Kommentar Missbrauchsfälle

Für Lehrer am MPG in Gelsenkirchen gilt Unschuldsvermutung

Foto: Foto: Gerd Bertelmann / fFS

In Zeiten der Dauererregung im Netz müssen wir als professionelle Journalisten umso konservativer berichten. Und Bedenken ernst nehmen.

Zu unserer Berichterstattung über mögliche Missbrauchsfälle am Max-Planck-Gymnasium haben wir viele Kommentare erhalten. Nicht wenige unserer Leser waren der Meinung, wir hätten über die Lehrer, die sich möglicherweise des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen schuldig gemacht haben, nicht schreiben sollen. Der Ruf eines Menschen werde dadurch zerstört. Die Unschuldsvermutung gelte für jeden.

Anruf besorgter Mutter reicht nicht

Diese Bedenken sind berechtigt. Gerade in Zeiten, in denen im Netz jeder alles publik machen kann, Neuigkeiten immer häufiger nach ihrem Erregungspotenzial bewertet werden statt nach ihrem Wahrheitsgehalt, müssen wir als professionelle Journalisten umso konservativer vorgehen. Konservativ heißt: sorgfältige Prüfung der Quellen. Recherche in alle Richtungen. Einordnung der Fakten, und vor allem: im Zweifel äußerste Zurückhaltung. Im Falle des möglichen Missbrauchs am MPG war keineswegs von Anfang an klar, ob die Geschichte überhaupt in der Zeitung oder auf unserer Website erscheinen würde. Ein Anruf einer besorgten Mutter ist nämlich keine solide Quellenlage.

Staatsanwaltschaft muss Beweise sammeln

Doch es gab weitere Hinweise: Die Staatsanwaltschaft hatte in einem Fall ein Verfahren eingeleitet, die Bezirksregierung den betreffenden Lehrer suspendiert. Auch im zweiten Fall informierte Münster den Staatsanwalt. Jetzt liegt es in der Hand der Behörden, Zeugen zu befragen, Beweise zusammenzutragen. Ein Verdacht steht im Raum. Über nichts anderes haben wir in den letzten Tagen geschrieben. Konservativ berichten heißt auch, nach Rudolf Augstein: „Sagen, was ist.“

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