Justizvollzugsanstalt

In der Schule lernen Gefangene die eigenen Stärken kennen

Annabella Emas (35), ausgebildete Lehrerin für die Fächer Deutsch und Religion, unterrichtet männliche Strafgefangene in der Justizvollzugsanstalt Gelsenkirchen.

Foto: Martin Möller

Annabella Emas (35), ausgebildete Lehrerin für die Fächer Deutsch und Religion, unterrichtet männliche Strafgefangene in der Justizvollzugsanstalt Gelsenkirchen. Foto: Martin Möller

Gelsenkirchen.   In der Justizvollzugsanstalt können sich Gefangene zum Unterricht melden. Voraussetzung für die Annahme ist der Wille, sich weiterzubilden.

Acht Männer drücken die Schulbank an diesem Montagmorgen. Lernen ist nichts für Faule, die sich einen lauen Lenz im Gefängnis machen wollen. Um lernen zu dürfen, müssen sie sich bewerben, werden ausgesucht, ob sie geeignet sind. Sie müssen mitmachen, „Hausaufgaben“ erledigen, Weiterbildung wollen. Halten sie sich nicht an die Regeln, machen sie nicht mit, ist Schluss mit schlauer werden.

Die Gefangenen lernen anders als Schüler im regulären Schulbetrieb. Sie dürfen die Themen mit aussuchen, bekommen aber auch Strukturen an die Hand. Sie lernen zum Beispiel, dass Sprache und Schrift auch über Systematik verfügen. Wenn ein Wort auf -heit oder -keit endet, dann ist es ein Substantiv (Hauptwort) und wird groß geschrieben: wie Freiheit, Faulheit, Einheit oder Eitelkeit, Süßigkeit, Müdigkeit.

Lehrerin Annabella Emas hält die Fäden in der Hand

Annabella Emas (35) unterrichtet an diesem Montagmorgen acht Männer. Rücksichtsvoll geht sie mit den Gefangenen um, die viel zu oft im Unterricht dazwischen quatschen als wären sie Grundschüler. Aber sie fordert auch Regeln ein. Mal mit Blickkontakt, mal mit Aufforderungen, sich zu konzentrieren, mitzumachen, nachzudenken. Sie hält die Fäden in der Hand. Regeln sind dazu da, eingehalten zu werden. Auch und gerade im Knast.

Hübsch und attraktiv ist die Lehrerin, die Deutsch und evangelische Theologie für die Sekundarstufe I studiert hat. Und sie kleidet sich anders als in ihrer Freizeit. Röcke und tiefe Ausschnitte im Oberteil sind tabu, Business-Kleidung der ganz speziellen Art.

Wie alle anderen Mitarbeiter in der Justizvollzugsanstalt hat auch sie immer ihren Alarmknopf am Hosenbund. Aber Sorge, dass sie ihn wirklich mal braucht, hat sie nicht.

Zurzeit steht der Nationalsozialismus auf dem Lernprogramm. „Erläutern Sie, wie Hitler es geschafft hat, in der Bevölkerung Zuspruch zu erhalten?“ ist eine Frage, auf die die Männer Antworten geben sollen.

Beim Bewerben kommt es aufs eigene Verhalten an

Dann geht es aktuell um das Thema Bewerbungen. Die Gefangenen sollen einen Einstellungstest machen, um auf die Zeit nach ihrer Entlassung vorbereitet zu sein. „Was ist ein Einstellungstest?“ will die 35-Jährige wissen. Klar wird, dass ein Foto eine ganz andere Aussage enthält, als wenn ein Mensch vor einem steht. Es kommt auf das eigene Verhalten an. Theorie kommt vor der Praxis.

Später werden Bewerbungsgespräche richtig eingeübt. „Welches Thema sollen wir denn bis Weihnachten durchnehmen?“, fragt Annabella Emas und schlägt einige Gesellschaftsthemen vor, weil Vorschläge ausbleiben. „Weltkrieg, Armut, Alleingelassen und Weggesperrt“ sind ihre Vorschläge. „Das Problem ist, dass die Gefangenen ihre eigenen Stärken nicht kennen“, sagt sie. Sie müssen erst einmal lernen, was sie eigentlich können“, erklärt die Lehrerin.

Viele sind durch Drogen nachhaltig geschädigt

Der überwiegende Teil hat aufgrund von jahrelangem Drogenkonsum nachhaltige Schäden davon getragen. Ihnen fällt Konzentration richtig schwer. Durchschnittlich sechs Monate bleiben die Gefangenen in den Unterrichtseinheiten, manchmal mehr, manchmal weniger. Dafür, dass sie am Unterricht teilnehmen, bekommen sie Geld. Von 8 Uhr bis 11.30 läuft straffer Unterricht für die Gefangenen. „Unsere Ziele sind kleinschrittiger, aber wir kommen voran“, sagt die Lehrerin.

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