Krankenhaus

Gelsenkirchener Arzt hilft in einer völlig anderen Welt

Diesen Vierlingen half Dr. Klaus-Dieter Weber 2017 auf die Welt. Drei von ihnen haben überlebt. In Pakistan ist das alles andere als selbstverständlich.

Foto: Klaus-Dieter Weber

Diesen Vierlingen half Dr. Klaus-Dieter Weber 2017 auf die Welt. Drei von ihnen haben überlebt. In Pakistan ist das alles andere als selbstverständlich.

Gelsenkirchen/ Tank.   2009 beschloss der Gelsenkirchener Arzt, seine Praxis in Bismarck zu verkaufen und fortan in einer Klinik in Pakistan Menschenleben zu retten.

Für Dr. Klaus-Dieter Weber ist es die beste Zeit seines Lebens. Der Allgemeinmediziner und Chirurg, der in Bismarck 20 Jahre lang eine große Praxis leitete, lebt und arbeitet seit 2009 in Tank, einer Stadt in Pakistan mit 100 000 Einwohnern an der Grenze zu Afghanistan. Es ist militärisches Sperrgebiet. Er leitet dort ein Krankenhaus, in dem er der einzige Chirurg ist und als solcher für alles zuständig, vom Kaiserschnitt über Prostata und Gallensteine bis zu Brüchen oder Blinddarm. Laparaskopisch, also mit Schlüssellochtechnik, allerdings arbeitet er nicht. „Dafür ist die Stromversorgung zu unsicher. Fünf bis sechs Stunden am Tag gibt es Strom, aber auch das nicht sicher an einem Stück,“ erklärt er lächelnd, als sei das völlig selbstverständlich. Er hat sich eine Stirnlampe mit starken Batterien zugelegt, darauf kann er sich beim Operieren verlassen.

Bis zu 1300 Geburten im Jahr in dem kleinen Haus

Mit den Konditionen in unseren Kliniken ist seine Arbeit, die von einem Konsortium evangelischer Missionswerke finanziert wird, nicht vergleichbar. Fast 1300 Kinder werden in dem Krankenhaus im Jahr geboren. In einer geburtshilflichen Abteilung mit neun Betten, einem „Warteraum“ und zwei Kreißsälen. Oft ist der Andrang so groß, dass Geburten auf der Station stattfinden. Unterstützt wird Weber von acht Hebammen, sieben wurden im Haus selbst ausgebildet. Sie arbeiten in Schichten.

Männliche Pflege sind in der Geburtshilfe verpönt

Verstärkung sind einheimische Schwesternhelferinnen, die schon allein wegen der vielen verschiedenen Sprachen als Übersetzerinnen wichtig sind. Männliche Pfleger sind verpönt in der Geburtshilfe, Weber als Mann ist nur akzeptiert, weil seine Haare (mit 62 Jahren) schon grau sind. Die Kaiserschnittquote liegt in Pakistan trotz vieler komplizierter Geburten niedriger als in Deutschland. Mehrlingsgeburten sind häufig, weil die Frauen fruchtbarkeitsfördernde Medikamente nehmen; aus Angst. Kinderlosigkeit ist in Pakistan ein Makel.

Keime selbst im Wasser aus dem Krankenhausbrunnen

2017 hat Weber eine junge Frau von Vierlingen entbunden – drei Babys haben überlebt: keine Selbstverständlichkeit. „Die hygienischen Bedingungen sind schlecht. Es ist bis zu 55 Grad Celsius heiß, das Wasser ist keimbelastet, auch im Krankenhausbrunnen. Es gibt kein Toilettenpapier und viele Kinder kommen missgebildet zur Welt, weil sie aus Inzucht entstammen. Die Menschen wissen, dass Inzucht Missbildungen fördert. Sie heiraten trotzdem innerhalb der Familie,“ erklärt Weber. Und lächelt noch immer.

Wie schafft er das?„Wir können so vielen Menschen helfen, sie retten. Das ist wunderbar, auch wenn wir nicht allen helfen können. Ehrlich gesagt: Für die Arbeit hier wäre ich mittlerweile ungeeignet. Dieses Klagen über kleine Wehwehchen: das passt nicht mehr,“ gesteht „Dr. Klaus“, wie ihn alle nennen.

Viel Arbeit unter sehr harten Bedingungen

Von Arbeitszeiten zu sprechen bei Webers Einsatz wäre abwegig. Er wohnt zwei Minuten von der Klinik entfernt, ist jeder Zeit einsatzbereit. Frei nimmt er sich nur samstagabends, um in die Sauna zu gehen – die Winter sind kalt in der Region. „Aber wenn ein Notfall kommt, unterbreche ich den Saunagang natürlich.“

Und so klagt der Mediziner auch nicht darüber, dass er selbst schwer krank war in diesem Jahr. Weil er in der Hitze und unter den Bedingungen viel zu viel gearbeitet hat. Aber es geht ja wieder, nur das zählt. „Dr. Klaus“ ist sehr gläubig; das hilft natürlich.

Gelände wird von bewaffneten Milizen bewacht

Das Krankenhausgelände ist ummauert, das Portal bewacht. Auf dem Gelände ist eine eigene Schule für die Mitarbeiter, an die 50 (selbst) ausgebildete Pfleger plus etwa ebensoviele Helfer. Die Schule wird mittlerweile auch von offiziellen Stadtoberen für ihre Kinder genutzt. Eigentlich gibt es auch ein staatliches Krankenhaus in der Stadt. „Aber dort muss man die Behandlung bezahlen, und das können sich die wenigsten leisten. Deshalb kommen sie zu uns,“ erläutert Klaus-Dieter Weber bescheiden.

Aktuell ist „Dr. Klaus“ auf Heimaturlaub bei der Familie in Gelsenkirchen, diesmal sogar für zwei Monate. Weil er eine Vertreterin in Tank gefunden hat für die Zeit, die auch Kaiserschnitte kann. „Im vorigen Jahr konnte ich nicht kommen, weil ich keine richtige Vertretung hatte. Da kann ich nicht einfach wegfahren und alle im Stich lasssen.“ In seinem Heimaturlaub arbeitet er natürlich auch für sein Krankenhaus: Er berichtet in Gemeinden über die Arbeit, sammelt so auch Unterstützer.

Bis acht Geburten an einem Tag

>> Das Krankenhaus in Tank behandelt täglich 200 ambulante Patienten. Bis zu 40 Patienten liegen im Schnitt auf den Stationen, meist weniger als vier Tage.

>> Das Hospital wurde 1868 gegründet. Die Sauna als Erholungsort hat Dr. Klaus einem finnischen Missionswerk zu verdanken, das beim Ausbau des Krankenhauses geholfen hat.

>> Rekord waren in der Klinik acht Geburten an einem Tag. Eine reale Überlebenschance haben Kinder ab einem Gewicht von 1300 Gramm. Die hygienischen und klimatischen Rahmenbedingungen sind zu schlecht für kleinere Frühchen.

>> Wer die Arbeit unterstützen möchte: Das Spendenkonto des DMG Interpersonal e.V., dem Träger des Hauses, hat die IBAN DE026729 2200 0000 2692 04, BIC GENODE61WIE – bitte mit Angabe des Stichworts „Dr. Klaus“ beim Verwendungszweck.

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