Tradition

Gelsenkirchen: Konditorei Pabst versüßt Leben seit 70 Jahren

Tanja Papst übernahm 2004 die Konditorei von ihrem Vater Heinz-Friedrich Pabst. Der hilft mit seiner Frau Margarete an den Wochenenden allerdings auch heute noch mit.

Tanja Papst übernahm 2004 die Konditorei von ihrem Vater Heinz-Friedrich Pabst. Der hilft mit seiner Frau Margarete an den Wochenenden allerdings auch heute noch mit.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen-Altstadt.  Wunschtorten und hochwertige Zutaten sind Markenzeichen der Gelsenkirchener Konditorei Pabst. Der Familienbetrieb startete 1950 in der Altstadt.

„70 Jahre Versüßung des Lebens“ – unter dem Motto feiert die Konditorei Pabst an der Arminstraße ihren runden Geburtstag. Die Konditormeisterin und heutige Chefin Tanja Pabst ist die Enkelin der Gründers. Und so wunderbar heimelig, traditionell und dank Kristalllüster hell erleuchtete Verkaufsraum und auch das Café wirken mögen: Die Zukunft hat auch hier längst begonnen.

„Unsere Kunden kommen aus der ganzen Region, heute vor allem wegen unserer Wunschtorten. Wir werben auch über Facebook und natürlich über unsere Homepage, statt ausgedruckter Fotos schicken uns die Kunden Email mit den Wunschmotiven für ihre Torte“, erklärt Tanja Pabst. Immer beliebter werden dabei amerikanische Torten, wie sie sie nennt. Diese sind nicht wie die klassische Buttercremetorte oder auch Schwarzwälder-Kirsch sieben Zentimeter hoch, sondern 20 oder 30 Zentimeter, in Extremfällen gern auch mal bis zu einem Meter.

Großmutter erwirtschaftete mit einem Eiswagen am Trümmerfeld 1949 das Startkapital

Angefangen hat bei den Pabsts alles 1949 mit einem kleinen Eiswagen an der Weberstraße, neben einem Trümmergrundstück. Tanja Pabsts Großmutter Gisela verkaufte hier das Eis; der Erlös daraus war das Startkapital für die erste Konditorei der Familie mit Café an der Weberstraße. Großvater Heinz hatte seinen Konditormeister 1939 gemacht. Vor dem Krieg reiste er durch die ganze Republik, um sein verführerisches Handwerk zu perfektionieren. Anno 1950 dann waren die ausgehungerten Gelsenkirchener nur allzu bereit, ihren noch langsam wachsenden Reichtum in Kalorien zu investieren, in Naschwerk mit der so lange vermissten „guten Butter“. Auch das Café Bußmann, bis vor einigen Jahren noch am Neumarkt in den heutigen „Mercury“-Räumen beheimatet und zwischenzeitlich in Pabst-Hand, eröffnete zu der Zeit. In den 50er- und 60er-Jahren schossen immer mehr Konditoreien aus dem Boden, bis zu zehn waren es zu Spitzenzeiten. Café Nase, Hunold, Neege – bis heute geblieben ist im Stadtzentrum allein Pabst.

„Wir haben die Grillage-Torte in Gelsenkirchen eingeführt“

Geblieben sind auch die hauseigenen Klassiker. „Die Grillage-Torte haben wir in Gelsenkirchen eingeführt“, erklärt Senior Heinz Pabst (noch 68) stolz. Ein Baiser-Nuss-Boden mit hauchdünner Schokoschicht und einem besonderen Parfait obenauf: Im Sommer ist das noch heute der Renner. Auch „Monte Carlo“ können Stammkunden selten widerstehen: ein Mürbeteigboden mit Marzipan verbacken und mit einer Pralinencremeschicht. Kalorien werden hier nicht gezählt. „Noch nicht. Die neuen Verordnungen schreiben vor, alle Inhaltsstoffe anzugeben, bei Allergenen gilt das ja schon länger. Kalorien und Fett gehört dann auch dazu“, seufzt Tanja Pabst, die selbst kaum Probleme damit haben dürfte.

40 Gebäcksorten und „nackte Kuchen“

https://www.waz.de/staedte/gelsenkirchen/gelsenkirchen-so-abonnieren-sie-unseren-waz-newsletter-id229659256.html Nicht wirklich diättauglich sind auch die beliebten „naked cakes“, die im Gegensatz zu traditionellen Torten keinerlei Umhüllung haben, bei denen die verschiedenen Schichten somit sichtbar sind. Diese sahnig-cremigen und oft farbfrohen Kunstwerke zum Bestimmungsort zu transportieren ist eine echte Herausforderung. Bisweilen geht es nicht ohne Sicherungsstäbchen im Inneren. „Die klassische Hochzeitstorte mit drei Etagen und Marzipan-Brautpaar als Krönung wird heute eher selten bestellt“, erklärt Tanja Pabst. Aber sie ist natürlich weiterhin im Angebot, ebenso wie die unvermindert beliebten, 40 verschiedenen Gebäcksorten, die „ausschließlich mit hochwertigen, frischen Zutaten hergestellt werden“, wie sie versichert. Entsprechend dem Geschmack liegen sie allerdings auch preislich ein wenig über Supermarkt und Billig-Bäcker-Niveau.

Von der Eiskönigin für Kinder bis zur essbaren Steckdose für den Elektriker

Der Renner als Motiv für Kindergeburtstage ist heute Elsa, Disneys Eiskönigin. Aber auch Pokemon sind noch ein Thema, Fußball und Dinosaurier ohnehin. Beim Pressetermin ist gerade eine Bestellung fertig geworden: Eine Marrakesch-Torte mit einem tiefenentspannten Marzipan-Kamel, das auf einem sandfarbenen Fond ruht, neben ihm eine Palme und ein Beduinenzelt – wer wagt, so ein Kunstwerk anzuschneiden? Eines der skurrilsten Motive zauberte Tanja Pabst für einen Elektriker: Eine (essbare) Steckdose und Kabel zierten die Torte.

Verkaufshit in Corona-Zeiten: Süße Klorollen

In diesem Frühling landete die Chefin einen wahren Verkaufshit: sie buk köstliche Klopapier-Rollen. Zitronen-Sandkuchen in Rollenform mit weißer Fondant-Umhüllung, eine humorvoll-köstliche Reaktion auf unser aller überraschende Gier nach dem Toilettenartikel. Mehr als 1000 dieser Rollen gingen über ihren Verkaufstresen. In diesen Tagen beginnt allerdings bereits die Stollenzeit. „Die schicken wir in die ganze Republik und manchmal bis in die Staaten“, wirft der Vater ein. Was gut läuft, weiß auch er noch: Gemeinsam mit seiner Frau hilft er regelmäßig an den Wochenenden. Insgesamt zählt der Betrieb heute 14 Mitarbeiter.

Am Samstag, 17. Oktober, wird ab 9 Uhr im Ladenlokal an der Arminstraße 17 gefeiert: Mit Sektempfang und Obstcanapées für Kunden, auch die Wirtschaftsförderung und die City-Initiative gratulieren – unter Einhalten der Corona-Regeln, versteht sich.

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