Erdbebengebiet

Flitterwochen: Gelsenkirchener Paar packt auf Lombok mit an

Einkauf für die Erdbebenopfer: Denise Brosda und ihr Mann Kai (Mitte) sowie Kerstin und David Wilhelm (außen) helfen mit Lebensmitteln.

Einkauf für die Erdbebenopfer: Denise Brosda und ihr Mann Kai (Mitte) sowie Kerstin und David Wilhelm (außen) helfen mit Lebensmitteln.

Foto: privat

Gelsenkirchen.  Ein Paar aus Gelsenkirchen gerät auf Lombok in ein Erdbebengebiet. Statt sich ins Hotel zurückzuziehen, beschließen die beiden anzupacken.

Die Abflughalle erinnert an diesem Mittwoch Anfang August eher an eine Notunterkunft als an einen internationalen Flughafen. „Überall lagen Menschen herum, die von der Insel herunterwollten“, berichten Denise Brosda und ihr Mann Kai. Das Pärchen aus Gelsenkirchen ist gerade auf Lombok, der kleinen Nachbarinsel des bekannten Bali, gelandet. Wenige Tage, nachdem ein schweres Erdbeben der Stärke 6,9 über 200 Menschen den Tod gebracht und mehr als 156 000 obdachlos gemacht hat.

Die japanischen Gäste kennen sich aus mit Erdbeben

Nein, Katastrophen-Tourismus betreiben die beiden nicht. Natürlich, Lombok sollte nach Bali die zweite Etappe ihrer Traumreise werden, Flitterwochen unter Palmen, ein türkisfarbener Pazifik, weiße Strände soweit das Auge reicht, malerische Sonnenuntergänge ... Ihr Hotel im Nordwesten, nahe der kleinen Stadt Senggigi, ist als einziges in der Gegend noch geöffnet. „Von den 300 Gästen, die ein paar Tage vorher die Lobby bevölkert hatten, sind wir als Gäste drei und vier geblieben“, berichtet Denise. Lediglich ein japanisches Pärchen harrt aus im von den Naturgewalten zerstörten Paradies. Mit dem Kommentar „Wir kennen Erdbeben von zuhause“ hatten sie es sich gemütlich gemacht.

Für Denise und Kai steht schnell fest, dass Erholung dem Einsatz weichen muss, dass Unterstützung wichtiger als Urlaubsfreude wiegt. „Wir müssen schauen, wie wir helfen können“, beschließen die Beiden noch am ersten Abend, an dem ihnen ein grollendes Nachbeben ganz plötzlich die drohende Gefahr vergegenwärtigt.

Ungeahnte Unterstützung

Nach Rücksprache mit dem Personal begeben sie sich am nächsten Tag auf Shopping-Tour. Engagieren einen Fahrer, starten in Richtung der Insel-Hauptstadt Mataram. Statt Souvenirs investieren sie ihre Urlaubskasse in Reis, abgefüllte Wasserkanister, Windeln, Seife. „Uns war sehr schnell klar, dass wir den Menschen kein Geld in die Hand drücken, sondern selber einkaufen und die Waren dann verteilen“, berichtet die 28-jährige Denise.

Am Ende dieses ersten Tages bekommen sie ungeahnte Unterstützung. Kerstin und David Wilhelm, ein junges Pärchen aus Karlsruhe, das ebenfalls die Flitterwochen in Indonesien verbringen will, trifft im Hotel ein. „Es war völlig verrückt“, sagt Kai. „12 000 Kilometer von Zuhause trifft man sich und stellt sehr schnell fest, dass man ähnlich tickt.“

Schicksale der Menschen auf den Straßen berühren sie

Zu viert entwickeln sie ihre eigene Logistik. „Wir wollten nicht die kleinen Läden vor Ort leer kaufen, wir mussten einen Großmarkt auftreiben“, erzählt Kai. Sie sprechen mit den Menschen auf der Straße. Erfahren von Schicksalen, die sie tief berühren. „Für viele war das Leben noch okay, obwohl ihr Haus zerstört und sie mit 30 Leuten unter einer Palme Zuflucht gesucht haben“, erinnert sich Denise. Ein Fahrer berichtet ihnen, dass die Familienmitglieder entweder tot sind oder im Krankenhaus behandelt werden. „Kerstin ist Ärztin, also haben wir uns ins Krankenhaus fahren lassen“, erzählt Denise. Das Gebäude existiert kaum noch, die Patienten waren in Zelten auf der Straße untergebracht. „Die Menschen haben gefroren, zum Teil am ganzen Körper gezittert“, erinnert sich Denise. Kurzerhand organisiert ein Arzt einen Ausflug in eine drei Stunden entfernte Weberei. „Dort haben wir mitten in der Nacht über 100 Decken gekauft.“

Inzwischen droht dem Quartett aus Deutschland das Geld auszugehen. „Über die sozialen Medien haben wir daheim um Unterstützung gebeten und 4500 Euro gesammelt“. Doch in den Schutt- und Trümmerbergen eine funktionierende Bank zu finden, entpuppt sich als ungeahnte Herausforderung. Zwei Tage brauchen sie, um an ihr Geld zu kommen.

Danach mieten sie einen Lkw, fahren in den von Erdbeben und Chaos verschonten Süden der Insel, kaufen Nudeln und Reis in 25 Kilogramm schweren Säcken. „Damit konnten wir vier Dörfer in unmittelbarer Nähe unseres Hotels mit Lebensmitteln versorgen.“

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