Serie Starke Frauen

„Frau Lalok“ und ihre besonderen Kinder in Schalke

Venetia Harontzas an ihrem Lieblingsplatz auf dem Consolgelände in Bismarck.

Venetia Harontzas an ihrem Lieblingsplatz auf dem Consolgelände in Bismarck.

Foto: Foto: Joachim Kleine-Büning / FFS

Gelsenkirchen-Schalke.  Venetia Harontzas ist ehrenamtliche Geschäftsführerin des Jugendtreffs Lalok Libre in Gelsenkirchen. 30 Kindern hilft sie hier täglich ins Leben.

Sie erinnert sich noch genau, wie das war, vor 27 Jahren: ,,Hausaufgabenbetreuung sollte ich im Lalok machen, einmal in der Woche für zwei Stunden” erzählt Venetia Harontzas. ,,Lalok” steht für Lalok Libre, Jugendtreff im Herzen von Schalke. Der Name wird in unserem Gespräch in den nächsten zwei Stunden in fast jedem Satz fallen. Und es braucht nicht lange, bis dem Gegenüber klar wird: Für die Frau mit der energischen Stimme und der unerschütterlichen Tatkraft ist das Lalok Libre in der Dresdener Straße 87 viel mehr als ein Gebäude mit einer Kneipe im Erdgeschoss und ein paar Aufenthaltsräumen darüber. Es ist Arbeitsplatz, zweites Zuhause, Hafen für Benachteiligte, Hort der Hoffnung.

Zuhause in zwei Welten

Venetia Harontzas wurde im Ruhrgebiet geboren, ihr Vater kam 1955 aus Griechenland in den Pott, ,,als Nicht-Gastarbeiter”, darauf legt Harontzas wert, ,,sondern um seine Schwester in Marl zu besuchen. Dort lernte er meine Mutter kennen, damals Schwesternschülerin bei der Awo.” Herkunft, auch persönlich ein wichtiges Thema für die Halbgriechin: ,,Tja, was bin ich eigentlich?” Die 62-Jährige kratzt sich am Kopf. ,,In Griechenland war ich immer die Deutsche. In Deutschland war ich immer die Vorzeige-Migrantin.” Zuhause in zwei Welten: ein Gefühl, das vielen Zugewanderten vertraut ist. Die 30 Kinder, die zurzeit täglich ins Lalok Libre kommen, haben fast ausschließlich einen schweren Weg hinter sich. Und wie sich ihre Zukunft in Deutschland gestalten wird, hängt davon ab, ob sie außerhalb ihres Elternhauses eine Anlaufstelle für ihre Probleme finden

Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung

,,Wir haben hier alles: Rumänen, Bulgaren, Polen, Serben, Syrer, Türken, Afghanen. . .” Die Kinder erhalten im Lalok Libre warmes Mittagessen, bei den Hausaufgaben schauen Harontzas und vier Minijobber ihnen über die Schulter. Wenn Mädchen in die Pubertät kommen, spricht die dreifache Mutter sie an. ,,Roma-Mädchen werden traditionell sehr junge Mutter und kriegen viele Kinder. Wir versuchen, diesen Kreislauf aufzubrechen”. Wenn die Eltern ihre Kinder abholen, bringen sie ihre Papiere mit. ,,Wir zeigen ihnen, was sie ausfüllen müssen, klären sie über Schulen und Bildungsangebote auf.”

Venetia Harontzas wohnt gegenüber vom Lalok. Von ihrem Fenster aus kann sie sehen, ob jemand vor der Tür steht. Und obwohl ihre Arbeit von Projektgeldern finanziert wird, sie keinen festen Anstellungsvertrag hat. ,,Ich bin im Grunde 24/7 im Lalok. Anders geht es auch nicht.” Ja, sagt die ehrenamtliche Geschäftsführerin, da prallen Kulturen aufeinander. ,,Das sind Menschen, die in ihrem Land ganz andere Rituale und Gewohnheiten haben. Da muss man ganz klein anfangen.” Viele Kinder, erzählt sie, kämen seit Jahren zu ihr. ,,Inzwischen kommen sogar Kinder von meinen ersten Kindern.” Und die Erfolge stellen sich ein. Kleine Schritte: ,,Meine Kinder sind höflich. Sie sagen Bitte und Danke. Neulich habe ich Sebastian auf dem Bahnsteig getroffen. Er hat einen Ausbildungsplatz im Krankenhaus. ,,Venetia”, hat er gesagt. ,,Ich bin dir so dankbar. Du hast mir immer gesagt: Lerne, kümmer dich um die Schule. Das hat mir geholfen!”

Keine kontinuierliche finanzielle Förderung

Venetia Harontzas hat drei erwachsene Töchter, die sich ebenfalls ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. ,,Das ist mir wichtig, dass ich Kinder groß gezogen habe, denen ihre Heimatstadt nicht egal ist.” Ein bisschen Sorgen macht sich Frau Lalok, wie sie auch hier auf Consol in Bismarck, ihrem Lieblingsplatz, alle liebevoll nennen, über die Zukunft. ,,Die Gelder für mich laufen jetzt schon wieder aus. Ich habe zwei Herzinfarkte hinter mir. Warum bekommt das Lalok keine kontinuierliche strukturelle Förderung, wie andere Jugendzentren?” Nein, sie habe nicht studiert. ,,Aber ich mache die Arbeit mit den Kindern hier seit 30 Jahren. Die Familien kommen zu uns, ich kenne sie. So etwas muss doch zählen!”

Wir spazieren ein bisschen über das ehemalige Zechengelände. Ein paar Jungs kicken den Ball auf der Brache, ein Rentner führt seinen Hund über die Wiese, die sich langsam gelb färbt. ,,Ich mag diesen Ort. Mein Vater wäre damals fast hier angefangen.” Was ist Gelsenkirchen für Sie, Frau Lalok? ,,Gelsenkirchen ist meine Heimat. Ich wüsste gar nicht, wo ich sonst hinsollte.”

Serie Starke Frauen in Gelsenkirchen mit Frau Lalok
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