Bildung

Gelsenkirchener Realschulleiter vermissen Hauptschulen

Realschulleiterin Gabriele Kurenbach-Gerlach (Mühlenstraße), ihre Kollegin Christiane Melzer (Mulvany) und Jürgen Much (Gertrud Bäumer, v.l.) schilderten im WAZ-Interview die Situation an ihren Schulen.

Realschulleiterin Gabriele Kurenbach-Gerlach (Mühlenstraße), ihre Kollegin Christiane Melzer (Mulvany) und Jürgen Much (Gertrud Bäumer, v.l.) schilderten im WAZ-Interview die Situation an ihren Schulen.

Foto: Michael Korte

Gelsenkirchen.   Im WAZ-Interview sprechen Gelsenkirchener Realschulleiterinnen und -leiter über Durchlässigkeit, Elternwünsche und Lehrermangel.

Zum Abschluss der Gesprächsreihe mit Schulleitern/-leiterinnen fragte WAZ-Redakteurin Sibylle Raudies die Leiterinnen der Realschule an der Mühlenstraße, Gabriele Kurenbach-Gerlach, der Mulvany-Realschule, Christiane Melzer, und den Leiter der Gertrud-Bäumer-Realschule, Jürgen Much, nach dem Stand der Dinge in ihrer Schulform.

Realschulen sind weiterhin sehr beliebt. So beliebt, dass auch viele Schüler mit Hauptschulempfehlung zu ihnen kommen. Wie finden Sie das?

Gabriele Kurenbach-Gerlach: So viele sind das gar nicht. Ein paar, sicher. Die meisten kommen aber mit einer entsprechenden Empfehlung.

Christiane Melzer: Es schwankt. Wir hatten schon mal bis zu einem Drittel. Aber in der Regel sind es weniger. Und wir haben eine freie Schulwahl.

Jürgen Much: Kinder mit reiner Hauptschulempfehlung sind bei uns sehr selten. Eingeschränkte Realschulempfehlung, das kommt häufiger vor. Wir freuen uns natürlich auch über jeden, der mit Gymnasialempfehlung – auch eingeschränkter – zu uns kommt.

Prognoseunterricht war Stress für die Kinder

Würden Sie sich die Wiedereinführung der bindenden Grundschulempfehlung wünschen?

Melzer: Es gibt ja eine Empfehlung, aber sie wird zum Teil ignoriert. Es muss gelingen, dass die Eltern die Empfehlung auch ernst nehmen. Wir müssen sie gut beraten, dann brauchen wir auch keine bindende Empfehlung.

Kurenbach-Gerlach: Es gab zu Zeiten der bindenden Empfehlung Prognoseunterricht, drei Tage, an denen die Kinder getestet wurden, ob die Realschule das Richtige für sie ist, wenn die Eltern die Empfehlung bezweifelten. Aber das war nur Stress für die Kinder und nicht immer aussagekräftig. Heute sagen viele: Alles, nur nicht Hauptschule. Dabei ist unser System doch durchlässig, auch nach oben. Für manchen ist es einfach besser, langsam anzufangen.

Much: Wir nehmen auch Kinder von der Hauptschule auf. Wir haben gerade erst einige bei uns gehabt nach der Erprobungsstufe und ein Teil ist auch geblieben, kommt gut zurecht.

Kurenbach-Gerlach: Und wir reichen Kinder auch ans Gymnasium weiter, wenn wir sehen, dass sie unterfordert sind. Manchmal merkt man das schon in Klasse fünf.

Was halten Sie von der geplanten Einführung eines Hauptschulbildungsgangs an Ihren Schulen?

Kurenbach-Gerlach: Das war ja für uns und die Mulvany angedacht. Bei uns im Norden gibt es keine Hauptschule mehr. Von daher sehe ich die Notwendigkeit, einen solchen Bildungsgang hier anzubieten, um weite Wege zu vermeiden. Aber das stellt eine Schule vor große Herausforderungen, organisatorisch, pädagogisch, personell und in der Ausstattung. Ich habe schon überlegt, wie das Kollegium dafür fortzubilden ist.

Melzer: Es geht nicht ums Gefallen. Man muss sehen, dass auch alle Möglichkeiten für die Kinder gegeben sind, wenn wir ein dreigliedriges System anbieten.

Much: Ich bin als Referendar an der Hauptschule ausgebildet und sehr traurig, dass diese Schulform nicht mehr die Würdigung erhält, die sie verdient. . .

Rückstufung ist ein Bruch in der Entwicklung

Ist es ein Makel, dass Sie regelmäßig Schüler nach der Erprobungsschule weiterreichen müssen oder ist das ein normaler Prozess?

Melzer: Wünschenswerter wäre es, wenn Kinder langsamer aufwachsen könnten, also aufsteigen. Es entsteht sonst das Gefühl eines Rückschritts, das ist so. Das müsste man anders lösen. Es geht immer um die Entwicklung, ganz unabhängig von der Grundschulempfehlung. Wir müssen die Erprobungsstufe auch als Entwicklungsbasis nehmen. Alle wollen nur das Beste, davon muss man ausgehen.

Kurenbach-Gerlach: Es sind auch nicht immer die Kinder mit Hauptschulempfehlung, die nach der Sieben gehen.

Much: Rückstufung ist traurig für Eltern und Schüler, weil es immer ein Bruch in der Entwicklung ist. Es ist auch die Frage, ob wir mehr Mittel gebraucht hätten, um dieses Kind noch stärker zu fördern.

Wie gut sind die Realschulen mit Lehrern ausgestattet?

Melzer: Das Problem ist Gelsenkirchen. Die Lehrer wollen nicht hierhin. Bei mir sind aktuell zwei Lehrerstellen und die Sonderpädagogenstelle nicht besetzt. 2019 stehen Pensionierungen an.

Much: Ich habe drei unbesetzte Stellen. Vor den Sommerferien ausgeschrieben, keine einzige Bewerbung. 2019 gehen drei weitere, alles Vollzeit. Eine freie Förderlehrerstelle kann aus juristischen Gründen leider nicht mit Seiteneinsteigern einer fremden Profession besetzt werden.

Kurenbach-Gerlach: Ich habe das Glück, dass ich hier Ausgebildete halten konnte. Im November kann ein Referendar kommen – wenn er besteht, was ich glaube.

Melzer: Wichtig wäre, dass alle Schulen Sozialarbeiter vor Ort haben, und zwar gesicherte Stellen. Das ist heute absolut notwendig.

Der Unterschied zur Gesamtschule ist nicht klar

In Bulmke soll eine Sekundarschule gegründet werden. Was halten sie davon?

Kurenbach-Gerlach: Eltern wissen nicht wirklich, was sie damit anfangen sollen. Der Unterschied zur Gesamtschule ist ihnen nicht klar. Viele wünschen sich eine Oberstufe im gleichen Gebäude. Und wir kooperieren ja auch schon seit Jahren mit den Oberstufen der Berufskollegs, ähnlich wie Sekundarschulen.

Melzer: Das muss man sich nochmal genau überlegen.

Much: Auf dem Land funktionieren sie gut.

Was genau sind aus ihrer Sicht die Vorteile von Realschulen gegenüber integrierten Systemen wie Sekundar- oder Gesamtschulen?

Kurenbach-Gerlach: Wir haben ein breites Angebot an Schulformen und das ist gut. Für manche Kinder sind kleine Systeme einfach besser, sie brauchen feste Klassenverbände, Ruhe. Das ist in integrierten Systemen so zum Teil nicht möglich.

Christiane Melzer nickt.

Much: Es kommt ja nicht drauf an, was draußen dran steht, sondern was drinnen angeboten wird.

Immer mehr Schüler wechseln in die Oberstufe

Wieviele Schüler wechseln nach der Mittleren Reife zum Gymnasium oder an eine Oberstufe in einer Gesamtschule?

Much: Bei uns ist das von Jahr zu Jahr mehr geworden. Zwischen 50 und 60 Prozent schließen mit Q-Vermerk ab, können in die Oberstufe wechseln.

Melzer: Bei uns schaffen etwa 40 Prozent das Q und wechseln dann in die gymnasialen Oberstufen.

Kurenbach-Gerlach: Q-Vermerk über 50 Prozent, davon wechseln zwei Drittel der Schülerinnen in die Oberstufen.

Unter zehn Prozent gehen direkt in Ausbildung

Wissen Sie, wie viele Ihrer Schüler nach dem Abschluss eine Ausbildung beginnen?

Kurenbach-Gerlach: Die meisten gehen weiter zur Schule, an Berufskollegs und suchen von da eine Ausbildungsstelle, absolvieren danach noch ein Duales Studium oder so.

Melzer: Wichtig ist, dass die allermeisten diesen mittleren Schulabschluss erreichen. Das Handwerk hat ja heute auch hohe Anforderungen. Aber es sind nicht so viele, wie wir uns wünschen, die erst in eine Ausbildung wechseln und dann aufstocken.

Much: Weniger als zehn Prozent gehen direkt in eine duale Ausbildung.

Wie viele Kinder haben bei Ihnen eine Zuwanderungsgeschichte?

Alle: 60-70 Prozent im Schnitt.

Melzer: Die Verkehrssprache in den Familien ist zunehmend die Muttersprache, das habe ich abfragt. Wichtiger ist aber die Schulaffinität.

Kurenbach-Gerlach: Wir haben zwei Alphabetisierungsgruppen, zum Teil mit bis zu 15-Jährigen, die noch nie eine Schule besucht haben, das ist schwierig.

Realschulen bereiten gut auf die Ausbildung vor

Können Sie als Realschule Heranwachsende besonders gut auf den Einstieg in einen Ausbildungsberuf vorbereiten?

Kurenbach: Ja. Es gibt jetzt das Programm „Kein Abschluss ohne Anschluss“ für alle, das integrieren wir in die Berufsvorbereitungskonzepte, die wir schon immer gepflegt haben.
Melzer: Das ist für Realschulen immer ein ganz originäres Feld gewesen. Und das ist auch heute noch so.

Wo wünschen Sie sich noch mehr Unterstützung?

Kurenbach-Gerlach: Im Bereich Digitalisierung brauchen wir auf der ganzen Linie mehr Support. Die Stadt bemüht sich, aber es ist schwer, Personal zu bekommen. Ausgestattet sind wir in Gelsenkirchen sehr gut, haben überall Whiteboards.

Melzer: Mehr Unterstützung brauchen wir beim Aufbau der Medien, der Lehrwerke im System. Die kann nur die GKD, also der technische Dienst der Stadt, einspeisen.

Much: Wir haben noch kein einziges Whiteboard. Mit den Kreidetafeln von den Grundschulen, die Whiteboards bekamen, haben wir unsere kaputten Tafeln ersetzt. Wir sind 2019 dran.
Kurenbach-Gerlach: Wir sind schon geschult worden und es ist gut, damit zu arbeiten. Aber natürlich brauchen wir noch pädagogische Schulungen, die werden jetzt auch folgen.

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