Anwerbeabkommen

Deutsch-Türkisches Abkommen: „Opa hat das alles ermöglicht“

| Lesedauer: 7 Minuten
Taylan Güzel bewahrt den Hut seines Großvaters Hasan Güzel in steter Erinnerung an den Wegbereiter der Familiengeschichte in Gelsenkirchen in einem Glaskasten auf.

Taylan Güzel bewahrt den Hut seines Großvaters Hasan Güzel in steter Erinnerung an den Wegbereiter der Familiengeschichte in Gelsenkirchen in einem Glaskasten auf.

Foto: Christoph Wojtyczka / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  1961 kam Hasan Güzel als armer Mann nach Deutschland. Auf den Schultern des Müllmanns erwuchs eine erfolgreiche Familie mit Gelsenkirchen-Stolz.

Taylan Güzel geht in die Hocke, legt die Hand auf den großen, grauen Grabstein und schließt für einen Moment die Augen. Dann steht der kräftige Deutsch-Türke auf und sagt: „Ohne Opa wäre das alles nicht möglich gewesen.“

Mit „alles“ meint Güzel sein Leben, das seiner Geschwister und seiner Mutter, seiner eigenen Kinder und anderer Verwandter. „Wir alle haben hier in Deutschland, in Gelsenkirchen ein gutes Leben, gute Arbeit, eine gute Ausbildung, eine wunderschöne Heimat“, sagt der 34-Jährige. „Das haben wir Opa zu verdanken.“

Die Lebensgeschichte des „Gastarbeiters Hasan Güzel“

Der Opa, das ist Hasan Güzel und das ist seine Geschichte, die stellvertretend steht für so viele Familien mit türkischen Wurzeln, deren Ursprung im Anwerbeabkommen mit der Türkei von 1961 begründet liegt. Es war vor genau 60 Jahren eine leise, pragmatische Vereinbarung – mit ungeahnten und bis heute prägenden Folgen für die deutsche Gesellschaft. In einem zweiseitigen Dokument regelte das Auswärtige Amt in Bonn mit der türkischen Botschaft am 30. Oktober 1961 die Entsendung von Arbeitskräften aus der Türkei nach Deutschland: das sogenannte Anwerbeabkommen.

Nach den gleichlautenden Regelungen mit Italien, Spanien und Griechenland konnten sich nun auch türkische Arbeiter auf eine Stelle in Deutschland bewerben. Es kamen Schreiner und Maschinenschlosser, Bauern und Bauarbeiter, Ungelernte und Ausgebildete, Männer und Frauen. Heute bilden Menschen mit türkischer Herkunft eine der größten ethnischen Minderheiten in Deutschland.

Die Hoffnung auf ein besseres Leben in Deutschland

Hasan Güzel war damals bereits 45 Jahre alt, als er sich für eine Gastarbeiter-Stelle in Deutschland bewarb. Eigentlich schon fast zu alt für die meisten deutschen Arbeitgeber, die vor allem junge, gesunde, möglichst starke Männer für Malocher-Jobs suchten. Doch Güzel nahm all seinen Mut zusammen, setze sich seinen Hut auf, brach mit dem wenigen, was er in seiner ostanatolischen Heimat Sivas besaß, auf und hoffte, in Istanbul eine Zusage für eine Stelle in Deutschland zu bekommen. Es war die Hoffnung auf ein besseres Leben. Für den mittellosen Hasan Güzel ebenso wie für viele andere Tausend Türken auch.

Güzels Wunsch erfüllte sich: Schon wenig später fand er sich im Zug von Istanbul nach München wieder und betrat erstmals deutschen Boden, arbeitete dann zunächst einige Jahre als Straßenbauer. „Er lebte mit sechs weiteren türkischen Arbeitern in einer engen, kleinen Baracke“, berichtet Enkel Taylan Güzel.

Die Männer seien nicht immer gut behandelt worden, weiß der 34-jährige Gelsenkirchener von herabwürdigenden Zwischenfällen durch deutsche Arbeitgeber zu berichten. Dennoch blieb Hasan Güzel, arbeitete hart, sparte Geld, versorgte seine Familie in der Türkei.

Nach und nach half er zunächst seinem Bruder, ebenfalls nach Deutschland kommen zu dürfen und zu arbeiten. Dann folgten seine Frau und Kinder. Auch weitere Verwandte sollten im Laufe der Jahre in Güzels Wohnung leben, arbeiten und sich fernab der Heimat eine neue Existenz aufbauen, ein besseres Leben als das, was ihnen in Ostanatolien damals möglich gewesen wäre.

Als Müllmann in Gelsenkirchen

Anfang der 70er Jahre verschlug es Hasan Güzel nach Gelsenkirchen. Er bekam die Möglichkeit, als Müllmann bei der Stadt anzuheuern und ließ sich diese Chance nicht entgehen. An der Josefinenstraße in Schalke – damals wie heute nicht die beste Adresse in Gelsenkirchen – bezog er mit seiner Familie eine kleine Wohnung. „Es war leider nicht so, als hätten man uns in einer besseren Gegend eine Wohnung vermietet“, erinnert sich Hasans Tochter Feride Güzel, die 20 Jahre alt war, als sie 1971 nach Deutschland nachreisen durfte.

Weitere zwei Jahre später heiratete sie ihren Verlobten Mehmet, der ab 1973 auf der Zeche Hugo in Buer anheuerte. Auch Feride arbeitete in einer Fabrik in Schalke, sodass sich die Familie zusehends ein besseres Leben leisten konnte – in Gelsenkirchen, „meiner Heimat seit 50 Jahren“, sagt Feride Güzel stolz und zufrieden.

Erster türkischer Pensionär der Stadt Gelsenkirchen

1974, 1975 und 1987 bekam das Paar seine Kinder und Hasan Güzel somit seine Enkel. 1985 ging der einstige Gastarbeiter, der längst kein Gast, sondern ein Gelsenkirchener geworden war, einem WAZ-Bericht zufolge als erster türkischer Pensionär der Stadt in Rente und bekam eine Armbanduhr als Dankeschön.

Die Familie betrieb später das türkische Restaurant „Akdeniz“ (Mittelmeer) hinter dem Zentralbad, eines der wenigen zu jener Zeit. Ein schwerer Schicksalsschlag traf die Güzels 1997 mit dem frühen Tod von Taylans Vater Mehmet. Feride führte das Restaurant noch einige Jahre alleine weiter, gab Anfang der 2000er dann aber auf. „Es war einfach zu viel“, sagt sie heute.

Hasan Güzel wollte unbedingt in Gelsenkirchen begraben werden

2002 verstarb dann auch Hasan Güzel im Alter von 86 Jahren. Vor seinem Tod hatte er seiner Familie allerdings unmissverständlich klar gemacht, dass er nicht in der Türkei begraben werden will, wie die meisten Menschen mit türkischer Wurzeln. „Opa wollte unbedingt in Gelsenkirchen begraben werden. Er hat immer gesagt, hier bin ich satt geworden, hier will ich bleiben. Das ist nun unsere zweite Heimat“, erzählt Enkel Taylan Güzel.

Und so kam die Familie Opas Wunsch nach und fand auf dem Ostfriedhof eine geeignete Ruhestätte, nachdem sie auf kirchlichen Friedhöfen zunächst nur Absagen erhalten hatte, berichtet der 34-Jährige.

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„Opa hätten wir aber jeden Wunsch erfüllt“, sagt Taylan Güzel. Hasan Güzels Mut, seinem Fleiß und seiner Entschlossenheit sei es zu verdanken, dass Taylan heute etwa „nicht in Sivas Schafe hüte“, sondern im Garten seines Einfamilienhauses sitzt, während er von seinem Großvater erzählt, dass er ein erfolgreicher Musiklabel-Inhaber und Unternehmer ist, stolzer Dauerkarteninhaber auf Schalke und dass er mit seiner italienischen Frau vier wunderbare Kinder großzieht - „in unserer Heimat, in Gelsenkirchen“, betont der 34-Jährige in genau jenen Worten, die auch seine Mutter gewählt hatte.

„Das alles ist nur deshalb möglich, weil vor 60 Jahren ein mittelloser Mann mit Hut im Osten der Türkei aufbrach, um in einer fremden Welt durch harte Arbeit seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen“, erklärt Taylan Güzel nun seinen Kindern die Geschichte ihrer Familie, die auch ein Teil der Geschichte der Stadt ist.

Opas Hut bewahrt Taylan Güzel in einem Glaskasten zuhause auf. Die Erinnerungen an Hasan Güzel, sie sind dieser Tage besonders präsent - 60 Jahre nach dem Aufbruch nach Almanya.

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