Wirtschaft

Harter Konkurrenzkampf in Gelsenkirchens Reinigungsbranche

Für die meisten Beschäftigten in der Reinigungsbranche ist der Mindestlohn Anfang Januar in Westdeutschland von 10 auf 10,30 Euro angehoben worden.Die IG BAU fürchtet dennoch eine weitere Leistungsverdichtung.

Foto: imago/Sven Simon

Für die meisten Beschäftigten in der Reinigungsbranche ist der Mindestlohn Anfang Januar in Westdeutschland von 10 auf 10,30 Euro angehoben worden.Die IG BAU fürchtet dennoch eine weitere Leistungsverdichtung. Foto: imago/Sven Simon

Gelsenkirchen.   Stölting kritisiert nach Zoom-Aus Vergabeverfahren. Die IG BAU sieht ein anderes Problem: Viele Firmen wachsen nur durch Verdrängungswettbewerb.

Zehn Jahre lang hat Stölting, der Service-Dienstleister mit Sitz in Erle, die Zoom-Erlebniswelt gereinigt. Den Auftrag verlor das Unternehmen jüngst an einen Kölner Konkurrenten. Der Ärger bei Stölting, mit Gebäudereinigung, Sicherheitsdiensten und Personalservice bundesweit im Geschäft, ist wie berichtet groß. Die Gegenwehr – unter anderem mit einem Einspruch bei der Vergabe-Kammer – war vergebens.

Firma aus Köln bekam den Zuschlag

Bei der IG BAU (Bauen, Agrar, Umwelt), in der Vergangenheit durchaus mal über Kreuz mit Stölting, versteht man den Unmut. „Wir haben immer gesagt: Erstmal kommen die Unternehmen vor Ort. Es ist schon schizophren, dass eine Firma aus Köln ein hiesiges Unternehmen unterboten hat“, sagt Bodo Matthey, Regionalleiter der IG Bau Westfalen. Und: „Das ist schon ein hartes Geschäft. Man verdient aber gutes Geld dabei. Nur eben die Beschäftigten nicht.“

Die Reinigungsbranche steht in knallharter Konkurrenz. Auch Stölting trägt dazu bei. „Wir befinden uns in einem Verdrängungswettbewerb“, stellte Unternehmenschef Hans Mosbacher bereits 2014 gegenüber der WAZ fest und nannte seine Wachstumsformel für die Holding mit damals bereits rund 30 Tochterfirmen: „Guter, aber recht aggressiver Vertrieb. Wir haben Mitbewerbern Aufträge abnehmen können. Das hat manchen sicher weh getan.“ In dem Jahr stieg Stölting auch erfolgreich in die Klinik-Reinigung ein. In den Marienhospitälern in Gelsenkirchen und Buer bekamen die Erler bei einer Ausschreibung den Vorzug vor dem Klüh-Clinic-Service. 140 lokale Klüh-Kräfte verloren damals ihren Job, viele klagten vor dem Arbeitsgericht. Jetzt beklagt Stölting, dass bis zu 25 Zoom-Kräfte mit ihren Jobs vom Auftragsverlust betroffen seien. Bei der IG BAU geht man allerdings davon aus, dass ein neuer Auftragnehmer auch einen Teil der bisherigen Beschäftigten benötigt. „Die sind ja oft auf das vorhandene Personal angewiesen. Dafür kommt ja keiner für zwei, drei Stunden aus Köln angereist“, sagt Ali Ekber Kosan, Gewerkschaftssekretär beim Bezirksverband Emscher-Lippe -Aa.

Preis ist ein wesentliches Kriterium

Aber auch Kosan betont: „Als Lokalpatriot will ich natürlich, dass Unternehmen vor Ort Aufträge bekommen.Aber leider ist das oft nicht so. Bei der aggressiven Akquise machen alle mit und schaufeln sich gegenseitig ein Grab.“

Der günstigste Preis ist bei öffentlichen Ausschreibungen wesentliches Vergabekriterium. Doch die Aussage des Stadtsprechers, man könne als Verwaltung die Vergabekriterien nicht beeinflussen, erwecke den Eindruck, dass öffentliche Auftraggeber tatsächlich keinerlei Einfluss hätten. „Dies ist nicht korrekt“, betont Stölting-Geschäftsführer Sebastian Mosbacher.

Europäisches Ausschreibungsverfahren

Stölting, sagt er, habe keineswegs den Anspruch erhoben, außerhalb gültigen Vergabe-Rechts bevorzugt behandelt zu werden, sondern habe lediglich auf die Ermessenslage hingewiesen „Durch den strukturierten Aufbau von europäischen Ausschreibungsverfahren soll“ laut Mosbacher „durch zwei Ebenen eine wirtschaftliche und qualitativ hochwertige Vergabe gewährleistet sein.“ Und zwar durch die Prüfung sogenannter „Eignungs-“ sowie „Zuschlagskriterien“, die eine geeignete Bewerberauswahl sicherstellen sollen. Somit zählten neben dem Preis-/Leistungsverhältnis eben bei der Vergabe auch qualitative-, umweltbezogene- und/oder soziale Aspekte.

In der Praxis, glaubt IG-BAU-Sekretär Kosan, käme es in der Branche unabhängig von festgeschriebenen Kriterien zu weiterer Arbeitsverdichtung. „Seit 2018 ist der Mindest-Stundensatz auf 10,30 Euro gestiegen. In der Regel bedeute das: „In einer Stunde müssen die Beschäftigten jetzt eben mehr schaffen. Die Kollegin, die auf 450-Euro-Basis arbeitet, wird den Teufel tun, sich zu mucken, weil sie Sorge hat, ihre Arbeit zu verlieren.“

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