Asbest-Lunge

Gelsenkirchener Rechtsstreit um Anerkennung der Asbest-Lunge

Der Ex-Bergmann Asmatullah Shure (links) steht mit seinem Rechtsanwalt Frank Stierlin im Justizzentrum Gelsenkirchen. Seit sechseinhalb Jahren kämpft Shure um die Anerkennung einer Asbest-Lunge als Berufskrankheit.

Der Ex-Bergmann Asmatullah Shure (links) steht mit seinem Rechtsanwalt Frank Stierlin im Justizzentrum Gelsenkirchen. Seit sechseinhalb Jahren kämpft Shure um die Anerkennung einer Asbest-Lunge als Berufskrankheit.

Foto: Joachim Kleine-Büning

Gelsenkirchen.   Krebskranker Bergmann Asmatullah Shure aus Gelsenkirchen klagt auf Anerkennung als Berufskrankheit. 59-Jähriger hat 18 Chemotherapien hinter sich.

Asmatullah Shure kämpft um Anerkennung seiner Krebserkrankung als Folge seines Einsatzes unter Tage. Von 1984 bis 1994 hat er für die RAG in Westerholt als Bergmann gearbeitet. Neben dem Gerichtsstreit kämpft er gegen den Krebs, der die Lunge befallen hat. 18 Chemotherapien hat der 59-Jährige hinter sich.

Der Streit vor den Gerichtsinstanzen zieht sich seit fast sieben Jahren hin. Vor dem Gelsenkirchener Sozialgericht war seine Klage gegen die Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie 2017 erfolgreich. Das Essener Landesarbeitsgericht hob die Entscheidung noch im selben Jahr auf, verwies den Fall zurück nach Gelsenkirchen.

Ein Gutachten soll eingeholt werden

Die Kammer, in der jetzt über den Rechtsstreit neu entschieden werden muss, kommt nur langsam voran. Bei einem Erörterungstermin fehlten Zeugen. Die Vorsitzende Richterin will nach erneuter Zeugenvernehmung ein Gutachten einholen. Es soll Auskunft darüber geben, ob die Krebserkrankung des ehemaligen Bergmanns mit höchster Wahrscheinlichkeit durch den Kontakt zu asbesthaltigem Material unter und über Tage verursacht worden ist. Der 59-Jährige hatte unter anderem an der Bandanlage gearbeitet, die er wartete und an der er auch den Abrieb entfernte. Es geht vor allem um die mögliche Freisetzung von Asbest.

Das giftige und krebserregende Material wurde auch in Bremsbelägen beim Bandantrieb eingesetzt. Über Tage arbeitete Shure an der Sortieranlage, an der unter anderem Kupplungen und Bremsbeläge ausgeschüttet wurden. Der Frührentner ist sicher, dass er dabei mit Asbest in Berührung gekommen ist. Die RAG hingegen schloss eine solche Freisetzung von Asbest beim Verladen und Sortieren des Altmaterials aus.

Karzinom zwischen Lunge und Rippenfell

2012 hatte der damals 52-Jährige die Diagnose Krebs erhalten. Es hatte sich ein Pleuramesotheliom zwischen Lunge und Rippenfell gebildet. Sachverständige gehen davon aus, dass es sich bei der Erkrankung um eine typische Folge zu starker Asbestbelastung handelt. Das juristische Problem: Eine hohe Wahrscheinlichkeit würde für die Anerkennung als Berufskrankheit vermutlich nicht ausreichen. Gutachter müssten zu der Erkenntnis gelangen, dass sich der Krebs so gut wie ausschließlich durch den Kontakt zu asbesthaltigem Material gebildet haben kann.

Fehlende Dokumentation

Hinzu kommt, dass es unterschiedliche Aussagen darüber gibt, bis wann asbesthaltige Kupplungen und Reibbeläge eingesetzt worden sind. Die RAG sagt, dass sie ausgetauscht worden seien. Obwohl über den Einsatz des Materials wie auch der Personen in der Regel Protokolle geführt werden, konnte die RAG in erster Instanz keine Unterlagen vorweisen. So hatten die Richter erstinstanzlich gerügt, dass das Gericht es unterlassen habe, die RAG zu einer Dokumentation der Arbeitsabläufe und des Materialeinsatzes aufzufordern. Der Arbeitgeber habe nicht dokumentiert, welcher Mitarbeiter wann und wo eingesetzt worden sei. Erst Anfang der 90er-Jahre wurde der Einsatz asbesthaltiger Maschinen gesetzlich verboten.

Potenzielle Zeugen sind bereits gestorben

Die Berufsgenossenschaft riet dem Bergmann, Zeugen zu benennen. Doch Kumpel, die den Austausch von Arbeitsmaterial erlebt haben könnten, gibt es fast keine mehr. „Viele Kollegen“, sagt Asmatullah Shure, „sind gestorben.“ Die meisten an Krebs. Der Ex-Kumpel, der unter Atembeschwerden leidet, hält sich zwischen den Gerichtsterminen an der türkischen Ägäis auf.

Die Ärzte hatten dem 59-Jährigen geraten, den Körper in dem gemäßigten Klima zu schonen. „Noch hat mich der Krebs nicht besiegt“, sagt sich der Gelsenkirchener. Er hofft, dass neben dem Willen auch sein Körper weiter mitmacht und den Dauerstress in bevor stehenden Verhandlungen verkraften wird. Denn das Ziel, auch den Gerichtssaal eines Tages als Sieger zu verlassen, hat er längst noch nicht aus den Augen verloren: „Ich werde weiter kämpfen.“

>> Nachweis: Krebs als Folge des Materialkontaktes

Das Pleuramesotheliom ist ein bösartiger Tumor im Brustfell. Es wird in über 90 Prozent der Fälle mit einer Asbestfreisetzung assoziiert und ist daher eine anerkannte Berufskrankheit.

Zwischen Einatmung asbesthaltiger Stäube und der Manifestation eines Pleuramesothelioms können Jahrzehnte vergehen.

In seiner Klage muss der Ex-Bergmann den Nachweis erbringen, dass die Krebserkrankung in höchster Wahrscheinlichkeit eine Folge des Kontakts mit asbesthaltigem Arbeitsmaterial ist.

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