Verzicht

Die Popularität des Verzichts: Das sagt der Superintendent

Superintendent Heiner Montanus.

Superintendent Heiner Montanus.

Foto: Olaf Ziegler

Gelsenkirchen.   Der Gelsenkirchener Superintendent Heiner Montanus über die Beliebtheit, auf Gewohnheiten zu verzichten. Ohne rein religiösen Hintergrund.

Digital Detox, Müllfasten und sogar Sexabstinenz. Der Verzicht hat Konjunktur, auch ohne religiösen Hintergrund. Nicht nur zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag wird liebgewonnen Gewohnheiten abgeschworen und auf Süßes, Handy und Zigaretten verzichtet . Warum?

Weil es gut tut zu merken, dass wir in unserem Überfluss nicht immer und überall alles brauchen? Weil das Weniger mehr Freiheit eröffnet? Weil Verzicht auch Gewinn bedeutet?

Freiräume fehlen

Mit diesen Fragen haben wir uns an den leitenden Geistlichen des Evangelischen Kirchenkreises Gelsenkirchen und Wattenscheid gewandt, Superintendent Heiner Montanus. In seiner Beobachtung hat die wachsende Popularität des Verzichts damit zu tun, dass der Großteil der Menschen „im Alltag einer Fülle von Sachzwängen unterliegt, beruflich wie privat, dadurch Freiräume fehlen und die persönlichen Bedürfnisse zumeist völlig in den Hintergrund geraten.“ Zu dieser Gruppe zählt er sich auch selbst.

Für Montanus ist der Verzicht ein Weg, wieder Boden unter den Füßen zu spüren, sich von äußeren Einflüssen zu trennen und sich zu fragen: „Was macht mich aus, was ist mir wichtig.“

Mehr Zeit und Raum

Verzicht bedeutet in seinen Augen daher nicht einfach, etwas nicht mehr zu tun oder zu konsumieren, sondern Verzicht bedeutet vor allem, mehr zu haben. Mehr Zeit, die gestaltet werden kann. Mehr Raum in den Gedanken, die in eine Richtung gelenkt werden können. „Verzicht kann dabei helfen zu entdecken, was noch da ist, das im Alltag untergeht, weil so viel anderes da ist“, sagt Heiner Montanus.

Das ist in Zeiten von Smartphones und Sozialen Medien eine Herausforderung. Das iPhone hilft zwar, das nächste Festival oder Restaurant zu finden, aber es verführt auch dazu, ständig Nachrichten bei Facebook, Instagram und Co. zu checken oder das Joggingtempo und den Kalorienverbrauch zu messen. Verzicht lässt sich deshalb ebenso als Befreiung von solch stillen (Konsum-)Zwängen sehen.

Kein Muss auf Zeit

Von einem Verzicht als Doktrin oder mit erhobenem Zeigefinger ist Heiner Montanus dabei allerdings weit entfernt. Dem aktuellen Motto der Passionszeit „Sieben Wochen ohne....“ (dieses Mal Lügen) steht der Geistliche grundsätzlich wohlwollend gegenüber, dem temporären Rahmen weniger.

Ihm geht es nicht um ein Muss auf Zeit, sondern um eine davon losgelöste generelle Einladung: „Wie wäre es denn, wenn. . .“ Neugierig machen als Christ will er, die Frage beim Gegenüber aufwerfen: „Warum machen die das?“ Und dann mit guten Argumenten überzeugen.

Keine festen Regeln

Denn dass ist das eigentliche Geheimnis von Ostern – dass das Leben neu wird. Verbunden mit der Gelegenheit, einmal selber zu entdecken, wo im Hier und Jetzt die kleinen alltäglichen Tode überwunden werden können. Nicht, um sich vom Leben abzuschneiden und sich etwas Schönes zu nehmen, sondern um noch Schöneres zu entdecken und um „zu noch mehr Leben zu kommen“.

Dabei gibt es für Heiner Montanus keine festen Regeln, „was zu unterlassen ist und was unbedingt gepflegt werden sollte.“ Sondern jeder Mensch ist hier der Experte für sein eigenes Leben und kann so nur selber entdecken, was lebensförderlich für ihn ist. „Das persönliche Wertverständnis entscheidet.“

>> Die Nacht der Nächte im Kirchenjahr

Die Fastenzeit erinnert an die 40 Tage, die Jesus nach seiner Taufe in der Wüste verbrachte. Sie beginnt am Aschermittwoch und dauert bis Ostern. Die evangelischen Christen sprechen im Sinne der Vorbereitung auf das Osterfest von Passionszeit.

Die Osternacht gilt im Kirchenjahr als „Nacht der Nächte“, in der die Kirche die Auferstehung Jesu erwartet und anschließend feiert. Die Messe beginnt deshalb im Zeitraum nach Sonnenuntergang am Karsamstag und vor Sonnenaufgang am Ostersonntag.

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