Pilze

Giftig oder nicht? Pilzsuche im Stadtwald Gelsenkirchen-Buer

Der Mann kennt sich mit Pilzen aus: Björn Sontopski ist der für Gelsenkirchen-Buer zuständige Experte der Deutschen Gesellschaft für Mykologie. Hier begutachtet er gerade eine Nebelkappe.

Der Mann kennt sich mit Pilzen aus: Björn Sontopski ist der für Gelsenkirchen-Buer zuständige Experte der Deutschen Gesellschaft für Mykologie. Hier begutachtet er gerade eine Nebelkappe.

Foto: Ingo Otto / FFS

Gelsenkirchen-Buer.  Klangvolle Namen und viele Geschichten kennt der Pilzexperte Björn Sontopski. Der Fachmann bietet auch Führungen in Gelsenkirchen-Buer an.

Wenn Björn Sontopski erzählt, dann ist es mal, als höre man einen Sommelier sprechen, werden Düfte beschrieben und Geschmack. Dann wieder klingt es, als lese er aus einem Harry-Potter-Band vor, fallen Namen wie „Judasohr“, „geweihförmige Holzkeule“ oder „Mordschwamm“. In beiden Momenten beschreibt er jedoch nur, was ihm eine echte Passion ist: Pilze in Wald und Flur – die auch in Gelsenkirchen zu finden sind.

Der gebürtige Erler, der heute in Bottrop wohnt, ist der für Buer zuständige Pilzexperte der Deutschen Gesellschaft für Mykologie – mit Brief und Siegel. Dabei ist es erst sechs Jahre her, dass er selbst zum ersten Mal „in die Pilze“ gegangen ist. Von Kindesbeinen an sei er viel draußen in der Natur gewesen. „Immer habe ich mich dafür interessiert, was aus der Natur man essen kann. Da stolpert man automatisch über Pilze. Aber ich kannte lange keinen Menschen, der sich auskennt und mir helfen konnte.“

Vor dem Sammeln muss man sich kundig machen

Ein ganz wichtiges Stichwort: Davon, auf eigene Faust mit einem Körbchen in den Wald zu ziehen, rät der Experte dringend ab. Man solle sich am besten über Seminare kundig machen. „Oder mindestens den Korb einem Pilzsachverständigen zeigen, bevor man die Pilze isst.“ So könne man ihn stets anrufen und kurzfristig einen Termin vereinbaren.

Überall im Wald gebe es Pilze, sagt Björn Sontopski. Und tatsächlich, schaut man einmal genau hin, hat man schnell ganz viele Funde. Der erste ist ein Hallimasch am Wegesrand. Essbar sei der schon. „Allerdings ist er roh giftig. Der muss gut gegart werden“, sagt er und meint damit eine Garzeit von rund 30 Minuten. Der nächste Fund: ein Riesenporling. Der im jungen Zustand essbare Pilz sei ein Schwächeparasit und zersetzt hier gerade einen alten Baumstamm.

Es gibt drei Arten von Pilzen

Zeit für ein kleines Erklärstück: Es gebe drei Arten von Pilzen, führt der Fachmann aus. Mykorrhiza leben in Symbiosen mit Bäumen – zum Vorteil aller. Parasiten hingegen befallen andere Lebewesen allein zum eigenen Vorteil. Zum dritten gibt es Saprobionten, also zersetzende Pilze. Ein solcher sei übrigens auch der Champignon. „Nur deswegen kann man ihn züchten.“ Die Symbiosen zwischen Baum und Pilz nämlich könne man nicht nachahmen.

Jetzt geht es in den Wald hinein. Unter Bäumen finde man viele Pilze. Sicher, es gebe auch welche auf Wiesen. Der Riesenbovist sei dafür ein Beispiel. Den lieben ja viele Feinschmecker. Die gute Nachricht: Ihn kann man ruhig sammeln. „Der ist eindeutig. Es besteht keine Verwechslungsgefahr. Es gibt sonst keinen Pilz, der so groß wird.“

„Pilze töten langsam und grausam“

Neben einer Birke steht ein recht unscheinbarer Pilz. „Eine Nebelkappe. Die ist kein Speisepilz mehr.“ Es habe sich herausgestellt, dass der Pilz krebserregende Stoffe enthalte. Gleich daneben stehen etliche wunderschöne Fliegenpilze. Vorsicht, giftig – so lernt man es als Kind. „Der ist aber nicht tödlich giftig. Allerdings enthält er Halluzinogene.“ Richtig giftige Pilze seien höchst gefährlich. „Pilze töten langsam und grausam. Die Organgifte greifen Leber und Nieren an.“

Wieder ein Fund. Björn Sontopski nimmt den Pilz vom Boden hoch und riecht an dessen Unterseite. Das sei sehr wichtig für die Bestimmung. Und zwar „immer da, wo die Kinder herkommen“. Also unter dem Hut. In diesem Fall wird ein violetter Röteltrichterling beschnuppert. „Der duftet würzig, parfümiert.“ Tatsächlich.

Hexenringe galten einst als Tor zur Unterwelt

Ist der Blick einmal geschärft, sieht man nur noch Pilze um sich herum. Kaum einer steht allein, die meisten in der Gruppe, oftmals im Kreis. Das sei ein „Hexenring“ erklärt der Fachmann, die Menschen früher hätten geglaubt, hier einen Einstieg in die Unterwelt vorzufinden. Die Struktur entstehe jedoch nur durch das sich ausbreitende Geflecht im Boden. Das, was sichtbar ist, seien nämlich nur die Fruchtkörper. „Der eigentliche Pilz ist im Boden.“ Deswegen sei auch die Ernte kein Problem. Im Gegenteil: „Der Pilz freut sich, weil wir unser Körbchen durch den Wald tragen und die Sporen verteilen.“

Er selbst esse übrigens kaum noch Pilze. In seinen Anfangszeiten habe er so viele verdrückt, dass er bis heute eigentlich satt sei. Dabei könnte er sie als Berufskoch besonders gut zubereiten. Sein kulinarischer Tipp ist der pure Genuss. „Das meiste schmeckt in einem leichten Weißwein-Sößchen.“

Ohrenpilze und Phallussymbole

Am Ende der Wanderung wird es noch ein paar Mal ganz spannend. Da ist zunächst ein großer Baumstumpf einer Buche. Der ist dicht besiedelt. Hier finden sich Schmetterlingstrameten, orangerote Kammpilze, dazu ein Schleimpilz. „Der ist gar kein Pilz. Streng genommen sind das Amöben.“

Ein paar Meter weiter findet sich tatsächlich ein alter Ast mit Ohren, mehreren nebeneinander. „Das ist ein

Judasohr. Der wächst am Holunder. Der Sage nach hat sich Judas nach dem Verrat an einem Holunder erhängt“, erzählt Björn Sontopski. Dann schnuppert er und sagt: „Hier steht irgendwo ein Stinkmorchel.“ So ist es. Der mache seinem Namen alle Ehre, in doppelter Hinsicht. Dem Geruch nach der deutschen Bezeichnung, dem Augenschein nach der lateinischen: „Phallus impudicus.“

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