Insolvenz

Gelsenkirchen: Die Geldbach-Pleite wäre vermeidbar gewesen

Bei der Gelsenkirchener Firma Friedrich Geldbach GmbH werden Maschinen und Material in Einzelteilen verkauft. 65 Mitarbeiter betroffen. Alle Rettungsversuche scheiterten.

Bei der Gelsenkirchener Firma Friedrich Geldbach GmbH werden Maschinen und Material in Einzelteilen verkauft. 65 Mitarbeiter betroffen. Alle Rettungsversuche scheiterten.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Ückendorf.  Pleite: Bei der Gelsenkirchener Firma Friedrich Geldbach GmbH werden Maschinen und Material in Einzelteilen verkauft. 65 Mitarbeiter betroffen.

Ein Traditionsunternehmen weniger in Gelsenkirchen. Bei der insolventen Friedrich Geldbach GmbH, ein Spezialist für Flansche, hat der Ausverkauf begonnen. 65 Mitarbeiter stehen vor dem Fall in die Arbeitslosigkeit. Völlig unnötig wie Insolvenzverwalter, Gewerkschaft und Betriebsrat kritisieren. Die Gründe für das Aus sehen sie in falschem Stolz, Missmanagement und unternehmerischer Fehlleistung.

Das Gelände an der Bergmannstraße 170 ist so gut wie verwaist. Fünf Mitarbeiter erledigen die restlichen Aufträge, bereiten den Ausverkauf von Maschinen und Material vor. Ende Dezember fällt der Hammer, schätzen Gewerkschaftssekretär Ralf Goller und Betriebsrat Fuat Kilinc. „Sie können schon jetzt mitbieten, wenn sie Interesse haben, die Firma ist fast komplett runderneuert worden. Hochwertige Maschinen gibt’s hier zum Schnäppchenpreis““, sagen sie zynisch beim Gang durch die Produktionshallen. Hier ein neuer Ofen, um die Werkstücke auf Bearbeitungstemperatur zu bringen - nie gelaufen - dort eine kleine Pressstraße, eine Zehn-Millionen-Euro-Investition, kaum drei Jahre alt, sie glänzt wie neu.

Beim Rundgang wird klar: Die Farina-Gruppe als Eigentümer des 126 Jahre alten Unternehmens hatte Großes vor. „2003 war die Belegschaft 33 Mitarbeiter stark, heute sind es 65, in Zukunft sollten es 100 werden“, erklärt Betriebsratsvorsitzender Fuat Kilinc. Denn die Flansche made in Gelsenkirchen waren heiß begehrt. Insbesondere die großen mit bis zu 20 Zoll Durchmesser. Flansche sind Rohrverbindungen wie sie die Öl-, Gas- und Chemische Industrie oder auch die Schiffsbauer zu Abertausenden benötigen, um ihre Leitungen dauerhaft sicher anzuschließen.

Fehl-Investitionen: Reparatur des Gewinnbringers blieb aus

Dreh- und Angelpunkt der Firma: Die 8000 Tonnen-Presse für die großen Flansche, quasi die „Geldpresse“ des Unternehmens, weltweit gibt es eine vergleichbare Maschine angeblich nur noch ein einziges Mal. Ihr Vorteil: die weitaus höhere Stabilität der gepressten Elemente gegenüber gewalzten Flansche.

Aber: „Die Maschine ist seit 2016 defekt“, sagt Fuat Kilinc, der 59-Jährige ist seit 38 Jahren im Unternehmen, war zuletzt Betriebsleiter für den Ablauf. Statt in die Reparatur dieser Maschine zu investieren (Kosten: vier Millionen Euro), habe Firmenchef Carlo Farina 2017 zehn Millionen Euro in eine Produktionsstraße für kleinere Flansche investiert. Die Folge: Große Flansche wurden in Ückendorf nur noch bearbeitet, statt selbst hergestellt. Umsatz und Gewinn brachen darauf spürbar ein. „Damit ist das wichtigste Glied der Wertschöpfungskette gerissen“, ergänzt IG Metall-Gewerkschaftssekretär Ralf Goller.

Von derlei unternehmerischen Fehlentscheidungen gibt es laut Fuat Kilinc und Ralf Goller, aber auch nach Angaben des Düsseldorfer Insolvenzverwalters Klaus Siemon noch mehr. Die Verluste sind massiv: Seit 2015 rund elf Millionen Euro, „rund 200.000 Euro im Monat“, rechnet der Rechtsanwalt vor.

Was aber macht die Unternehmensleitung? „Sie modernisiert 2017 kleine Pressstraßen und schlägt dazu noch das Angebot aus der Belegschaft, in Kurzarbeit zu gehen, aus“, sagen Fuat Kilinc und Ralf Goller kopfschüttelnd. „Carlo Farina war wohl zu stolz, Staatshilfe anzunehmen, er wollte es aus eigener Kraft schaffen“, vermuten Betriebsrat und Gewerkschafter. Für die Mitarbeiter toll, volles Gehalt bei wenig Arbeit, für das Unternehmen allerdings bleischwerer Ballast, der es weiter in den finanziellen Abgrund zog.

Weigerung, das Grundstück in Gelsenkirchen an Investor abzugeben

„Ich bin immer noch fassungslos von so viel Missmanagement und unternehmerischer Fehlleistung“, sagt Klaus Siemon. Denn nichts blieb unversucht, um die Friedrich Geldbach GmbH zu retten. Die Wirtschaftsförderung Gelsenkirchen schaltet sich ein, öffnet Tür und Tor zu Banken und möglichen Kreditgebern. „Die Wirtschaftsförderer waren überaus engagiert und emsig“, betont der Insolvenzverwalter. Farina habe sich aber hartnäckig geweigert, Hilfe anzunehmen. Oder war wie Kilinc und Goller berichten, nicht in der Lage, „die Unterlagen vollständig einzureichen“. So seien Kredite schlichtweg geplatzt.

Die Farina-Gruppe hielt lange an dem Plan fest, selbst einen neuen Investor zu finden respektive den Gelsenkirchener Traditionsbetrieb in der Gruppe zu halten. Interessenten gab es genug, wie Betriebsrat, Gewerkschaftssekretär und Insolvenzverwalter unisono betonen. Die Krux an der Sache: Die Unternehmensleitung ließ sich nicht darauf ein, auch die Grundstücke, das Areal umfasst 55.000 Quadratmeter, freizugeben. Jeder neue Eigentümer wäre also Mieter geworden - ein Ausschlusskriterium, das Investoren in die Flucht trieb.

Das letzte Aufbäumen dann 2020: Für 1,8 Millionen Euro sollte auf Betreiben des Insolvenzverwalters Geldbach an die Farina-Gruppe verkauft werden, um Arbeitsplätze zu halten. Corona hat in Norditalien aber so gewütet, dass die Gruppe wirtschaftlich nicht mehr in der Lage war, die Übernahme zu stemmen. Nun also der Ausverkauf.

Geschäftsführer Carlo Farina war für die Redaktion für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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