Abschiebedrama

Gelsenkirchener Schüler haben Angst vor Abschiebung

Die Grünen-Abgeordnete Berivan Aymaz spricht mit den Schülern über die Abschiebung ihrer Klassenkameraden. Auch von  ihrer Zuwanderungsgeschichte erzählt sie den Kindern.

Die Grünen-Abgeordnete Berivan Aymaz spricht mit den Schülern über die Abschiebung ihrer Klassenkameraden. Auch von ihrer Zuwanderungsgeschichte erzählt sie den Kindern.

Foto: Lena Reichmann

Düsseldorf/Gelsenkirchen.   Ihr Freund Sonard wurde plötzlich aus der Klasse gerissen. Anderen droht das gleiche Schicksal. Die Klasse wandte sich jetzt an die Politik.

Die Verunsicherung der Schüler ist deutlich zu spüren. „Warum werden immer wieder Kinder abgeschoben? Ich verstehe das nicht“, sagt Marwa. Was die Siebtklässlerin im letzten Jahr erlebt hat, lässt sie nicht los. Am Donnerstag vor den Herbstferien war ihr Freund Sonard noch mit ihr im Unterricht, am Freitag war er weg. Abgeschoben nach Albanien. Nicht der erste Fall in der 7a der Hauptschule am Dahlbusch.

14 Schüler sind deshalb am Freitag nach Düsseldorf gereist. Im Landtag treffen sie sich mit der Grünen-Abgeordneten Berivan Aymaz und konfrontieren die Politikerin mit ihrem Anliegen: „Wir sind heute hier, weil wir nicht wollen, dass noch mehr Kinder abgeschoben werden.“

Schüler fürchten sich vor eigener Zukunft

Noch einen Klassenkameraden zu verlieren, davor haben sie große Angst. Denn bevor Sonard aus dem Klassenverband gerissen wurde, musste Ajla die Schule verlassen und zurück nach Bosnien. Einige Schüler fürchten sich auch vor ihrer eigenen Zukunft. Vier von ihnen haben keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung, wie Klassenlehrerin Kirsten Fey berichtet.

Da sind zum Beispiel Rahaf und Roaa. Sie sind vor dem Krieg in Syrien geflohen. Ihre Aufenthaltserlaubnis ist bis zum Sommer befristet. „Ich habe gehört, dass wir wieder zurück nach Syrien müssen, wenn der Krieg vorbei ist“, sagt Rahaf besorgt. „Aber ich habe gerade erst Deutsch gelernt. Ich will dort nicht schon wieder von vorne anfangen.“

Es passiert jeden Tag

Die integrationspolitische Sprecherin zeigt Verständnis für die Ängste der Kinder. „Es passiert leider jeden Tag, dass Kinder abgeschoben werden. Und immer, wenn ein Freund aus der Klasse gerissen wird, entstehen neue Probleme.“ Denn oft würden so Familien getrennt.

Das ist auch bei Sonard passiert. Erst musste er mit seiner Mutter das Land verlassen, dann folgten sein Vater und Bruder. Seine Schwester darf in Deutschland bleiben und ihre Ausbildung beenden. Aymaz will sich dafür einsetzen, Kinder davor zu schützen. „Die Ausbildungsduldung ist problematisch, weil Familien einfach auseinadergerissen werden. Ich kämpfe für eine bessere Regelung“, verspricht sie.

Nichts gehört vom Integrationsminister

Jemanden, der sie anhört, haben die Schüler bisher vergeblich gesucht. Schon im Herbst formulierten sie einen Brief an Innenminister Herbert Reul. „Es kam auch ein Schreiben. Darin ging er aber auf keine unserer Fragen ein“, erzählt Fey. Stattdessen seien sie an Integrationsminister Joachim Stamp verwiesen worden. Der, so die Lehrerin, habe sich aber bis heute nicht bei der Klasse gemeldet.

Dabei haben die Kinder drängende Fragen: Was passiert mit Leuten, die abgeschoben werden? Warum müssen sie überhaupt zurück? Die Abgeordnete versucht, allen Antworten zu geben. Auch Fernando. Der Junge mit rumänischen Wurzeln fragt sich, warum er nicht abgeschoben werden kann, sein Freund Sonard aber schon.

Sonards Mutter war krank

Es ist deutlich zu merken, dass das Thema die gesamte Klasse beschäftigt. Und nicht nur die Klasse. „So viele auf unserer Schule sind bedroht“, sagt Vertretungslehrer Semih Inak. Wie viele Schüler die Schule durch Abschiebung verloren hätte, fragt Aymaz. „Ein Dutzend seit ich da bin, also seit eineinhalb Jahren.“

Sonards Fall sei aber bisher der härteste gewesen, wie Fey hinzufügt. „Wir konnten uns noch nicht einmal verabschieden. Da saßen die großen Jungs freitags morgens weinend vor der Klasse.“ Marlon war ein guter Freund von ihm und erinnert sich: „Wir haben uns am Donnerstag noch nach der Schule getroffen. Später hat mich sein Bruder angerufen und gesagt, er soll abgeschoben werden. Ich war geschockt. Damit hatte niemand gerechnet.“ Denn Sonards Mutter war krank. Hatte mit psychischen Problemen zu kämpfen. „Aber sie wurde trotzdem abgeschoben. Wie kann das sein?“ klagt Marlon an.

Abgeordnete rät: Lasst euch nicht entmutigen

Seine Mitschülerin Belona war selbst schon akut von Abschiebung bedroht. Erst vor Kurzem entschied der Petitionssausschuss, dass ihre Familie nicht zurück in den Kosovo muss. „Wie fühlen Sie sich eigentlich, wenn Kinder abgeschoben werden?“, will sie von Aymaz wissen. „Schlecht.“

Denn die Abgeordnete hat selbst einen kurdischen Migrationshintergrund, kam mit sechs Jahren nach Deutschland. Sie rät den Kindern, eine Petition einzureichen. „Ich werde das, was ihr erlebt habt, auch mit in die nächsten Debatten nehmen“, sagt sie und fügt hinzu: „Lasst euch nicht entmutigen.“

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