Häusliche Gewalt

„Häusliche Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem!“

An 13 Ständen im Wissenschaftspark Gelsenkirchen informierten sich Akteure aus vielen Bereichen über Informations- und Hilfsangebote zum Thema „Häusliche Gewalt“.

An 13 Ständen im Wissenschaftspark Gelsenkirchen informierten sich Akteure aus vielen Bereichen über Informations- und Hilfsangebote zum Thema „Häusliche Gewalt“.

Foto: DE / Gleichstellungsstelle Gelsenkirchen

Gelsenkirchen-Altstadt.  Bei einer Fachtagung im Wissenschaftspark Gelsenkirchen kamen Profis zusammen. Kernpunkt: die Anforderungen der Istanbul-Konvention.

Jede dritte Frau ist laut Statistik bundesweit von häuslicher Gewalt betroffen. Bei so einer hohen Anzahl von Opfern sollte man denken, dass dieses Thema publik und präsent ist. Eigentlich. Doch das ist mitnichten so, stellt Dagmar Eckart fest. Gelsenkirchens Gleichstellungsbeauftragte nennt im nächsten Atemzug auch gleich den Grund dafür, dass diese Problematik fast ein Schattendasein fristet, es sei denn, die Überbelegung von Frauenhäusern komme zur Sprache: „Das Thema ist in der Öffentlichkeit mit einem Tabu belegt.“ Eine Fachtagung vereinte Fachleute verschiedener Disziplinen unter dem Dach des Wissenschaftsparks Gelsenkirchen, um Licht auf „Häusliche Gewalt“ zu werfen, zu sensibilisieren und den Austausch zu fördern.

Eckart betonte: „Wir wollen mehr Sicherheit in den Umgang mit diesem Thema bringen.“ Das gilt für Profis wie Lehrkräfte ebenso wie für Laien. Was tun, wenn beispielsweise der Verdacht aufkommt, die Nachbarin oder Mutter eines Schülers wird von ihrem Partner geschlagen? Ignorieren nach dem Motto „Damit will ich nichts zu tun haben“?

Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist nicht allgemein bekannt

Solch ein Verhalten sei keineswegs die Ausnahme, weiß die Gleichstellungsbeauftragte. Das Umfeld der Opfer – zu 85 Prozent weiblich – fühle sich oftmals überfordert. Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“, das Anrufe kostenlos und auch anonym annimmt, sei nicht allgemein bekannt.

Die Gleichstellungsbeauftragte sagte mit Nachdruck: „Es handelt sich nicht um ein privates, sondern ein gesellschaftliches Problem.“ Das jedoch oft im Verborgenen sei: „Studien belegen, dass 80 Prozent der Taten im Dunkelfeld bleiben.“ Folglich misstraut Eckart der Aussagekraft von Polizeidaten. Viele Opfer zeigen ihre Peiniger aus Scham oder Angst gar nicht an. Oder sie befürchten: „Die Täter werden ja nicht zur Rechenschaft gezogen.“ So gelangen nur die angezeigten Taten in die Statistiken. Demnach sanken die Opferzahlen von 805 im Jahre 2017 auf 787 (2018).

Häusliche Gewalt geht durch alle Bevölkerungsschichten

Unstrittig sein dürfte: „Häusliche Gewaltist ein Phänomen, dass durch alle Bevölkerungsschichten, Altersgruppen und Kulturkreise geht.“ Bürgermeisterin Martina Rudowitz nannte es erschreckend, dass das Zuhause „der unsicherste Ort für Frauen“ sei. Mit gravierenden Folgen für Kinder, wie Wolfgang Schreck, Leiter des Gelsenkirchener Jugendamtes, darlegte. Miterlebte Gewalt zwischen Vater und Mutter „kann zur gleichen Traumatisierung wie eine direkte körperliche Misshandlung des Kindes selbst führen“. Eckart: „Aus dem Fehlen anderer Verhaltensmuster wird häusliche Gewalt an die nächste Generation weitergegeben.“

Viele Menschen seien bei dem Thema involviert. Nicht von ungefähr war die Fachtagung, in der sich 139 Akteure in Workshops mit speziellen Aspekten befassten, überschrieben mit: „Häusliche Gewalt ist vielfältig: Hinhören – Hinsehen – Helfen!“ Die Stadt Gelsenkirchen mit der Gleichstellungsstelle und dem Referat Zuwanderung und Integration, der Awo-Unterbezirk Gelsenkirchen/Bottrop, die Fachdienste für Integration, Zuwanderung und Flüchtlinge sowie der „Runde Tisch gegen häusliche und sexuelle Gewalt“ hatten gemeinsam die Tagung auf die Beine gestellt.

Dagmar Eckart: „Diese Veranstaltung im Wissenschaftspark gibt es in dieser Form das erste Mal. Sie ist der Auftakt zur Umsetzung der Istanbul-Konvention.“ Wie bitte? Istanbul Konvention? Gelsenkirchens Gleichstellungsbeauftragte berichtet: „Es ist offensichtlich, wie wenige Menschen davon wissen.“ Bei dem völkerrechtlich ausgehandelten Vertrag handelt es sich um ein Gesetz zu dem Übereinkommen des Europarates, Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt zu verhüten und zu bekämpfen, Betroffenen Schutz zu bieten und Täter zu bestrafen. Deutschland ratifizierte die Konvention im Februar 2018.

Welche Anforderungen ergeben sich aus der Istanbul-Konvention?

Welche Anforderungen sich daraus ergeben, führte Dr. Monika Schröttle aus, Leiterin der Forschungs- und Beobachtungsstelle „Geschlecht, Gewalt, Menschenrechte“ am Institut für empirische Soziologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg“. Dagmar Eckart resümierte: „Es bleibt noch viel zu tun, um die Anforderungen der Istanbul-Konvention umzusetzen.“ Gewaltprävention brauche breite Bündnisse, Öffentlichkeit und ein koordiniertes Vorgehen.

Zahlreiche Akteure beteiligt

An 13 Ständen informierten lokale und externe Fachleute aus vielerlei Bereichen im Wissenschaftspark Gelsenkirchen über Formen und Anzeichen „häuslicher Gewalt“, Folgen und Möglichkeiten der Hilfe. Das breite Spektrum reichte von A wie Agisra e.V. Frauenberatungsstelle Köln bis zu W wie Weißer Ring, die europaweit aktive Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer und ihre Familien.

Ebenfalls vertreten waren: das Frauenhaus der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Gelsenkirchen/Bottrop, „BIEST Frauenberatungs- und Kontaktstelle“ Gelsenkirchen, „Blickwinkel – Hilfs- und Beratungsangebote gegen sexuelle Gewalt an Jugendlichen und Kindern“, das Bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“, das Frauenhaus Gelsenkirchen „Frauen helfen Frauen“, das Mädchenzentrum, die Migrationsberatung von Awo und Caritas, das Kriminalkommissariat Kriminalprävention/Opferschutz der Polizei NRW/Gelsenkirchen, das städtische Referat Kinder, Jugend und Bildung, die Stadtbibliothek Gelsenkirchen und der Verein „Täterarbeit – Die Brücke Dortmund“.

„Wir hatten für diese Fachtagung 200 Anmeldungen“, so Gelsenkirchens Gleichstellungsbeauftragte Dagmar Eckart. Sie bedauert: „Leider mussten wir 50 Absagen erteilen, um arbeitsfähig zu sein.“

In den Workshops beschäftigten sich die Gruppen mit Themen wie „Facetten des Stalkings und Infrastruktur der Hilfsangebote“, die „Istanbul Konvention“ und ihre Bedeutung vor Ort sowie „Mann ohne Gewalt – Opferschutz durch gezielte Täterarbeit“. Eine weitere Tagung und eine Plakataktion sind geplant.

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