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Hauptschulleiter: „Der Kontakt zu Eltern ist oft schwierig“

Gerd Dombrowski klagt nicht über die Probleme, vor denen Hauptschulen stehen. Er versucht, sie so gut wie möglich zu lösen. Was nicht immer so möglich ist, wie er es sich wünschen würde.

Gerd Dombrowski klagt nicht über die Probleme, vor denen Hauptschulen stehen. Er versucht, sie so gut wie möglich zu lösen. Was nicht immer so möglich ist, wie er es sich wünschen würde.

Foto: Joachim Kleine-Büning / Funke Foto Services GmbH

Gelsenkirchen.  Gerd Dombrowski leitet die Hauptschule Grillostraße in Gelsenkirchen. Im Interview schildern er und sein Stellvertreter, wie es wirklich zugeht.

Gerd Dombrowski (noch 63) leitet die Hauptschule Grillostraße, Sascha Nölting (50) ist sein Stellvertreter (und Wunschnachfolger in zwei Jahren, wie sich im Lauf des Gesprächs zeigt). Wir sprachen mit den beiden über ihre Schule und deren Besonderheiten und Herausforderungen.

Herr Dombrowski, Sie sind vor zwei Jahren als Schulleiter an die Hauptschule zurückgekehrt, nach achtjähriger Pause in der Schulverwaltung im Bildungsbüro. Was hat sich an der Schule verändert?

Gerd Dombrowski: Acht Jahre sind eine lange Zeit. Aber Hauptschullehrer ist nach wie vor mein Wunschberuf. Ich hatte 1981 angefangen an der Hauptschule Sandstraße in Horst. Das war die erste Schule, die ich dann mit beerdigt habe. Danach war ich in Erle, dann mehr als 15 Jahre in Resse in der Schulleitung der Ewaldschule, einer Hauptschule, die es ja auch nicht mehr gibt. Danach kam das Bildungsbüro. Aber der Wiedereinstieg hier ist gut gelungen. Weil ich ein Hammer-Team mit hoher Professionalität und tolle Unterstützung habe. Damit meine ich alle: Kollegen, Sozialpädagogen, Sekretärin, Hausmeister, Putzkräfte - und die unterhaltsame Schülerschaft. Die zwei Jahre haben unheimliche Freude gemacht. Aber: Ja, Hauptschule hat sich sehr verändert, seit ich als Lehrer angefangen habe. Die Schüler sind anders und auch die Herausforderungen. Früher hätte ich gesagt: Wir machen Bildung und Erziehung, heute ist die Reihenfolge „Erziehung und Bildung“ treffender.

Die Hauptschule ist schon lange totgesagt worden, ist aber voller denn je. Wie voll ist Ihre Schule denn jetzt?

Dombrowski

: Wir haben zwei fünfte Klassen mit je 25 Schülern, plus die Internationalen Förderschüler, die teilintegriert in Deutsch oder Kunst oder Geschichte dazu kommen, dann sitzen da 27, 28. Wenn offiziell Schülerzahlen abgefragt werden, dann sind die nicht eingerechnet. Im letzten Schuljahr hatten wir zwei Sechser-Klassen und mussten daraus vier Siebener-Klassen machen, weil wir die sogenannten Bildungsgangswechsler aufnehmen müssen und die Kinder aus Internationalen Förderklassen (IFÖ) anderer Schulen, die in Regelklassen wechseln sollen. Damit die nicht in einer Klasse unter sich sind, mussten wir die Klassen teilen. Die künftigen vier Achter-Klassen sind vollgepackt mit an die 30 Schülern. Wir machen das gerne, wir können das ja auch. Aber irgendwann gibt es keine Räume mehr. Und keine Lehrer.

Apropos Lehrer: Wie sind Sie denn ausgestattet?

Dombrowski: Wir haben ganz viele Lehrerstellen. Wir haben auch einen Riesenstellenzuschlag für unsere Arbeit hier, elf Lehrer, mit denen wir Teamteaching, Doppelbesetzung realisieren können. Aber Stellen sind keine Lehrer. Wir haben 44 Lehrkräfte plus zwei Sozialpädagogen bei 450 Schülern aktuell, im August starten wir mit 470 Schülern.

Sascha Nölting: Eine Gelsenkirchener Hauptschule ist für viele Lehrer bei Stellenausschreibungen keine erste Wahl – was sehr schade ist. Ab August fehlen drei Lehrer. Ich selbst bin eigentlich Gymnasiallehrer mit Sekundarstufe I- und II-Befähigung. Ich bin vor 20 Jahren hier zugewiesen worden, damals machte das Land das noch. Ich musste für drei Jahre unterschreiben und hab gedacht: Ok, das hältst du aus, danach bist du weg. Daraus sind 20 Jahre geworden. Weil die Arbeit hier sehr anstrengend ist, aber auch sehr viel Spaß macht. Weil hier außer Unterricht noch ganz viel anderes passiert. Eine ehemalige Referendarin, die jetzt eine Stelle im Sauerland bekommen hat, möchte allerdings zu uns zurückkommen. Ich hoffe, wir schaffen das. Das Team hier ist wirklich sehr engagiert.

Sie sprechen von Erziehungs- und Elternarbeit?

Dombrowski:

Wir haben hier das volle Pfund. Von den 450 Kindern ist bei etwa 400 zuhause nicht Deutsch die Verkehrssprache. Etwa ein Drittel sind EU-Ost-Zuwanderer, zwölf Prozent stammen aus syrischen Familien. Aber: Was sich in den achten Jahren, in denen ich raus war, an Unterrichtsentwicklung getan hat, ist enorm. Die Kinder hier mit Sprachschwierigkeiten sind ja nicht automatisch dumm. Sie haben Sprachprobleme. Wir haben hier viele tolle Schüler. Und wir arbeiten heute mit kooperativen Lernformen, sprachsensiblem Unterricht, Methoden, die hier an der Schule im Team entwickelt wurden. Auch mit den neuen Medien. Wir sind ja sehr gut ausgestattet.

Nölting: Wir brauchen die neuen Medien aber auch. Der differenzierte Unterricht, der für uns bei dem breit gespreizten Wissens- und Sprachstand unserer Schüler lebenswichtig ist, wäre ohne die gute digitale Ausstattung gar nicht möglich. Wir haben uns vor drei Jahren auf den Weg gemacht, unseren Unterricht komplett umzukrempeln, ganz anders anzugehen, sprachsensibel, nach Bedürfnissen der Schüler. Viel von der Unzufriedenheit und Unruhe in Klassen rührt ja daher, dass die Schüler unter- oder überfordert sind.

Wie viele Internationale Förderklassen haben Sie aktuell?

Dombrowski: Wir mussten die IFÖ-Klassen leider in Doppeljahrgänge fassen, einmal Fünfer und Sechser, einmal Siebener und Achter plus Neuner und Zehner. Es wäre wünschenswert, es wieder zu trennen, aber es geht eben nicht. Dazu kommt eine Alphabetisierungsklasse, in der sogar fünfte bis zehnte Jahrgänge gemeinsam lernen. Und für IFÖ-Kinder haben wir noch einen Extra-Englisch-Kurs eingerichtet, um ihnen beim Wechsel in Regelklassen einen Einstieg in die Sprache zu ermöglichen, was sehr sehr schwer ist ohne Vorkenntnisse.

Wie funktioniert der Kontakt mit den Eltern?

Dombrowski: Unterschiedlich. Aber oft ist es nicht leicht. Der Postweg funktioniert oft nicht, weil keine Briefkästen zuzuordnen sind. Telefonisch ist es auch schwierig, weil sich die Rufnummern so oft ändern und es Sprachprobleme gibt. Manche Schüler und auch Eltern betrachten unsere Schule als eine Art Selbstbedienungsladen. Was sie brauchen, nehmen sie sich. Was schwierig ist, wird auch mal liegen gelassen. Aber wenn Hilfe gesucht wird, dann kommen die Eltern zu uns. Und das ist ja auch gut so. Natürlich haben wir hier auch Konfliktpotential, das bleibt bei den vielen Gruppen gar nicht aus. Gerade wenn Sprache fehlt. Unsere Sozialpädagogen haben da wirklich alle Hände voll zu tun.

Wie sieht es denn bei den Abschlüssen Ihrer Schüler aus? Wie viele schaffen das?

Nölting:

Aktuell schaffen sechs den Mittleren Abschluss, die gehen dann in der Regel zur Gesamtschule, um Abitur zu machen und die schaffen das auch. Die allermeisten, die von Anfang an bei uns sind, schaffen schaffen einen Abschluss. Aber bei den Seiteneinsteigern, die in Klasse acht oder neun als Seiteneinsteiger zu uns kommen, ohne Sprachkenntnisse: Da ist es schwer.

Dombrowski: Die wechseln dann ans Berufskolleg, zum Teil schon nach Klasse acht. In der Statistik tauchen die dann als „ohne Abschluss“ ab. Aber wie sollte das gehen? Und sie lernen dort ja weiter.

Bekommen Ihre Schüler Ausbildungsplätze?

Nölting: Unsere Schüler haben auf dem Arbeitsmarkt in Gelsenkirchen mit dem Abschluss nach Klasse neun und zehn nicht die besten Chancen, weil es so viele andere mit höheren Abschlüssen gibt. Deshalb haben wir bei uns Langzeitpraktika-Klassen in den oberen Jahrgängen eingerichtet. Da machen Schüler ein Jahr lang zwei Tage je Woche in Betrieben Praktika und kommen drei Tage zur Schule. Da können sie zeigen, was in ihnen steckt, Kontakte knüpfen. Von denen bekommen auch viele einen Ausbildungsplatz im Handwerksbereich. Und in Klasse neun haben wir an unserer Schule ein Modell entwickelt, bei dem Schüler sich direkt auf einer Art Messe bei Vertretern von Kammern, Arbeitsagentur und Berufsschulen an einem Ort über ihre Möglichkeiten informieren können.

Dombrowski: Das ist in diesem Jahr auch stadtweit übernommen worden vom Bildungsreferat, von Bernd Zenker-Broekmann, mit einer solchen Messe im Hans-Sachs-Haus, weil das bei uns so erfolgreich war.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften: Was wäre das?

Dombrowski: Zeit und Ruhe, das zu tun, was unsere Aufgabe ist. Es nutzt uns überhaupt nicht, wenn immer neue Programme aufgelegt werden. Schulentwicklung braucht Zeit. Helfen würde, wenn man Entlastung bei den Funktionsstellen hätte, wie bei den Gesamtschulen. Damit wir mehr Zeit für Unterricht haben. Wir müssen mit den Grundschulen die meisten Unterrichtsstunden leisten, 28 Wochenstunden. Und verdienen am wenigsten.

Nölting: Ein Gymnasiallehrer fängt meines Wissens mit meiner Gehaltsstufe an… da muss man sich nicht wundern, dass es Hauptschulen schwerfällt, Stellen zu besetzen.

Dombrowski: Sie sehen: Wer an der Hauptschule arbeitet, ist Überzeugungstäter.

Nölting: Ich würde mir wünschen, offene Lernsituationen zu haben, in der alle Schüler auch eigene mobile Endgeräte bekommen, damit sie individuelle Lerninhalte abrufen können. Um noch differenzierter unterrichten zu können, am liebsten mit Tablets. Und dass alle Schulformen bis zur neunten Klasse ihre Schüler versetzen müssen.

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