Interview

Gelsenkirchenerin verrät, wie Engagement glücklich macht

Barbara Kols-Teichmann hat eine schwere Erkrankung gut überlebt. Im WAZ-Gespräch erklärt sie, was Glück für sie bedeutet.

Barbara Kols-Teichmann hat eine schwere Erkrankung gut überlebt. Im WAZ-Gespräch erklärt sie, was Glück für sie bedeutet.

Foto: Olaf Ziegler

Gelsenkirchen.   Familie und Engagement sind für Barbara Kols-Teichmann die Basis für Glück. Aber die Gelsenkirchenerin weiß: Jeder muss den eigenen Weg finden.

Barbara Kols-Teichmann ist Vorsitzende der Revierinitiative Förderverein Brustkrebszentrum an den Evangelischen Kliniken. Der Verein hilft erkrankten Frauen, seelisch Kraft zu tanken.

Liebe Frau Kols-Teichmann, man erlebt Sie als einen stets ausgesprochen freundlichen, zufriedenen Menschen. Was bedeutet für Sie Glück?

Barbara Kols-Teichmann: Mit mir, meinen Lebensvorstellungen und Lebensbedingungen in Einklang zu sein. Ich habe da sehr klare Vorstellungen. Meine Familie ist für mich die wichtigste Glücksquelle. Ich bin 40 Jahre glücklich verheiratet, das ist ein Geschenk! Ebenso Kinder und Enkelkinder zu haben. Wenn man auf sein Leben zurückblickt: Man hat viel erreicht, aber was wirklich zählt, das ist für mich Familie. Und wie gesagt: Glück ist für mich, mit sich und seinem Leben in Einklang zu sein.

Zu diesem Einklang gehörte für Sie auch ehrenamtliches Engagement?

Ja, das stimmt. Ich habe mit meinem ehrenamtlichen Engagement begonnen, als meine ältere Tochter in den Waldorfkindergarten kam. Das zog sich dann durch die Schulzeit meiner drei Töchter durch bis zum Landesvorsitz der gymnasialen Elternschaft, neben meiner Berufstätigkeit übrigens. Ich bin Volkswirtin und habe zur Schulzeit meiner Töchter als Dozentin Unternehmensorganisation an einer privaten Fachhochschule unterrichtet.

Sie waren auch Vorsitzende der Landeselternschaft der Gymnasien.

Ja, seit 1992 habe ich mich dort engagiert, bis 2002 ehrenamtlich als Vorsitzende, danach beruflich, als Geschäftsführerin.

Und wann sind Sie zur Revierinitiative gekommen?

Im Januar 2004 habe ich die Diagnose Brustkrebs bekommen. Ich brauchte Chemotheraphie, eine Operation und Bestrahlung, das war eine lange, schwere Zeit. Und meine Prognose war nicht so günstig. Nach Abschluss der ersten Behandlung im September bin ich in den Förderverein eingetreten. Der war 2003 gegründet worden, angestoßen von Dr. Abdallah. Seit November 2004 bin ich Vorsitzende.

Sich zu schonen ist offenbar nicht so Ihre Sache?

(Lacht) Nein. Ich bin am ersten Tag meiner Bestrahlung wieder ins Büro nach Düsseldorf gefahren, von Dortmund aus. Dr. Abdallah hat das gar nicht gern gesehen. Aber Arbeit ist für mich Droge und Medizin zugleich. Alle haben mir gesagt, fahr jetzt mal zurück, höre auf zu arbeiten. Aber mir hat es Spaß gemacht. Arbeit ist doch nicht nur Belastung. Ich wollte noch etwas erreichen, auch in der Landeselternschaft und für die Schüler, nicht einfach durch die Krankheit aussortiert werden. Sonst wäre die Krankheit für mich zur Kränkung geworden. Und letztlich war ich so mit mir im Einklang.

Bei Ihrem Terminplan können Sie aber kaum all die Angebote, die die Revierinitiative Patientinnen macht, vom Yoga bis zum Trommeln, selbst wahrnehmen. . .

Das stimmt. Keines bis jetzt. Aber es gibt nicht DEN Königsweg, aber meinen Weg. Es gibt Frauen, für die wäre es fatal, in den Beruf zurückzukehren. Jeder muss seinen Weg finden, mit der Erkrankung umzugehen. Ich habe als Geschäftsführerin in der Landeselternschaft sehr selbstbestimmt gearbeitet, konnte viele Dinge umsetzen, die mir am Herzen lagen. Dieses Privileg hat nicht jeder, das ist mir klar. Wenn ich eine Arbeit habe, bei der ich körperlich sehr belastet bin, oder mir die Arbeit wegen des Chefs, der Kollegen oder warum auch immer keinen Spaß macht: Dann ist Arbeit der falsche Weg. Ich bin übrigens genauso entschieden 2014 aus der Landeselternschaft ausgestiegen, kurz vor Erreichen des Rentenalters. Weil ich gemerkt habe: Das war nicht mehr meins und meine Ziele haben sich verändert. Mein Mann war schon lange im Ruhestand und die Geburt meines ersten Enkelkindes stand bevor. Da wollte ich nichts verpassen, mehr zeitliche Flexibilität.

Aber nicht, um sich zur Ruhe zu setzen?

Nein! Die Revierintiative wurde ja immer größer, die Arbeit immer mehr. Ich wollte Dr. Abdallah auf jeden Fall etwas zurückgeben. Ich bin mir sicher, ich bin nur so gut durch meine Erkrankung gekommen, weil ich einen Arzt an meiner Seite hatte, der mit mir kämpft. Das andere ist: Man erinnert sich immer wieder daran, wie es einem selber erging. Wenn ich mir die Frauen hier ansehe, wie sie lachen, von unseren Aktivitäten wie dem Neujahrsempfang für sich etwas mitnehmen: Dann denk ich mir, das ist genau richtig, was du hier machst.

Was möchten Sie den Frauen geben?

In erster Linie Hoffnung. Dass man Brustkrebs überleben kann. Die Überlebensraten werden immer besser. Wir alle im Vorstand waren erkrankt und haben überlebt. Wir sind das beste Beispiel. Wir haben überlebt und wir haben alle danach ein Leben gehabt und haben es noch. Leben ist mehr als Überleben. Zuversicht, begründete Hoffnung geben, begleitend helfen, dass Frauen Wege aus der Krise finden, das ist unser Hauptanliegen. Wenn man zuversichtlich ist, nimmt man die Krankheit besser an und auch die Therapien. Es hilft, wenn einen nicht die Ängste dominieren, sondern die Zuversicht. Und selbst wenn wir nicht überleben, dann erleben wir die Zeit, in der wir überleben, eindeutig besser.

Was denken Sie über das mittlerweile von vielen kritisch bewertete Screening?

Ich verstehe die Kritiker nicht, die sagen, man versetze die Frauen in Angst. Es würden viele kleinste Tumore entdeckt, Vorstufen, die vielleicht nie entarteten. Die Angst, das Risiko verschwindet ja nicht, wenn man kein Screening macht. Dank Screening können heute so viel Frauen ohne Chemo therapiert werden, weil kleine Tumore so früh erkannt werden. In diesem Stadium ist Brustkrebs heilbar. Screening rettet Leben und bewahrt vor Ängsten. Bei mir gab es das noch nicht. Meine Erkrankung ist viel später erkannt worden, war viel weiter fortgeschritten. Von Heilung war nie die Rede. Ich muss immer damit rechnen, dass es Metastasen gibt.

Was raten Sie schwer Erkrankten?

Überlegt, was euch in eurem Leben gut tut, was euch wichtig ist, was euch glücklich macht. Und folgt dem. Während der Erkrankung habe ich mir Ziele gesetzt, was ich unbedingt noch machen wollte. Es ist völlig egal, wie groß oder klein diese Ziele sind. Es muss nur euer Ziel sein. Und weil es so viele verschiedene Wege für Menschen gibt, ist unser Angebot so breit gefächert. Wichtig ist, den richtigen Weg für sich zu finden.

>>>Info: Zahlreiche Zusatzangebote für Erkrankte

  • Der Förderverein Brustzentrum organisiert zahlreiche Angebote zur Entspannung und Information für Erkrankte, die über die Krankenkassen nicht finanziert werden. Engagierte Helfer sind dabei jederzeit willkommen.
  • Das Vereinsbüro in den Ev. Kliniken, Munckelstr. 27, ist unter 0209 160 3131 erreichbar, Mo, Mi und Do von 9-12 Uhr. Spendenkonto DE71432500300 01301533, Herner Sparkasse

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