TV-Sendung

Gelsenkirchen: Vom Hartz-IV-Empfänger zum RTL-II-Experten

Jahrelang musste Wilfried Fesselmann jeden Cent umdrehen, heute hat der Gelsenkirchener einen gut bezahlten Job. Das Sparen ist ihm aber in Fleisch und Blut übergegangen.

Jahrelang musste Wilfried Fesselmann jeden Cent umdrehen, heute hat der Gelsenkirchener einen gut bezahlten Job. Das Sparen ist ihm aber in Fleisch und Blut übergegangen.

Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen-Rotthausen.  Wilfried Fesselmann lebte zehn Jahre lang von Hartz-IV. Nun tritt der Gelsenkirchener als Experte in der RTL-II-Sendung „Armes Deutschland“ auf.

Jahrelang lebte Wilfried Fesselmann mit seiner fünfköpfigen Familie von Hartz IV. Heute arbeitet er bei einer Bank – und pfändet die Konten anderer Menschen. Nach elf Jahren Arbeitslosigkeit hat der 52-Jährige eine Arbeit gefunden. Nun tritt er als TV-Experte in der RTL-II-Sendung „Armes Deutschland – Dürfen die das?“ auf.

Der eine oder andere dürfte Fesselmann kennen. Während seiner Arbeitslosigkeit schrieb er mehrere Bücher darüber, wie man gut mit dem Geld vom Amt auskommt. Auch im Fernsehen hatte er manchen Auftritt. Seine streitbare These: „Von Hartz IV kann man gut leben.“ Das gefiel nicht jedem. Der Ex-Sozialhilfeempfänger bleibt aber bis heute dabei: „Mit Hartz IV hatten wir alles, was wir brauchten. Genug zu essen, Kleidung, eine Wohnung mit Garten. Wir konnten sogar in den Urlaub fahren und haben Geld gespart.“

Als Elfjähriger in Essen von einem katholischen Pfarrer missbraucht

Doch Medienpräsenz und provokante Thesen sind nur ein Teil seiner Geschichte. Als Elfjähriger wurde Fesselmann von einem Pfarrer aus Essen missbraucht. Eine traumatische Erfahrung, die der 52-Jährige heute als Hauptgrund für seine jahrelange Erwerbslosigkeit ausmacht. Nach einer Ferienfreizeit lud der Geistliche den Jungen damals nach Hause ein, gab ihm Alkohol zu trinken und zwang ihn, ihn oral zu befriedigen. Jahrelang habe er das Erlebte verdrängt, sagt der 52-Jährige. Bis es aus ihm herausbrach.

1998, damals arbeitete der gelernte Bürokaufmann als Filmtheaterleiter bei einer kleinen Kinokette, begannen die Panikattacken. „Man denkt eine halbe Stunde lang, man stirbt“, erinnert er sich. „Ich konnte nicht mehr Auto fahren, nicht mal mehr im Supermarkt an der Kasse anstehen.“ Dann schloss das Kino, die psychischen Probleme hätten die folgende Jobsuche extrem beeinträchtigt.

2015 wieder einen Job gefunden – nach elf Jahren Arbeitslosigkeit

Aufwärts ging es erst 2010. Da ging Fesselmann mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit, verklagte mit einer Opferorganisation sogar Papst Benedikt XVI, der in seiner Zeit als Erzbischof von München an der Vertuschung des Missbrauchsskandales um den Essener Pfarrer beteiligt gewesen sein soll. Deutsche Medien, BBC, CNN, New York Times – alle berichteten über seinen Fall. „Das war für mich ein Befreiungsschlag“, sagt er. „Endlich habe mir die Leute zugehört.“ Ab diesem Punkt seien die Panikattacken seltener geworden. 2015 fand er schließlich wieder einen Job, damals noch im Servicecenter einer Bank.

Im sparsamen Leben allerdings ist er heute „noch richtig drin“, wie er selbst sagt. Prospekte durchstöbern, den günstigen Preis suchen – das ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen: „Die große Cola-Kiste kaufe ich nur, wenn sie im Angebot ist.“ Und wenn er irgendwo eine Pfandflasche herumstehen sieht, dann nimmt er sie immer noch mit. Wobei er lachend ergänzt: „Aber nur die 25-Cent-Flaschen. Das mit den Acht-Cent-Bierflaschen ist vorbei.“

Unverständnis für Sozialhilfeempfänger in der RTL-II-Sendung

Als ihn RTL II für „Armes Deutschland“ anfragte, war Fesselmann sofort Feuer und Flamme. In der Doku-Sendung werden Sozialhilfeempfänger mit der Kamera begleitet. Der 52-Jährige kommentiert gemeinsam mit anderen Experten aus dem Off das Verhalten der Protagonisten. Dabei empfand er vor allem eines: Unverständnis.

„Da kaufen sich Leute für 200 Euro monatlich Zigaretten, geben ihre Unterlagen nicht ab oder schmeißen Pfandflaschen einfach weg“, ärgert er sich. „Wenn ich schon zwölfmal eine Sperre vom Amt bekommen habe, dann gehe ich doch beim 13. Mal zum Jobcentertermin hin.“

Einige Geschichten seien aber auch einfach traurig gewesen: „Eine Mutter leiht sich zum Beispiel in der Sendung das Taschengeld ihres neunjährigen Kindes, um den Einkauf zu bezahlen.“

Nachbarn aus Bismarck tauchten plötzlich auf dem Fernsehbildschirm auf

Ein unverhofftes Wiedersehen gab es übrigens auch: „Ich saß im Greenroom, sah die Doku an und dachte auf einmal: Die kennst du doch“, erzählt Fesselmann. Tatsächlich: Es waren seine ehemaligen Nachbarn aus Bismarck, die dort über den RTL-II-Bildschirm flimmerten. „Die sind mittlerweile echt arm dran. Am liebsten würde ich da hinfahren und den Leuten helfen.“

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