Psychische Erkrankungen

Gelsenkirchener Paar erzählt: So leben wir mit Borderline

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Alltag mit Borderline: Ein Gelsenkirchener Paar berichtet von seinem Leben in Extremen.

Alltag mit Borderline: Ein Gelsenkirchener Paar berichtet von seinem Leben in Extremen.

Foto: cindygoff / Getty Images/iStockphoto

Gelsenkirchen.  Diagnose Borderline: Viele Menschen leiden unter der Persönlichkeitsstörung. Hier erzählen zwei Gelsenkirchener von ihrem Leben in Extremen.

Es ist ein Leben in Extremen, ein Leben, das viele gesunde Menschen nicht nachvollziehen können. Es ist ein Leben in krasser Achterbahnfahrt, wenn Angst, Druck, die eigenen Emotionen und Gedanken die Seele auffressen. Seit 2013 lebt die Gelsenkirchenerin Yvonne Humpert mit einer diagnostizierten Borderline-Störung, sie leidet schon viel länger.

Gelsenkirchener Paar: So leben wir mit unserer Borderline-Störung

Yvonne Humpert ist gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten an diesem Nachmittag in die Altstadt gekommen. Beide eint ihre Krankheit, beide sind psychische Grenzgänger, auch Ulrich Kahl ist Borderliner. Zusammen leiten die 41-Jährige und der 43-Jährige die Borderline-Selbsthilfegruppe unter dem der Dach Selbsthilfe-Kontaktstelle Gelsenkirchen. Es ist die einzige in der Stadt. Heute reden sie offen über ihr Leben mit einer Persönlichkeitsstörung. Und darüber, wie wichtig ein Austausch mit anderen Betroffenen sein kann.

Yvonne Humpert erzählt gefasst und wie es scheint auch mit Abstand von dem, was ihr Leben seit so vielen Jahren schon prägt. Aus einem Kindheitstrauma sei ihre Borderline-Störung entstanden. An zwei Drittel ihrer Kindheit kann sie sich nicht erinnern, hat verdrängt, tief vergraben, was passiert ist. Will sie all das ruhen lassen? „Ja“, sagt Yvonne Humpert. Im Moment ist es so besser für sie.

Die Depressionen, sie wiederholen und wiederholen sich, im Vordergrund habe lange eine Soziophobie gestanden. Bis irgendwann dann die Diagnose Borderline klar werden ließ, was sie schon so lange beschäftigt.

„Ich bin nicht sauer, sondern wutentbrannt. Ich bin traurig bis hin zu suizidalen Gedanken“, schildert Yvonne Humpert ihre Gefühlswelten. Es fehlt an Regulierung. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt: Das Leben von Menschen mit einer Borderline-Störung sei durch Impulsivität und Instabilität von Gefühlen und Stimmung, der Identität sowie zwischenmenschlichen Beziehungen charakterisiert, heißt es auf dem Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen „Neurologen und Psychiater im Netz“. Aus den heftigen Gefühlsschwankungen resultiert oftmals heftige Anspannung – die wiederum häufig nur durch selbstschädigendes, selbstverletzendes Verhalten zu lindern ist.

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„Borderliner sind sehr emotional und empathisch, sie können sehr häufig nachempfinden, wie etwas ist. Das ist auch etwas positives“, erklärt Yvonne Humpert. Und trotzdem: Ein normales Leben führen kann sie nicht.

Denn da sind auch die extremen Ängste und Gedankenspiele, es ist die Angst vor Bewertung, ein ständiger Druck. Den auch Ulrich Kahl spürt. Er kommt aus einem, wie er es nennt, „broken home“, einem zerbrochenen Zuhause. Er wächst bei seiner Großmutter auf, die alles versucht, um aufzufangen, was eigentlich nicht mehr aufzufangen war. Introvertiert als Kind und als Jugendlicher eher rebellierend, so beschreibt sich Ulrich Kahl in der Rückschau. Boderline definiert er für sich so: „Dass es schwer fällt, die gesunde Mitte für sich zu finden.“ Und dass oftmals der Filtermechanismus fehle, Gefühle würden wesentlich intensiver bei ihm ankommen.

Gelsenkirchener Borderliner-Paar: Bewusster Austausch in der Selbsthilfegruppe

Ulrich Kahl macht die Schule, eine Lehre zum Gas-, Wasserinstallateur – und sagt aber auch: „Ich habe viele Jobs gemacht.“ 2011/2012 merkt er, „dass es nicht mehr ging“, fühlte sich gefangen in einer emotionalen Blase – sein bester Freund habe ihm den Anstoß gegeben. Heute fühlt er sich stabil, aber es gebe Einbrüche. So ergeht es auch seiner Partnerin Yvonne Humpert.

Die beiden sehen nicht als Opfer, sie nehmen an, was mit ihnen ist, was diese Störung mit ihnen macht. Sie holen sich ärztliche Hilfe, starten einen Neuanfang in Gelsenkirchen und suchen bewusst den Dialog und die Auseinandersetzung mit anderen Betroffenen. Denn das hilft. Vor allem zu sehen: Ich bin nicht alleine! „Manchmal kann man die Dinge besser von außen betrachten“, sagt Gruppenleiterin Yvonne Humpert. Dazu gehöre aber auch, sich abzugrenzen. „Aus den Gruppen nehme ich nichts mit nach Hause.“

Leben mit Borderline: Betroffene sollten mehr Mut haben, in die Öffentlichkeit zu gehen

Wichtig ist Yvonne Humpert und Ulrich Kahl zu sagen, dass der Austausch in der Selbstgruppe eine Therapie oder therapeutische Behandlung nicht ersetzen kann. Es ist vielmehr ein weiterer Baustein. Das Spiegeln und die Reflexion unter den Betroffenen ist das, was Linderung schafft. Irgendwie festzustellen, wie unterschiedlich ein Umgang mit der Borderline-Störung und den damit verbundenen Folgen sein kann. Sie helfen sich selbst, sind einander gegenseitige Stütze.

„Das, was wir erlernt haben, möchten wir weiter geben“, sagen die beiden Gruppenleiter demnach auch. Und dass noch mehr den Mut finden, sich zu trauen, offen mit ihrer Persönlichkeitsstörung nach außen zu gehen. Der Zukunfts-Wunsch von Yvonne Humpert und Ulrich Kahl: „Dass die Gesellschaft es schafft, psychische Erkrankungen nicht mehr zu stigmatisieren“, so Kahl. Seine Partnerin ergänzt: „Und dass eine psychische Erkrankung, auch wenn sie nicht sichtbar ist, wie ein Beinbruch oder eine Grippe angesehen wird.“

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