Schalker Fans

Ein Schlitzohr erinnert sich an wilde Zeiten auf Schalke

Zurück in seinem Revier: Schalke-Fan Detlef Aghte im alten Parkstadion in Gelsenkirchen.

Foto: WAZ FotoPool

Zurück in seinem Revier: Schalke-Fan Detlef Aghte im alten Parkstadion in Gelsenkirchen. Foto: WAZ FotoPool

Gelsenkirchen.  Der Wirtssohn Detlef Aghte hat bewegte Zeiten mit seinem Verein erlebt. Oft hat er sich zu den Spielen eingeschlichen, auch mal mit einer Pressekarte. Über seinem Lokal in Gummersbach wehte die Club-Fahne. Nun ist er aus dem Exil wieder zurück in seinem Revier und Fan wie eh und je.

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Detlef Aghte,Schalke-Fan wie aus dem Bilderbuch, ist nach 50 Jahren im Exil zurück. Zurück in seiner Stadt und zurück bei seinem Verein. Im rauen Gelsenkirchen der 60er Jahre als Sohn eines Gastwirts aufgewachsen, hat er früh gelernt sich durchzusetzen. Seine Abenteuer sind in Fan-Kreisen legendär und füllen Bücher. „Aus dem Leben eines Taugenichts“, schmunzelt Aghte, wenn er aus bewegten Tagen erzählt. Aus dem Leben eines Schlitzohrs trifft es viel besser.

Mit Tempo 200 zur Arbeit

Schon im Stadion „Rote Erde“, der alten Heimat der Schwarz-Gelben, schlich sich der junge Detlef in den Fotograben. „Erst beim Schalker Tor haben die gemerkt, dass ich von der falschen Fraktion bin“, freut sich Aghte heute noch diebisch. Erle 08 war sein erster Berührungspunkt mit Fußball. Mit mit den Eltern kam er als 5-Jähriger aus Braunschweig in den Pott. Danach wohnten die Aghtes an der Uechtingstraße und so kam es zu ersten Schalker Kontakten: „Bei Kuzorra habe ich um Zigarrenkisten gebettelt und mit Laszig bin ich zum Platz gelaufen.“

Später in Horst, bewunderte er die Emscherhusaren der STV. „Man konnte sich ausleben als kleiner Köttel.“ Wenn er vom alten Gelsenkirchen spricht, tut der 68-Jährige das aber ohne Schönfärberei. „Das war ganz was anderes als heute, ein raues Pflaster, streckenweise böse.“ Die Eltern betrieben ein Lokal an der Hauptstraße, klein wie eine Schuhputzdose nur „Wichsdos“ genannt. „Da hab ich viel mitbekommen.“ Der Steppke hatte alle Zeit und auch das nötige Kleingeld, um die Oberliga-Plätze abzugrasen. „Meine Eltern malochten, ich wurde nicht vermisst.“

Küchenchef der Daimler-Kantine in Wuppertal

Mit 13 hatte er eine Ausbildung zum Koch im Traditionsbetrieb Hirth angefangen, abgebrochen, später aber erfolgreich im Hans-Sachs-Haus abgeschlossen. Den Jugendarrest hat er nicht ausgelassen.Trotzdem, oder deshalb, hat er sich durchgeboxt und wurde sogar Küchenchef der Daimler-Kantine in Wuppertal. Im Exil war er als Wirt, u.a. mit einem Ausflugslokal in Gummersbach, erfolgreich. Die Schalke-Fahne wehte natürlich über dem Lokal, mit einer S04-Ausstellung und Ausflügen nach Gelsenkirchen versuchte Aghte den „Einheimischen“ Schalke schmackhaft zu machen. „Das war Missionsarbeit“, lacht Aghte.

Samstags musste der Laden um 18 Uhr offen sein. Aghte beteuert, immer pünktlich vom Stadion zurückgewesen zu sein. „Ich habe in Buer 200 drauf gegeben und erst an der Abfahrt Meinerzhagen weggenommen“, beschreibt er die wilde Tempomat-Zeit. Vor Kurzem ist Aghte zurück nach Gelsenkirchen gezogen, direkt ins Berger Feld. Als Trainingskiebitz ist er nun anzutreffen. „Auf der einen Seite war ich immer höflich, auf der anderen nur Mist im Kopf.“ Keine schlechte Mischung, um auf Schalke klar zu kommen.

Mit dem Mercedes 180 auf Stadionrundfahrt

Detlef Aghtes Lieblingsspiel ist ein Sieg gegen den HSV, 1967. „Eine üble Zeit, wo wir nur am Abkacken waren“, fasst er auf seine Art zusammen. „Da stand ein riesiger Kerl mit Tränen in den Augen, vor Glück. Ich krieg heute noch Gänsehaut.“ Das Parkstadion guckte er sich zwei Tage vor Eröffnung mit seinem Bruder an. „Wir haben ein paar Runden über die Tartanbahn gedreht.“ Mit einem 180er Mercedes! „Ich hab gedacht, gleich geht der Zirkus los.“ Doch sie kamen ungeschoren davon. Später hat er einige Partien sogar vom Tribünendach verfolgt. „Immer ganz weit weg von der Kante.“

Ein Mokka mit Heribert Faßbender

Die größten Klöpse hat er in der Betonschüssel erlebt. Jahrelang hat er es mit ein und derselben Karte auf die Presseplätze geschafft. „Die kannten mich alle, grüßten mich, aber keiner wusste so recht, wer ich war.“ In der UEFA-Cup-Saison zog der Trick gar bei der Akkreditierung für Auswärtsspiele. „In Brügge hab’ ich mit Heribert Faßbender belgische Pralinen gegessen und Mokka getrunken, während sich die anderen Schalker den Arsch abgefroren haben und mit Klimpergeld beschmissen wurden“, feixt der Rentner.

Aghte erinnert sich an viele Tumulte bei Auswärtsspielen. Die Gewalt habe heute aber eine andere Dimension erreicht. Besonders bei den Revier-Derbys. Aghte, der in der Schalker Fan-Initiative gegen Rassismus aktiv ist, musste einmal selbst an der Arena einschreiten, um Fans der „Unaussprechlichen“ (O-Ton) zu helfen.

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