Senioreneinrichtungen

Demente Menschen zwischen Schutz und Kontrolle

Demente Menschen neigen manchmal zum Weglaufen. Vor allem in der Nacht kann das zu einem echten Problem werden.

Foto: Alexander Volkmann

Demente Menschen neigen manchmal zum Weglaufen. Vor allem in der Nacht kann das zu einem echten Problem werden. Foto: Alexander Volkmann

Gelsenkirchen.   Ein tragischer Fall erschütterte im März Gelsenkirchen. Eine demente 78-Jährige verließ nachts das Heim und starb. Kann das wieder passieren?

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Ein tragischer Fall erschütterte Mitte März die Stadt, als eine 78-jährige Bewohnerin der städtischen Senioreneinrichtung Haunerfeld in eisiger Nacht unbemerkt das Haus verließ und knapp drei Tage später tot in einem Vorgarten an der Cranger Straße aufgefunden wurde. Die WAZ hörte sich exemplarisch bei einigen Heimbetreibern um, ob sich so ein Fall jederzeit wiederholen könnte und wie Institutionen demente Bewohner vor dem Weglaufen schützen.

Bei der Stadt zum Beispiel. Die betreibt aktuell vier Senioren- und Pflegeheime mit rund 368 Plätzen. Der überwiegende Teil der Bewohner ist an Demenz erkrankt. Keines der Heime, sagt Stadtsprecher Oliver Schäfer, sei eine geschlossene Abteilung: „Alle Bewohner können die Heime grundsätzlich verlassen. Artikel 2 des Grundgesetzes beinhaltet, dass Menschen in einem Senioren- und Pflegeheim ein Recht auf Freiheit haben.“

Keine freiheitsentziehenden Maßnahmen

Freiheitsentziehende Maßnahmen seien ohne gerichtliche Genehmigung nur dann und nur kurzfristig erlaubt, „wenn der Demenzpatient sich selbst oder andere akut gefährdet.“ Die Frau aus dem Haunerfeld hat sich bekanntlich massiv selbst gefährdet.

Wenn Demenzkranke die Tendenz haben, wegzulaufen, sprechen die Experten von einer „Hinlauftendenz“, weil sie ein Ziel anbsteuern. Menschen mit dieser ausgeprägten Tendenz, betont der Stadtsprecher, nehmen die städtischen Einrichtungen nicht auf. Und appelliert an Familien: „Bei einer Aufnahme müssen Angehörige korrekte und vollständige Angaben über den Gesundheitszustand der zu betreuenden Person machen.“ Gezielt werde dabei auch nach einer „Weglauftendenz“ gefragt. Verändere sich später ein Krankheitsbild, würden Patienten in eine geeignetere Pflegeeinrichtung vermittelt.

Keine Strafanzeige gegen das Heim

Eine Strafanzeige gegen das Seniorenheim und die Heimaufsicht, sagt Oliver Schäfer auf WAZ-Nachfrage, gebe es nicht. Einen ähnlichen Fall wie diesen mit Todesfolge habe es bislang auch noch nicht in der Stadt gegeben.

Wie sieht es in anderen Einrichtungen aus? Im Bruder-Jordan-Haus zum Beispiel, einer Caritas-Einrichtung. „Unsere Pförtner kennen die Leute, die zum Laufen neigen“, sagt Heimleiterin Ann-Christin Schwantes, „und passen auf die besonders auf.“ Auch die Nachtwachen hätten gerade auf diese Menschen ein Auge. Zudem habe man die bauliche Situation angepasst: „Wir haben Rundgänge, in denen Betroffene viel laufen können.“ Schwantes betont: „Wir wollen unsere Bewohner schützen, sie aber nicht einschränken.“

Nachts ist die Eingangstür verschlossen

Die Katholische Kliniken Emscher-Lippe GmbH betreibt unter anderem das Seniorenzentrum St. Hedwig in Resse. Auch dessen Leiterin Beate Thiehoff sagt: „Wir sind eine offene Einrichtung.“ Aber: „Nachts ist die Eingangstür abgeschlossen.“ Versuche jemand, eine der beiden Fluchttreppen zu nutzen, was durchaus vorkäme, dann schlage eine installierte Klingel sofort Alarm. Unbemerkt käme somit kein Bewohner hinaus.

Bewegungsmelder unter dem Bett

Die APD betreibt hier fünf Demenz-Wohngemeinschaften. Auch Geschäftsführer Claudius Hasenau betont: „Bei uns gibt es keine verschlossenen Türen.“ Aber: „In Absprache mit Angehörigen werden im Nachtdienst Hilfsmittel eingesetzt wie Bewegungsmelder unterm Bett.“ Zudem seien alle Ausgangstüren dunkel gehalten, weil Demente davor zurückschrecken, auf dunkle Flächen zuzugehen. Die Zimmertüren sind hell. Auch das offenbar ein gangbarer Weg zur Gefahrenabwehr.


>> Kommentar: Ein Einzelfall ist einer zu viel

Das will niemand! Dass kranke Menschen mit Medikamenten vollgestopft oder ans Bett gefesselt werden, um sie in Schach zu halten. Aber auch das kann niemand wollen: Dass dementiell Erkrankte von Angehörigen in die Obhut einer Einrichtung gegeben werden, und dass diese Menschen völlig unbemerkt das Haus verlassen und dabei zu Tode kommen.

Die Begründung, ein offenes Haus zu sein, klingt in so einem Fall, in dem man es mit verwirrten Bewohnern zu tun hat, bitter wie blanker Hohn. Das Recht auf Freiheit ist ein hohes, das Recht auf Schutz bei Verlust geistiger Funktionen allerdings auch! Angehörige allein können den Zustand eines Kranken sicher nicht beurteilen, dafür bedarf es der Experten. Und, ja, es fehlt an Personal. Vernünftige Lösungen müssen dennoch her. Die Gelsenkirchener Tragödie, ein Einzelfall? Möglicherweise. Aber ganz sicher einer zuviel. Gefühlt kann so etwas jeden Tag wieder passieren. Das ist skandalös! Von einem Kindergarten erwartet man ein hohes Maß an Aufsichtspflicht. Zu Recht. Aber bitte auch von einer Einrichtung für Demente.

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