Kunst

In Gelsenkirchen wächst der Skulpturenwald weiter

Sibylle Pieper arbeitet in knapp zehn Metern Höhe mit der Motorsäge am Stamm der Esche im Skulpturenpark in den Berger Anlagen. Foto: Ingo Otto

Sibylle Pieper arbeitet in knapp zehn Metern Höhe mit der Motorsäge am Stamm der Esche im Skulpturenpark in den Berger Anlagen. Foto: Ingo Otto

Gelsenkirchen-Erle.  Die Holzbildhauerin Sibylle Pieper bearbeitet den nächsten Stamm im Gelsenkirchener Skulpturenwald. Die Esche soll eigene Geschichten austreiben.

Gedankenspiele, Fantasien, Assoziationen und vielerlei bunte Bilder aus der Welt der Mythologie verbinden sich im Skulpturenpark an der Adenauerallee im Berger Park. Die Holzbildhauerin Sibylle Pieper schafft dort das nächste Werk, das nunmehr 28., in der Reihe „Kunst am Baum“ des Kunstvereins Gelsenkirchen. Wiederum ist ein Baum in der Anlage in der Nähe des Spielplatzes und kurz vor dem Bergmannsheil formal zum Fällen freigegeben, und kann durch das Projekt, das seit 1993 läuft, eine neue Form gewinnen.

Ihre Krone ist die stattliche Esche schon los geworden, weil ihre Äste langsam zur Gefahr für Spaziergänger wurden. Denn dieser Baum ist wie Millionen andere seiner Art vom Eschen-Triebsterben betroffen. Es greift weltweit um sich, ein unscheinbarer Pilz aus Ostasien setzt den Eschen zu. Nun zeigt sich der hier ausgewählte Stamm mit einer letzten verbliebenen Gabelung nahezu nackt bis in gut zehn Meter Höhe, wo er bereits gekappt wurde. Zurzeit ist er mit einem Gerüst einfasst, um Sibylle Pieper bis in die Höhe kommen zu lassen.

Kettensäge mit „Carving-Schwert“

Die Künstlerin, die in der Ateliergemeinschaft an der Schattbachstraße in Bochum-Laer beheimatet ist, nennt sie ihr „Hauptwerkzeug“, die Kettensäge. Die ist für die aktuelle Arbeit auch schlicht praktisch, gibt es hier im Wald doch keinen Stromanschluss. Das Gerät ist bis auf ein Detail nicht von handelsüblichen Motorsägen zu unterscheiden, das Schwert allerdings läuft auf eine Spitze zu, ein „Carving-Schwert“ zum Schnitzen. Die Holzbildhauerin erklärt schmunzelnd, mit dem gebräuchlichen halbrund zulaufenden Schwert würde sie schlicht im Material steckenbleiben, wenn sie frontal „einsticht“.

Die Esche, der für dieses Jahr auserkorene Baum, hat ihr umgehend Material für Gedankenspielerein geboten. Die nordische Mythologie kennt den Weltenbaum, die Esche „Yggdrasil“, die die verschiedenen Welten verbindet, und zu deren Füßen, den Wurzeln also, die drei weisen Nornen Skull, Urd und Werdandi die Fäden der Zeit und des Schicksals spinnen.

Esche als Weltenbaum

Das Werden und Vergehen, Wachsen und Weichen sind an dieser Esche in den Berger Anlagen nun geradezu sichtbar beieinander. Sibylle Pieper will ihren Teil dazu tun, und auch der längst der Äste beraubte Baum wird das tun. Denn so lange er Wurzeln hat, wird er auch weiter austreiben, und so auch die Arbeit der Künstlerin stetig ändern.

„Der Stumpf mit seinem Wurzelwerk klammert sich immer noch kraftvoll an das Erdreich. So als stünde der Erneuerung beziehungsweise der Reinkarnation - als einer Frage der Zeit - nichts im Wege,“ beschreibt Ulrich Daduna, Vorsitzender des Kunstvereins Gelsenkirchen, als Grundlage des Projekts „Kunst am Baum“. Und so weist Sibylle Pieper zu Füßen von Gerüst und Eschen-Stamm auf die Werke der vergangenen Jahre in der Nachbarschaft und vor allem auf die Lücken hin, denn einige der Bäume sind über die Zeit inzwischen schon gefallen.

Eine sich um den Stamm in die Höhe wickelnde Stoffbahn dient ihr als Hilfslinie, die Arbeit soll mit einer Holzkugel, die eigens in Piepers Werkstatt entsteht, in der stehen gebliebenen Astgabelung gekrönt werden. Sie wird eine eigene Geschichte enthalten oder entwickeln, dem Wachsen und Vergehen einen neuen Aspekt beisteuern, so hat es sich die Künstlerin zurecht gelegt.

Schwerpunkt ist die Linie

Überhaupt ist die Vorbereitung, die schlichte Logistik, auch ein bedeutender Teil ihrer Arbeit, gerade hier am lebenden Stamm im Wald. Sie arbeitet vorzugsweise mit heimischen Hölzern, „Eiche, Buche, Pappel oder Kirsche“, aber dann aus nahe liegenden Gründen „mit großen Durchmessern“, denn einmal weg ist weg bei der Arbeit mit der Motorsäge. Dabei legt Sibylle Pieper großen Wert auf den grafischen Bereich ihrer Arbeiten, die Linie, und ist weniger mit Skulpturalem befasst.

Dazu fasst sie zusammen: „Keine Linie gleicht der anderen Linie. Der Versuch, dieselbe Linie noch einmal ziehen zu können, ist ein Irrtum. Jede Arbeit ist ein Unikat. Niemals versuche ich, diese zu kopieren oder zu vervielfältigen. Es widerspräche der Idee von der Linie und auch der Einzigartigkeit des Werkstoffes. Beides, die Linie und das Holz, sind starke Positionen. Sie fordern heraus und beflügeln meine Kreativität.“

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