Rathaussturm

Gelsenkirchener Narren übernehmen Macht im Hans-Sachs-Haus

Verteidiger-Trio: Bürgermeisterin Martina Rudowitz (v.l.)  Oberbürgermeister Frank Baranowski und Bürgermeister Werner Wöll gaben nach kurzer Gegenwehr den Stadtschlüssel her. Hier verbirgt er sich noch unter rotem Samt und tief versteckt in einer Süßigkeiten-Kiste.

Verteidiger-Trio: Bürgermeisterin Martina Rudowitz (v.l.) Oberbürgermeister Frank Baranowski und Bürgermeister Werner Wöll gaben nach kurzer Gegenwehr den Stadtschlüssel her. Hier verbirgt er sich noch unter rotem Samt und tief versteckt in einer Süßigkeiten-Kiste.

Foto: Olaf Ziegler

Gelsenkirchen.   Die Gegenwehr war gering, das Gedränge groß: Die Jecken haben, angeführt von Elisabeth I., den Stadtschlüssel und auf Zeit die Macht übernommen.

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Am Ende trägt Prinz Julian I. rosa Tutu um die Hüften und das blonde Wallehaar offen. Der OB hat ein Schweißtuch am Hals und ein Arschleder am selbigen. Und die Mädels im Saal? Haben Spaß.

Donnerstag nehmen sie um 11.11 Uhr das Rathaus, nun ja, nicht unbedingt im Sturm, aber mit Überzeugungskraft und Frauenpower. Elisabeth I. Zumbansen hat es leicht im Kampf um den Rathausschlüssel. Frank Baranowski zeigt kaum Gegenwehr und ist ohnehin närrisch gestimmt: „Die Sonne lacht, der Himmel ist blau, die Krawatte ist ab, der Schlüssel weg. Was soll der OB da noch anderes machen als feiern?“ Da kann er auch gleich der Prinzessin vom KC Astoria „tolle Tage bis Aschermittwoch“ wünschen.

Mitten im Gelsenkirchener Gürzenich

Das Hans-Sachs-Haus ist dabei zumindest für zwei jecke Stündchen der Gelsenkirchener Gürzenich und zwischendurch schwer in Schunkel-Stimmung. Das Astoria-Gesangsduo Anette Schwenzfeier und Peter Nienhaus bringt die Besucher ordentlich in Schwung – und zeigt, dass diese Session mit „Karneval vom anderen Stern“ ein Mottolied mal so richtig zündet.

Startschwierigkeiten haben da eher die Garden. Ihre Tanzmusik kommt etwas stotternd vom Band. Doch am Ende ist alles gut, der Beifall für die Prinzengarden herzlich. Und wenn er mal nicht so ganz spontan ausfällt, hilft Moderator Hans-Georg Schweinsberg dem Publikum auf die Sprünge. Weiberfastnacht helau, der Straßenkarneval läuft im Saal. Und mittags freut sich schon mindestens die halbe Besucher-Belegschaft auf die Abendfortsetzung im Festzelt auf der Königswiese.

Garden ziehen über die Bahnhofstraße

Doch noch einmal zurück auf Start: Über die Bahnhofstraße marschieren gegen 11 Uhr die Gesellschaften und Garden an. „Ja, wir sind mit dem Radl da“ und „Hoch auf dem Gelben wagen“ tönt es am Heinrich-König-Platz. Doch die Narren marschieren brav und schieben sich ins Atrium. Das ist äußerst gut gefüllt und vielfältig bevölkert. Panzerknacker und Teufelchen stehen Seite an Seite mit weiblichen Leichtmatrosen und schweren Jungs, Mönche und Bauarbeiter tummeln sich mit Piraten, eine einsame Freiheitsstatue schiebt sich durch die Menge und könnte auf eine griechische Göttin beim Selfie treffen.

Als Pariser Showgirls verkleidet

Das Wasser kostet 1,50 Euro, das 0,3er Pils auch, die Currywurst gibt es für 3 Euro, den Mumm-Piccolo für 5. An einem der Stehtische hat sich eine größere Damenrunde breit gemacht. Knabberzeug in der Mitte, Sekt im Glas, die Stimmung gehoben wie das Alter. Inge ist mit ihrer Freundin Ilse (79) zum Feiern gekommen. Als Pariser Showgirls haben sich die beiden Schalkerinnen verkleidet. Rosenmontag werden sie in Erle beim Zug dabei sein. „Früher sind wir Weiberfastnacht nachmittags auch noch nach Horst gefahren. Das machen wir nicht mehr. Mal sehen, wie lange wir es heute aushalten“, sagt Ilse und wirkt so, als wäre der Feiertag noch längst nicht zu Ende.

Einstein zeigt sich im Saal mal relativ jeck

Ein Stückchen weiter macht sich ein gutes Dutzend Einsteins breit. Brille, Schnauzbart, wirre Haare, weiße Kittel – und Botschaften gibt’s in Serie. „Welch triste Epoche, in der es einfacher ist, ein Atom zu zertrümmern als Vorurteile“ steht auf einem Kittel-Rücken. Was zeigt: Auch Narren können pädagogisch wirken. In diesem Fall sind es 18 Kräfte des Sozialdiensts Schule. Im fünften Jahr, erklärt Eva, sei das Team unterwegs. Mal als Pippi-Langstrumpf-Schar oder als Robin Hood, in jecker Spielart der Rächer der armen Kinder – und stets mit dem Anspruch, dass der Auftritt etwas mit Schule zu tun hat. Der Rathaussturm ist Donnerstag nur ein Zwischenstopp. Mittags zieht es Einstein & Co. wieder an die Arbeit.

Die kann Frank Baranowski, perfekt ausgestattet vom Weiberchor der Stadt(verwaltung), nun mit fescher Kumpel-Ausstattung angehen. Arschleder, Grubenwasser und einen Sack Kohle bekommt der OB überreicht.

„Wir sind die Ruhrpottgirls“ stimmt der Weiberchor noch an und gibt den Ton für Julian I. Nienhaus vor.

Zweitbesetzung bei König der Löwen

Der Prinz darf mal seine weibliche Seite zeigen, bekommt Glitzer-Zauberstab statt Patsche und Diadem statt Kappe. Unter der verbirgt sich (ideal für die Zweitbesetzung bei König der Löwen“ witzelt Schweinsberg) eine üppige Haarpracht. „Du hast die Haare schön“, stimmen die Weiber vor der Bühne an. Der Prinz kontert reviertypisch und singt das „Steigerlied“. Das passt ja in Gelsenkirchen zu fast jeder Gelegenheit.

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