Flüchtling

Javid kam nach Gelsenkirchen, um zur Schule zu gehen

Javid Sharifi hat zwei Monate für seine Flucht aus Teheran über die Balkanroute nach Gelsenkirchen gebraucht. An der Weltkarte zeichnet er seinen Weg nach.

Foto: Michael Korte

Javid Sharifi hat zwei Monate für seine Flucht aus Teheran über die Balkanroute nach Gelsenkirchen gebraucht. An der Weltkarte zeichnet er seinen Weg nach. Foto: Michael Korte

Gelsenkirchen.   Mit 15 Jahren flüchtete Javid allein aus Teheran nach Gelsenkirchen, um hier lernen zu dürfen. Ein Zuhause fand er in Wohngruppen von St. Josef.

Javid wird am 1. Januar 18 Jahre alt, also volljährig. Der schlanke Junge mit dem blütenweißen Hemd, schwarzer Hose und ordentlicher Frisur trägt ein kleines Tattoo zwischen Daumen und Zeigefinger, eine schlichte Krone. „Hab ich selbst gemacht,“ lächelt er stolz. Der gebürtige Iraner mit afghanischem Pass kam im September 2015 nach Gelsenkirchen. Der Grund für seine zwei Monate lange Flucht allein über die damals noch geöffnete Balkanroute: Er wollte endlich zur Schule gehen dürfen.

Als afghanischer Staatsbürger – obwohl im Iran geboren – ließ man ihn dort nicht zur Schule gehen. Allerdings kämpfte die Familie wohl auch nur bedingt um einen Schulbesuch. Der Vater war froh, dass sein Sohn ihm im Gemüsehandel half. Der Arm des Vaters, eines ehemaligen Polizisten, ist zertrümmert vom Rückschlag einer Panzerfaust. Er floh mit seiner Familie aus der Heimat nach Teheran, weil er um das Leben seiner Familie fürchtete, nachdem ein Freund getötet worden war.

Berufskolleg Technik und Gestaltung

Javid kam also nach Gelsenkirchen, um hier zur Schule zu gehen. Er kam zwar allein, aber sein großer Bruder war schon hier, wohnte in einer Wohngruppe des St.-Josef-Heimes. Auch Javid fand nach einer Zwischenstation Obhut bei der Kinder- und Jugendhilfe St. Josef. Erst in der SOS-Gruppe, einem Brückenangebot für Jugendliche – auch deutsche – die Gefahr laufen, auf der Straße zu landen. Nächste Station war die „GetIn“-Wohngruppe, wo er mit acht anderen Heranwachsenden lebte, die allein aus Syrien, Eritrea, Irak oder auch Afghanistan geflüchtet waren. Sozialpädagogen helfen den Jugendlichen auf dem Weg in die deutsche Gesellschaft und Eigenständigkeit.

Javid geht ins Berufskolleg Gestaltung und Technik an der Turmstraße. Er hat sich in die höchste Stufe der Internationalen Förderklassen hochgebüffelt und will im Sommer 2018, nach nur zwei Jahren Schulbesuch insgesamt, seinen Hauptschulabschluss nach Klasse neun machen. Auch für später hat er schon einen Plan: Er möchte das Tätowiererhandwerk lernen.

Tätowieren übt Javid derzeit auf Schweinehaut

In den Ferien hat er ein sechswöchiges Praktikum in einem Studio in Gelsenkirchen gemacht, man hat ihm Talent bescheinigt, will ihn unterstützen. Javid hat sich eine einfache Tätowierpistole gekauft, übt fleißig auf Schweinehaut. Wo er die günstig kaufen kann – 82 Cent je Kilo – , hat ihm einer der Betreuer in der Wohngruppe verraten. Zur Ausbildung gehöre aber der Besuch einer Kunstschule, hat man ihm gesagt. Für eine solche Ausbildung an einer staatlichen Schule braucht er einen höheren Schulabschluss, für private, kostenpflichtige Kunstschulen reicht der nach Klasse neun.

Heute lebt Javid in einer Dreier-Wohngemeinschaft mit einem jungen Afghanen und einem Eritreer. Weil er zu alt wird für die Getin-Gruppe und für die Jugendhilfe. Junge Flüchtlinge wie er müssen ab 18 eigentlich allein zurecht kommen, sich selbst eine Wohnung suchen. „Aber das ist schwerer geworden, auch in Gelsenkirchen. Vermieter nehmen nicht so gerne Flüchtlinge, vor allem, wenn sie wie Javid nur ein Abschiebeverbot haben, Stichwort sicheres Herkunftsland. Er hat also keinen langfristig gesicherten Status“, erläutert Katharina Hein, die die Wohngemeinschaft in Diensten von St. Josef unterstützt. Problematisch ist dieser Status auch für die Finanzierung des Kunstschul-Besuches. Wer einen Ausbildungsplatz nachweisen kann, darf bleiben. Aber eine Kunstschule? „Wir werden sehen, was möglich ist“, hofft sie.

Kontakt halten nach dem Auszug

Javid hat hier Freunde gefunden, den Kontakt zur alten Wohngruppe wird er wohl nach dem Auszug ebenso halten wie die anderen, die hier ein Zuhause auf Zeit gefunden hatten. Wo er in einem Jahr sein wird: Er weiß es nicht. Am liebsten jedenfalls in Gelsenkirchen.

Kinderheim mit verschiedenen Schwerpunkt-Gruppen

>> Das St. Josef Kinder- und Jugendheim der St. Augustinus-Gruppe unterhält mehrere Außenwohngruppen mit verschiedenen Schwerpunkten. In der Getin-Gruppe, in der Javid lebte, geht es vor allem um Integration und Toleranz.

>> Wer spenden mag: Bank im Bistum Essen, IBAN DE903606 0295 0083 7300 50 Stichwort Kinder- und Jugendhilfe St. Josef

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