Politik

Joachim Poß: Ein „Urgestein“ verlässt das Parlament

Zum Abschied schwelgt Joachim Poß in Erinnerungen. Alte WAZ-Bilder zeigen ihn im Wahlkampf zur Bundestagswahl 1994 (damals war Rudolf Scharping Kanzlerkandidat der SPD) und in nachdenklicher Pose 1992.

Foto: Joachim Kleine-Büning

Zum Abschied schwelgt Joachim Poß in Erinnerungen. Alte WAZ-Bilder zeigen ihn im Wahlkampf zur Bundestagswahl 1994 (damals war Rudolf Scharping Kanzlerkandidat der SPD) und in nachdenklicher Pose 1992. Foto: Joachim Kleine-Büning

Gelsenkirchen.   37 Jahre lang war Joachim Poß Mitglied des Deutschen Bundestags. Ein Blick zurück auf eine ereignisreiche Zeit voller Geschichte(n).

Mit Joachim Poß verlässt am Ende dieser Legislaturperiode ein echtes Urgestein den Deutschen Bundestag. Wobei: Urgestein – das Wort scheint der 68-Jährige nicht so gerne zu hören. Poß blickt ein wenig skeptisch und fragt: „Macht mich das nicht alt?“ Er überlegt noch einen Augenblick und ergänzt: „Na ja, es war ja doch schon eine lange Zeit.“

37 Jahre saß Joachim Poß im Bundestag. Als er zum ersten Mal im Plenarsaal Platz nahm, damals im November 1980, war Helmut Schmidt noch Bundeskanzler. Für jüngere Menschen, die nur Angela Merkel als Regierungschefin kennen, kaum vorstellbar: Schmidt war Merkels Vor-Vor-Vorgänger.

Kind der Nachkriegsgeneration

Joachim Poß hat viel erlebt, nicht nur vier Regierungschefs. Er hat den Wandel mitgemacht von der Bonner hin zur wiedervereinigten Berliner Republik, hat angefangen in einem Drei-Parteien-Parlament und hört jetzt auf, kurz bevor wohl sechs Parteien sich die Sitze im Bundestag teilen werden. Er hat Regierung erlebt, Opposition, wieder Regierung und wieder Opposition und zum Schluss noch einmal Regierung. Und er erlebt jetzt, wie es ist, loszulassen. „Für meine Verhältnisse“, sagt er mit einem leichten Schmunzeln, „bin ich da sehr entspannt.“

Joachim Poß wurde 1948 als Kind der Nachkriegsgeneration in Westerholt geboren. Seinen Vater beschreibt er als „parteipolitisch nicht gebunden“ und von seiner Mutter geht er aus, dass sie „früher CDU gewählt“ habe. „Mag sein, dass sich das angesichts meiner politischen Ämter später geändert hat.“ Fest steht: Der Hang zur Politik und vor allem zur Sozialdemokratie war ihm nicht in die Wiege gelegt.

Ein junger „Spiegel“-Leser

Dennoch begann Poß früh, sich dafür zu interessieren. „Schon mit 13, 14 Jahren habe ich angefangen, den ,Spiegel‘ zu lesen.“ 1966 trat er in die SPD ein, drei Jahre später führte er die Gelsenkirchener Jungsozialisten, die Jusos, als Vorsitzender an. 1975 zog er ein in den Rat der Stadt. Zwei Jahre später war er bereits stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion.

Irgendwann einmal Bundestagsabgeordneter zu werden, war nie sein erklärtes Berufsziel. „So etwas kann man sich auch nicht vornehmen“, sagt Joachim Poß. Dennoch haben sich die Weichen für ihn 1980 entsprechend gestellt. Seine Partei stellte ihn als Kandidaten für den damaligen Wahlkreis Gelsenkirchen I auf. Und in der ewigen SPD-Hochburg ist so eine Kür eigentlich schon gleichzusetzen mit einem Wahlerfolg. Der stellte sich am 5. Oktober 1980 wie erwartet ein: Poß gewann sein Mandat mit 59,9 Prozent der Erststimmen. Am 5. November wurde auch mit seiner Stimme Helmut Schmidt zum Bundeskanzler gewählt.

Was der mit 31 Jahren noch recht junge Abgeordnete Poß damals noch nicht wusste: Schmidt sollte keine volle Legislaturperiode Kanzler bleiben. „Das war der erste richtig große Einschnitt, den ich im Parlament erlebt habe“, erinnert er sich an die Zeit, als die sozial-liberale Koalition zu Ende ging. Ein Paukenschlag war es indes nicht: „Kohl und Genscher sagte man ja schon länger eine Art Männerfreundschaft nach.“ Der Tag im Herbst 1982, an dem die FDP die Seiten wechselte, kam also nicht ganz überraschend. In einem konstruktiven Misstrauensvotum wurde Helmut Kohl am 1. Oktober 1982 zum neuen Bundeskanzler gewählt. Und plötzlich war Joachim Poß Abgeordneter der Opposition. 16 Jahre sollte diese Epoche dauern.

Die Deutsche Einheit

Etwa zur Hälfte der Strecke passierte das wohl einschneidendste Erlebnis seiner politischen Karriere. „Die Deutsche Einheit war eine Sache, die wir uns so nicht vorstellen konnten“, sagt Joachim Poß. „Helmut Kohl hat die Gunst der Stunde genutzt.“ Es sind wohl die wenigsten Plenarsitzungen, an die Poß so klare Erinnerungen hat wie an die vom 9. November 1989. Damals, am Tag der Maueröffnung, standen alle Abgeordneten spontan auf und sagen die deutsche Nationalhymne.

Mit der Einheit musste auch eine andere Entscheidung gefällt werden: Berlin oder Bonn – welche Stadt wird oder bleibt Regierungssitz? Im Juni 1991 entschied der Bundestag mit knapper Mehrheit seinen eigenen Umzug in die Hauptstadt. „Ich habe damals dagegen gestimmt“, so Poß. Nicht zuletzt auch aus Verbundenheit zu „seinem“ Bundesland Nordrhein-Westfalen. Bis zur Umsetzung sollten noch acht Jahre ins Land ziehen.

Erst von GE nach Bonn, dann von GE nach Berlin

Für Poß Zeit genug, sich Gedanken zu machen: War die Pendelei zwischen seinem Wahlkreis und Wohnort Gelsenkirchen auf der einen und Bonn auf der anderen Seite noch recht überschaubar, würde ein Hin und Her zwischen Gelsenkirchen und Berlin aufwendiger werden. „Ich habe natürlich mit meiner Frau darüber gesprochen.“ Dass Poß von diesem Tag an noch viele Jahre Abgeordneter geblieben ist, lässt Rückschlüsse zu, wie das Gespräch unter den Eheleuten gelaufen sein muss.

1999 war es soweit: Berlin-Premiere für den mittlerweile 50-jährigen Joachim Poß, der dank Gerhard Schröder auch die Durststrecke der Opposition hinter sich gelassen hatte.

Schwere Schmerzkrankheit

Vor ihm lag damals ein weiteres Jahrzehnt prägender Ereignisse: Da waren natürlich die Terroranschläge vom 11. September 2001 und das „Nein“ des Kanzlers zu einem Bundeswehr-Einsatz im Irak. Da war aber auch die Finanzkrise 2007/08, die gerade ihn als Finanzexperten intensiv beschäftigt hat.

Aber es war auch ein Jahrzehnt, das ihm persönlich zu schaffen machte. Sechs, sieben Jahre quälte sich der Familienvater mit einer Schmerzkrankheit, einem Nervenleiden. Er habe viel versucht, wieder gesund zu werden, so Poß. Lange Zeit vergebens, während er aber weiter seiner Arbeit nachging. „Die Arbeit hat mich abgelenkt“, sagt er. Dann, im Januar 2012, folgte doch noch seine persönliche Erlösung: „Ich wurde in der Charité in Berlin operiert, mit Erfolg.“ Somit war ein Karriereende vom Tisch. Poß trat wieder an – doch diesmal sollte es seine letzte Wiederwahl werden.

Brief an Sigmar Gabriel

Im vergangenen Jahr hat er sich endgültig dazu entschlossen, nicht wieder für den Bundestag zu kandidieren. Dies teilte er dem damaligen SPD-Chef Sigmar Gabriel in einem Schreiben mit. Der wiederum antwortete mit Bedauern: „Du wirst uns in Berlin fehlen!“

Joachim Poß weiß, dass man mit Politik wohl nie so ganz aufhören kann. Mehr Zeit für sich, seine Frau, seine Familie wird er wohl dennoch bald haben. Zeit für ein gutes Buch und für Sport. „Ich jogge gerne. Das ist gut für meine mentale Entlastung.“ Und es soll ja bekanntlich jung halten. „Dass ich Ende 60 bin“, sagt Poß, „fällt mir selbst selten auf.“

„Jeden Morgen früh aufstehen und kämpfen“

Auch wenn Joachim Poß selbst nicht mehr als Kandidat antritt, so steckt er dennoch irgendwie mittendrin im Wahlkampf. Nur dass er jetzt nicht für sich und sein Mandat, sondern ausschließlich für seine Partei kämpft. „Und es lohnt sich zu kämpfen“, gibt er sich trotz schlechter Umfragewerte für Martin Schulz optimistisch. „Die Sache ist noch nicht gelaufen. Man muss jeden Morgen früh aufstehen und kämpfen.“ Das sei besonders nach der verlorenen NRW-Landtagswahl wichtig. „Das war ein herber Schlag.“

Poß’ Stuhl im Bundestag soll nach dem Willen der SPD in der kommenden Legislaturperiode Markus Töns übernehmen. Der 53-Jährige ist stellvertretender Vorsitzender des hiesigen SPD-Unterbezirks und tritt im Wahlkreis Gelsenkirchen gegen CDU-Kandidat Oliver Wittke an. Töns’ Chancen sollten trotz aller bundesweiten Trends gut stehen: In Gelsenkirchen konnte noch nie ein CDU-Kandidat ein Direktmandat für den Bundestag holen.

>>> INFO: Zur Person - Joachim Poß

  • Joachim Poß wurde am 27. Dezember 1948 in Westerholt geboren. Nach der Mittleren Reife 1965 machte er eine Ausbildung im Gehobenen Dienst und wurde 1970 zum Stadtinspektor befördert.

  • Poß trat 1966 in die SPD ein. Er war von 1980 bis 1992 Vorsitzender und von 1992 bis 1999 stellvertretender Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Gelsenkirchen. Von 1975 bis 1980 gehörte er dem Rat der Stadt Gelsenkirchen an, ab 1977 als stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion.

  • Seit der Bundestagswahl 1980 ist er Mitglied des Deutschen Bundestags. Von 1988 bis 1999 war er finanzpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Von 1999 bis 2013 war er stellvertretender Fraktionsvorsitzender für die Bereiche Finanzen und Haushalt.

  • Als Frank-Walter Steinmeier 2010 aufgrund der Nierenspende für seine Frau krankheitsbedingt das Amt des Fraktionsvorsitzenden nicht ausüben konnte, bestimmte er Poß zum Interimsvorsitzenden der SPD-Fraktion.

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