zeit, dort lebte er einige Jahre, war er durch Körperverletzungen und Schwarzfahren aufgefallen, stand wegen seiner psychischen Probleme unter Betreuung.

Täter soll in die geschlossene Psychiatrie

Mittlerweile ist klar, dass er an einer schweren paranoiden Psychose leidet. Stimmen geben ihm Befehle, die außer ihm niemand hört. Der Justiz gilt er als schuldunfähig, kann für den ihm vorgeworfenen versuchten Mord also nicht bestraft werden. Vermutlich wird er auf nicht absehbare Zeit in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht werden.

Die Tat räumt er vor Gericht zwar pauschal ein, redet auch viel über mögliche Motive. Aber der Großteil klingt verwirrt. Einmal sagt er, es habe daran gelegen, dass er vor der Tat getrunken habe. Richter Kreger: „Das ist Quatsch. Die Blutprobe hat 0,00 Promille Alkohol ergeben.“

Früher hat Jagpeed S. mal von einem Befehl gesprochen, der in einem Mantra, das sind heilige Worte fernöstlicher Religionen, für ihn niedergeschrieben worden sei: „Ich soll ein Opfer bringen. Muss Blut fließen. Muss ein Kind sein.“ Nein, das habe er nie gesagt.

Warum er nach Wuppertal kam, will der Richter wissen. „Ich brauchte Essen, kriegte nichts Vernünftiges.“ Der Richter wundert sich: „Und dafür muss man nach Wuppertal? Das gibt es nicht in Gelsenkirchen?“

Essener springt ins Gleisbett und hilft

Ein Essener Kinder- und Jugendpsychiater, selbst ein Bahnkunde, war einer der ersten, die ins Gleisbett sprangen, um zu helfen. Der 50-Jährige sah den Beschuldigten: „Ich dachte sofort, dass er psychotisch ist. Das war meine Bauchdiagnose.“

Für Diagnosen hatte der Vater des Jungen damals keinen Sinn. Er war mit den beiden anderen, jüngeren Kindern beschäftigt und hatte zunächst gar nicht bemerkt, dass sein Sohn der Mutter entrissen wurde. Als er ihr Schreien hörte, sprang er hinterher. Unter dem gestoppten Zug sah er Jagdeep S. mit dem Kind: „Er hielt ihn fest, wollte meinen Sohn erdrosseln.“ Verzweifelt versuchte er, den Fünfjährigen der drohenden Gefahr zu entreißen, doch der Täter ließ ihn nicht los. „Ich habe ihm dann, `tschuldigung, in die Eier getreten.“

Leise, aber gefasst erzählt der Kfz-Aufbereiter, wie es seinem Sohn heute geht. Ein fröhliches Kind, sagt er, das gelte aber nur in vertrauter Umgebung. „Wenn Menschen sich schnell bewegen“, schränkt er ein, „oder er Dunkelhäutige sieht, bekommt er Panik.“ Zurzeit werde geprüft, welche Therapie für seinen Sohn sinnvoll sei.

Urteil wird am Donnerstag erwartet

Vermutlich am Donnerstag will die Jugendstrafkammer das Sicherungsverfahren mit einer Entscheidung abschließen.

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