Ein Schalker aus Dortmund

„Königsblauer Streifzug“ rührt 81-jährigen Fan zu Tränen

Verstanden sich auf Anhieb: Hannes Schölzel (82) aus Dortmund Mythostour-Macher von Oli4 Kruschinski (42).

Verstanden sich auf Anhieb: Hannes Schölzel (82) aus Dortmund Mythostour-Macher von Oli4 Kruschinski (42).

Foto: Joachim Kleine-Büning

Schalke.   Hannes Schölzel hat Olivier Kruschinskis „königsblauen Streifzug“ gelesen. Er war hin und weg. Jetzt nahm er selbst an einer Mythos-Tour teil.

Vor wenigen Wochen stand Hannes Schölzel mal wieder im Buchhandel seines Vertrauens – mitten in Dortmund (!) – in der Abteilung für Sportliteratur. Da geht er immer hin und sucht nach Büchern über seinen Verein. Und dann fand er das: „Schalke erleben – Ein königsblauer Streifzug durch Gelsenkirchen“ aus der Feder von Olivier Kruschinski. „Ich konnte gar nicht schnell genug bezahlen, um mit dem Lesen anzufangen.“

Zuhause musste Hannes Schölzel noch schnell die Katzen füttern, dann machte es sich der 81-Jährige auf dem Balkon bequem – und fraß sich förmlich durch die Seiten, durch die in Worte gemeißelte Mythos-Tour von Oli4. Seine Erika fragte zwischendurch mal nach: „Wat hasse denn da?“ Und stellte später fest: „Du hast ja feuchte Augen.“ Ja, hatte ihr Hannes. Weil: „Dat Buch nimmt mich sowas von mit.“ Kein Wunder bei so viel Leidenschaft für Königsblau.

Brief mit der Schreibmaschine geschrieben

Knappenfan Schölzel ließ das Gelesene sacken und schrieb dann selbst – und zwar einen Brief an Olivier Kruschinski. Auf seiner alten Schreibmaschine. Eine ganze Nordkurve voller Emotionen und Erinnerungen schwangen zwischen den Zeilen. Kruschinski war zutiefst gerührt – und lud Hannes Schölzel ganz spontan zu einer Mythos-Tour nach Schalke ein ...

Nun steht er vor der Schalke-Kirche St. Joseph mit seinem Nachbarn und Freund Pius Gadzekpo. Der ist zwar Dortmund-Fan, stammt aber wie Gerald Asamoah aus Ghana und hat ebenfalls längst einen deutschen Pass. Mehr Nähe geht nicht – auch wenn „Asa“ gar nicht mitgeht zu den Kultstätten, an denen Kuzorra & Co dem Verein die DNA des Kumpel- und Malocherclubs eingehaucht haben. Die beiden warten auf Oli4, der für 17.04 Uhr eingeladen hat.

Also noch Zeit genug, etwas über den alten Herrn zu erfahren. 1954 ist Hannes Schölzel aus der DDR „getürmt“ und machte im Ruhrgebiet die Karriere vieler aus dem Osten „Rübergemachter“: Durchgangslager – in seinem Fall in Essen-Heisig – und dann ab auf den Pütt. Den „Zonenflüchtling“, der in Dresden die Musikschule besucht hatte, führte der Weg nach Castrop-Rauxel und dort auf die Zeche Graf Schwerin.

Nach der Flucht auf den Pütt

Rückblickend eine gute Wahl, denn in Castrop, wo er fünf Jahre vor Kohle war, hat er seine spätere Frau Erika, eine Bergmannstochter, kennengelernt. „Als ich von dem wenig ,Moos’ mein erstes Motorrad auf Wechsel kaufte – eine 250er DKW mit roter Sitzbank – bin ich mit Erika immer auf Schalke gefahren,“ erzählt er. Bei Otto Tibulski ‘ne Sinalco trinken und dann Gänsehautatmosphäre in der Glückauf Kampfbahn tanken. . . Ein stilles Lächeln huscht um seine Mundwinkel. Und, na klar, bei Bernie Klodt in der Kneipe war er damals auch.

Die Leidenschaft für Blau-Weiß hat er von seinem Vater geerbt. „Der hat sein ganzes Leben für Schalke geschwärmt und die Knappen früher mehrmals gegen Dresden spielen sehen,“ erzählt er. Tja, einmal Schalker, immer Schalker, das gilt auch für den 81-Jährigen. Der zwar längst nicht mehr zu Heimspielen kommt, durch dessen Herz aber zweifellos königsblaues Blut fließt.

„Schalke ist der soziale Kitt in dieser Stadt“

Und dann, endlich, begegnen sich die beiden Männer, die nur einmal miteinander telefoniert hatten und nehmen sich herzlich in den Arm wie Vater und Sohn. Das ist so ein Moment, wo Hannes Schölzel fast wieder „Pippi in den Augen“ hat. Respektvoll halten sich die Mitglieder der Knappenschmiede Supporters, die heute auch auf Spurensuche durch Schalke sind, zunächst zurück.

Und dann geht es gemeinsam in die Joseph-Kirche. Fast andächtig hängen die Augen von Hannes Schölzel an Olivier Kruschinskis Lippen, als dieser etwa sagt: „Schalke ist der soziale Kitt in dieser Stadt, der kleinste gemeinsame Nenner.“ Der Rentner lässt den Blick durch die Kirche schweifen.

Ein Heiliger namens Szepan

Dann, vor dem Kirchenfenster, das den Heiligen Aloisius von Gonzaga mit dem berühmten blau-weißen Fußball zu Füßen und den Initialen IHS hoch über dem Haupt zeigt, blitzt der alte Schalk auf. „Das ist doch der Szepan,“ sagt Schölzel. Und liefert den Beweis: „Das steht doch da oben: Ich heiße Szepan.“ Donnerwetter, da hat sogar Oli4 Kruschinski noch was gelernt. Das wird sicher Eingang in die Mythos-Touren finden.

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