Ruhestand

Gelsenkirchen: Käsehändlerin erlebte Wandel von Buers Markt

Nach 48 Jahren auf dem Wochenmarkt in Gelsenkirchen-Buer geht Gertrud Mierswa, Inhaberin des Käsehandels Leo Coers, Ende Oktober in den Ruhestand. Markthändlerin zu sein, war immer ihr Traumberuf.

Nach 48 Jahren auf dem Wochenmarkt in Gelsenkirchen-Buer geht Gertrud Mierswa, Inhaberin des Käsehandels Leo Coers, Ende Oktober in den Ruhestand. Markthändlerin zu sein, war immer ihr Traumberuf.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen-Buer.  Mit Gertrud Mierswa geht eine Institution des Wochenmarkts in Gelsenkirchen in Rente. Vom Stand aus verfolgte sie das Auf und Ab in der City.

Alles Käse, und wie: Für Gertrud Mierswa ist ihr Verkaufswagen auf dem Wochenmarkt in Buer das Schlaraffenland, buchstäblich. Eine Insel auf Rädern, voll köstlicher Düfte, im Sommer schon kühl, aber auch im Winter ein Stück Heimat. Allerdings nicht mehr lange: Ende Oktober geht die 63-Jährige in den Ruhestand, nach 48 Jahren im Schatten des Weiser-Kaufhauses, in denen sie Generationen von Kunden ihre Leidenschaft für Gouda & Co. näherbrachte - und ein Stück Lokalgeschichte vor ihrem Stand erlebte.

Noch im vergangenen Jahr wollte die Westerholterin nichts davon wissen, in Rente zu gehen. Auch wenn ihr Mann Erwin (66), mit dem sie den Betrieb führt, schon lange „quengelte“. Ihren „Käsehandel Leo Coers“ aufgeben? Den ihr Vater einst gegründet hatte? Bei dem sie als 15-Jährige in die Lehre gegangen war, „weil für mich nichts anderes in Frage kam als eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau, um dann auf den Wochenmärkten zu stehen“? Undenkbar für die quirlige Frau, deren fröhliches Lachen oft noch ein paar Marktstände weiter zu hören ist.

Gelsenkirchener Kunden haben ein besonderes Faible für Bergkäse

„Es gibt doch nichts Schöneres, als täglich an der frischen Luft zu sein und mit vielen Leuten zu sprechen. In einem Geschäft zu arbeiten, wäre für mich schrecklich“, erzählt sie. Dass sie Käse in allen Varianten liebt, versteht sich für Gertrud Mierswa von selbst. Aufgewachsen mit den Klassikern Gouda und Leerdammer, hat sie im Laufe der Jahrzehnte ihr Sortiment mit internationalen Sorten erweitert, sich auf Bergkäse spezialisiert, der stark nachgefragt wird.

Wie Buer sich verändert hat, konnte die Westerholterin von ihrem Verkaufswagen aus der ersten Reihe verfolgen. „Vor 50 Jahren war der Wochenmarkt sehr voll, die Stände standen dicht an dicht. Es gab auch jede Menge fliegende Händler, die Küchenutensilien verkauften. Eben all das, was heute im Verkaufsfernsehen beworben wird.“

Gertrud Mierswa erlebte zahlreiche Baustellen vom Verkaufswagen aus

Was hat sie alles für Umbauten erlebt: die Umgestaltung des Sparkassen-Gebäudes („da stand über Monate ein Pavillon als Ersatz auf dem Bunker“), aber auch die Sanierung der Marktfläche selbst, die einen Umzug Richtung Busbahnhof nötig machte. „Was haben da alle von französischem Flair unter den alten Bäumen geschwärmt. Nur verkauft haben wir Händler dort viel zu wenig.“

Dann die Markthalle - erst die Bauarbeiten, dann die Konsolidierungsphase, „als Wochenmarkt und Markthalle einander ergänzt haben“; schließlich der Niedergang, der jahrelange Stillstand, die teilweise Eröffnung mit „Denn’s Biomarkt“ vor einigen Wochen. „Ob der Markt davon profitiert, wird man sehen müssen. Bislang ist es wohl eher umgekehrt“, meint sie.

Fast familiäres Verhältnis zu den Stammkunden

Gleichwohl: Beschweren will sie sich nicht. „Ich habe 90 Prozent Stammkundschaft, kenne viele mit Namen, teilweise haben schon die Eltern bei uns gekauft. Das ist fast ein familiäres Verhältnis.“ Kein Wunder, dass die 63-Jährige da viel Privates erfährt. „Vielen hilft es, wenn sie ihre Sorgen einfach mal erzählen können“, freut sie sich über den Vertrauensbeweis. Diese Plaudereien - sie wird sie vermissen, fürchtet sie.

Dass ihr Käsehandel erfolgreich war, führt sie nicht nur darauf zurück, dass sie die Vorlieben ihrer Kunden kennt und darauf abgestimmt Neuheiten empfehlen kann. „Auch unsere beiden Mitarbeiterinnen Petra Pfeifer und Angelika Hohenlohe haben dazu beigetragen, die über Jahrzehnte mit uns im Wagen standen.“ Es sei schwierig, versiertes Personal für den Wochenmarkt zu finden. „Das will kaum einer machen, warum auch immer.“

Wieso jetzt der für sie richtige Zeitpunkt gekommen ist, in den Ruhestand zu gehen? „Diese bürokratischen Auflagen, diese ständigen Veränderungen auf dem Wochenmarkt, auch durch Corona, sind mir zu viel geworden“, sagt sie. Zwar verzeichnet sie seit Beginn der Pandemie ein Umsatzplus von etwa 20 Prozent. „Aber das ganze Drumherum nervt mich auch.“ Insgesamt habe Buers Frequenz doch unter der Schließung der großen Magneten Sinn und Karstadt/Hertie gelitten. „Und da höre ich lieber jetzt auf.“ - Allerdings in dem Bewusstsein, beruflich alles richtig gemacht zu haben: „Ich würde diesen Weg als Markthändlerin immer wieder gehen.“

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