Circus Probst

Ein Zirkus-Horrorjahr mit etlichen positiven Überraschungen

Trotz etlicher Rückschläge im Corona-Jahr hat Brigitte Probst (60) im Gelsenkirchener Revierpark ihren Optimismus nicht verloren. Das Familienunternehmen kämpft als Traditionscircus ums Überleben.

Trotz etlicher Rückschläge im Corona-Jahr hat Brigitte Probst (60) im Gelsenkirchener Revierpark ihren Optimismus nicht verloren. Das Familienunternehmen kämpft als Traditionscircus ums Überleben.

Foto: Lutz von Staegmann / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen  Corona ruiniert Nerven und Finanzen. Die Probsts wollen einfach nur spielen - und planen optimistisch ihren 25. Gelsenkirchener Weihnachtscircus.

Bei der Familie Probst haben die Corona-Folgen Spuren hnterlassen: an den Nerven, den Finanzen. Der komplette Jahresplan des Familienunternehmens wurde durcheinander gewirbelt, die Tournee auf der ersten Station in Dormagen abgesagt. Aber die Folgen sind auch in Gramm und Kilos spürbar. "Man ist etwas gerostet in diesem Jahr. Bei uns ist wohl keiner, der nicht zugenommen hat", sagt Brigitte Probst. Die Circus-Chefin wird bald 61. Seit Weihnachten hat sie für ihr älteres Pedelec wieder einen frischen Akku. Mit dem tritt sie gegen Pfunde und Frust an. "Das ist meine neue Lieblingsbeschäftigung. Bewegung, Pedale treten, Landschaft gucken und ein bisschen Kondition antrainieren."

Kultursommer-Programm lief im Gelsenkirchener Revierpark

Mit rund 70 Tieren und knapp 20 Personen vom Büromitarbeiter bis zur Stallhilfe ist der Circus Probst im Revierpark gestrandet. Brigitte und Circus-Direktor Reinhard Probst (65), die Töchter Sonja (36), Stephanie (33) und Sohn Andreas (30) sind mit Partnern und Kindern vorübergehend sesshaft geworden. Statt Deutschlandtournee mit täglich zwei Manegenshows, mit Auf- und Abbau des fahrenden Unrernehmes im Wochenwechsel heißt es seit dem frühen Frühjahr: Zwangspause im Wohnwagenlager und schauen, wie der Betrieb die Corona-Folgen überlebt, aber auch immer wieder mit Enttäuschungen, mit Existenzängsten umgehen. "Aber eigentlich", sagt Brigitte Probst, "bin ich ein positiver Mensch. Wenn es wieder einen Rückschlag gibt, kann ich sofort meinen Kopf freischalten und nach vorne gucken."

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Der 24. Gelsenkirchener Weihnachtscircus 2019 ging noch über die Bühne, dann ging es kurz ins Winterquartier. Dann kam der erste Lockdown und im April die Rückkehr in die Stadt. Mit einem Kultur-Sommer im Revierpark, der Gelsenkirchen neben Manegen-Vorführungen Dutzende Corona-Veranstaltung von Puppenspiel über Cool-Jazz und die Kreissynode, von Abi-Feiern bis zum Rockkonzert bescherte, überbrückte die Circus-Familie die Sommermonate. Was Corona-Schutzkonzepte samt wechselnden Verordnungen von A wie Atemluft bis Z wie Zelt-Bestuhlung betrifft, wurden die Probst zwangsläufig Veranstaltungsprofis. Mal durften 250 Personen ins gelb-rote, 1600-Zuschauer fassende Viermastzelt, in der Spitze gar 400, aktuell wieder mal keine. Dennoch: Die Einnahmen aus Gastronomie und Catering reichten immerhin, um wenigstens einen Teil der laufenden Kosten zu decken. Um den Fuhrpark in Schuss zu halten, TÜV oder auch Reparaturen zu zahlen, ging es längst an die Substanz, die Frühjahrs-Kredithilfen sind aufgebraucht.

Knochenjobs wie Gerüstbau oder Gülle fahren

Auch Knochenjobs wie Gerüstbau oder Gülle fahren trugen zum Überleben bei. Oder DVD-Verkauf und Circus-Fanartikel. "Meine Tochter Sonja hat Atemschutzmasken mit Clownsgesicht zum Verkaufen genäht", außerdem hat es einige Spendenaktionen gegeben", sagt Brigitte Probst. "Das hilft uns, um unsere Tiere zu versorgen. Die sind ja Familienmitglieder." Besondere Unterstützung kam von einem Gladbecker Reitstall mit einer Wichtelaktion. "Futterkarotten, Müsli, Salzlecksteine und auch Tierdecken, aber auch Bargeld für die nächste Heufuhre" kamen dabei zusammen. "Das war so rühend, was die gemacht haben", freut sich die Chefin.

Die Zwangspause hat viele neue Bekanntschaften beschert

Was das Jahr dem Traditionszirkus im Wartestand noch brachte? "Viele positive Überraschungen", sagt Brigitte Probst. Seit über zwei Jahrzehnten verbringt die Familie im Winter viele Wochen in Gelsenkirchen, fühlt sich der Stadt eng verbunden. Doch 2020 gab es durch die Zwangspause erstmals Zeit, neue Bekanntschaften zu pflegen. "Es sind so viele besondere Menschen, die ich dieses Jahr kennengelernt habe. Durch Corona. Oder auch so verschiedene Musikstile, zu denen ich vorher keinen Zugang hatte und immer gedacht habe: Das ist nix für mich. Das alles kennenzulernen, hat Spaß gemacht."

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Der Gelsenkichener Weihnachtscircus 2020 wurde verschoben, der für März geplante Tourneestart in Duisburg bereits abgesagt. Vor wenigen Wochen hatte Brigitte Probst noch die Hoffnung, dass es Mitte Januar endlich mit der Wintershow losgehen könnte. Die Perspektive hat sich zerschlagen. Wieder einmal. "Jetzt sind wir bereit, unseren Weihnachtscircus vom 28. Januar bis 14. Februar zu machen. Die verpflichteten Artisten sitzen alle auf gepackten Koffern. Die Show steht." Und wenn es dann wieder nichts werden sollte? Brigitte Probst wird auch das nicht endgültig entmutigen: "Wir spielen irgendwann. Und wenn wir an die Tannenbäume Ostereier hängen müssen."

Im Revierpark Nienhausen wird bald umgebaut

Wobei: Am Standort im Revierpark Nienhausen dürfte dann die Zeit knapp werden. Bis Ende März, so die derzeitige Planung, dürfen die Probst mit Zelten, Ställen, Fuhrpark, Mann und Maus 2021 bleiben. Dann soll der Umbau im Revierpark beginnen.

Wehnachten haben die Probsts in Gelsenkirchen gefeiert, Silvester auch. Aber eben anders als früher in kleinem Rahmen. "Wir haben ja Vorbildfunktion", sagt die Chefin. Artisten, Mitarbeiter, die ganze Circusfamilie feierte sonst im Vorzelt mit Livemusik, Büfett, Mitternachtsfeuerwerk.

Ersten Vertrag für die 25. Jubiläumsshow unterzeichnet

Auf Herbst-Finanzhilfen wartet das Familienunternehmen mit Sitz in Rheinland-Pfalz bislang noch. Brigtte Probst ist guter Hoffnung, dass sie irgendwann wirklich fließen. Es muss, es soll weitergehen. Auch mit dem Weihnachtscircus. Zum Jahresausklang hat die Circus-Chefin den ersten Vertrag für die Show 2021/-22, immerhin die 25.In Gelsenkirchen, unterzeichnet. Verpflichtet hat sie wieder eine besondere Motorradgruppe - Todesfahrer, "noch spektakulärer als zuletzt".

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