Starke Frauen in GE

Julia Bönisch – eine Medien-Karrierefrau aus Gelsenkirchen

Julia Bönisch: „Frauen sind oft selbstkritischer mit sich“

Julia Bönisch: „Frauen sind oft selbstkritischer mit sich“

Foto: Sedan Sieben

Gelsenkirchen.  Julia Bönisch war in der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung. Im Interview spricht sie über ihre Karriere und Wurzeln in Gelsenkirchen.

Julia Bönisch ist in Heßler aufgewachsen, in Schalke zur Schule gegangen - und schaffte es als junge Frau schnell bis an die Spitze. Bis 2019 leitete die studierte Journalistin als Chefredakteurin Sueddeutsche.de. Jetzt sitzt die 40-Jährige in der Geschäftsleitung der Stiftung Warentest in Berlin. Nach Gelsenkirchen kommt sie dennoch regelmäßig, erzählt sie im Interview.

Frau Bönisch, Sie haben Karriere in München und Berlin gemacht, ist Gelsenkirchen schon weit weg für Sie?

Julia Bönisch: Überhaupt nicht. Ich bin ja in Heßler aufgewachsen und habe in Schalke auf dem Gymnasium Abi gemacht. Meine Eltern wohnen noch immer in dem gleichen Reihenendhaus, in dem meine Schwester und ich als Kinder gespielt haben, und dort besuche ich sie auch immer noch regelmäßig.

Sie sind dann zum Studium nach Bayern gegangen. Ziemlicher Kontrast zu Gelsenkirchen…

Oh ja, das sage ich Ihnen. Als meine Mutter mich das erste Mal zur Uni nach Eichstätt gefahren hat, hat sie nur mit den Augen gerollt und gesagt: Was soll mein Stadtkind denn hier auf dem platten Land? Aber es passte trotzdem für mich. Obwohl ich da schon gemerkt habe, dass ich eher ein Stadtmensch bin. Seitdem ich in Berlin wohne, stelle ich auch fest, dass Berlin und Gelsenkirchen viele Gemeinsamkeiten haben, mehr als München und Gelsenkirchen.

Welche Gemeinsamkeiten sind das?

Na ja, es ist nicht alles so blitzblank, auch gewissen Formen von Armut sieht man in beiden Städten deutlicher als anderswo. Und die Menschen haben eine ähnliche Art an sich, eben eher schnodderig, geradeaus.

Sie sind nach dem Studium zwei Jahre lang durch Entwicklungsländer gereist. Wie kam es dazu?

Ich hatte Glück, dass sich mir die Möglichkeit bot, für die katholische Stiftung ,,Missio” in die entlegensten Gegenden zu reisen und von dort für deren Zeitschrift zu berichten. Da war ich innerhalb kürzester Zeit in Angola, Südafrika, auf Fidschi, in Vietnam, Kambodscha und auf den Salomonen. Toll und lehrreich.

Danach begann ihr Einstieg und Aufstieg bei der Süddeutschen Zeitung in München.

Genau. Ein Kollege hatte mich angesprochen, den ich damals während meiner Zeit bei Spiegel Online kennengelernt hatte, ob ich nicht nach München kommen wollte. Die Onlineredaktion der Süddeutschen war damals noch im Aufbau, wir haben mit 30 Leuten angefangen, heute sitzen dort mehr als 100. Da kam ich als junge, motivierte Kollegin in die Redaktion mit viel Zeit und Lust zum Arbeiten. Ich habe nicht angefangen mit dem Ziel, Chefredakteurin zu werden. Aber in einer Redaktion im Aufbau sind die Strukturen noch flexibel und die Hierarchien flach. Positionen sind noch nicht so festgefahren, das hat es mir sicher leichter gemacht. Aber ich kann auch was, ich weiß, was ich tue, und ich schaffe was weg. Das hat sich mitgeteilt.

Hatten Sie Förderer?

Ja, es gab Vorgesetzte, die sich für mich eingesetzt haben. Und die von mir überzeugt waren. Aber ich würde jetzt nicht sagen, ich bin Chefredakteurin geworden wegen dem und dem.

Wie haben Sie die Chefposition empfunden?

Man muss sich als Chefin daran gewöhnen, nicht nett zu allen sein zu können. Und das wird einem als Frau tatsächlich schwerer gemacht als Männern. Frauen wird das irgendwie nicht zugestanden, hart zu sein. Dabei muss man das in der Rolle einfach auch mal sein.

Was raten Sie Frauen, die Karriere machen wollen?

Immer leise sein hilft nicht. Wer was kann, muss sich zu Wort melden und was sagen. Der muss auch sagen: Ich kann das, ich will die Verantwortung hier übernehmen. Ich habe festgestellt, dass das Frauen oft schwerer fällt als Männern. Frauen sind oft selbstkritischer mit sich. Das ist ja eigentlich eine gute Eigenschaft, finde ich, denn nur wer kritisch mit sich ist, kann auch dazulernen. Aber das darf nicht dazu führen, dass Frauen ihr Licht unter den Scheffel stellen. Bei Männern findet man das viel seltener, dass jemand eine Aufgabe nicht übernimmt, weil er denkt, er kann das noch nicht gut genug.

Sie haben 2019 die Süddeutsche verlassen. Warum?

Die Süddeutsche Zeitung ist nicht das einzige Medium, das mit der digitalen Transformation zu kämpfen hat. Da prallen in den Redaktionen oft Welten aufeinander. Print und Online müssen erstmal zusammenwachsen. Und wenn es um Ressourcen geht - wer bekommt das Geld, wer bekommt die Mitarbeiter - wird mit harten Bandagen gekämpft. Wir waren am Ende unterschiedlicher Meinung.

Serie "Starke Frauen" mit einem Eigengewächs im Vorstand
Serie Starke Frauen mit einem Eigengewächs im Vorstand

Jetzt sind sie bei der Stiftung Warentest in Berlin. Wie geht es Ihnen dort?

Ich bin sehr herzlich empfangen worden. Es macht einen Unterschied, ob man als Chefin irgendwo hinkommt, oder ob man aus dem Team heraus Chefin wird. Da gibt es viele Neider. Als ich hier in Berlin angefangen habe: Das war schon vergleichsweise entspannt. Die Mitarbeiter haben es mir leicht gemacht.

Vermissen Sie den Tagesjournalismus?

Der Tagesjournalismus verlangt extrem viel von einem ab. Man ist immer auf Sendung, das Internet steht ja nicht still, eine Twittermeldung von Trump, die nachts um drei kommt, kann man nicht einfach ignorieren. Sagen wir mal so: Mein neuer Job ist auch gut für die Work-Life-Balance (lacht). Ich fühle mich hier in Berlin sehr wohl.

2017 Chefredakteurin, seit 2020 Mitglied der Geschäftsleitung von Stiftung Warentest

Julia Bönisch wuchs in Gelsenkirchen-Heßler auf und erlangte 1999 ihr Abitur am Schalker Gymnasium. Sie studierte Journalistik und BWL an der Uni Eichstätt-Ingolstadt. Nach dem Diplom (2005) war sie zwei Jahre in der Entwicklungshilfe tätig.

Nach Stationen bei Spiegel Online und dem katholischen Hilfswerk missio arbeitete sie ab 2007 bei sueddeutsche.de, wurde dort 2012 stellvertretende Chefredakteurin und 2017 Chefredakteurin. Von ihr im Mai 2019 getätigte Aussagen zur Führungskultur und zur Trennung von Redaktion und Verlag führten zu Kontroversen innerhalb der Redaktion und mit dem Betriebsrat. Am 28. Oktober 2019 verkündete der Süddeutsche Verlag die Trennung von Bönisch.

Am 1. März 2020 wurde Julia Bönisch Bereichsleiterin Digitale Transformation und Publikationen Mitglied der Geschäftsleitung von Stiftung Warentest.

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