Coronavirus

Delta-Variante: Ärzte machen besorgniserregende Beobachtung

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Eine junge Frau in Wohnungsquarantäne. In Gelsenkirchen sind seit dem 30. Juni 25 Fälle mit der ansteckenderen Delta-Variante des Corona-Virus registriert worden. In acht Fällen musste die Quarantäne verlängert werden.

Eine junge Frau in Wohnungsquarantäne. In Gelsenkirchen sind seit dem 30. Juni 25 Fälle mit der ansteckenderen Delta-Variante des Corona-Virus registriert worden. In acht Fällen musste die Quarantäne verlängert werden.

Foto: Yulia Salamatova / Shutterstock

Gelsenkirchen.  Die Delta-Variante des Corona-Virus breitet sich in Gelsenkirchen aus. Mediziner sind in Sorge. Was sie angesichts der vierten Welle befürchten.

Baut sich in Gelsenkirchen schon die vierte Welle auf? Die Zahl der Menschen, die sich binnen binnen 24 Stunden neu infizieren, liegt seit Tagen wieder im zweistelligen Bereich. Mit 60 aktiven Fällen, die das Gesundheitsamt am Freitagmorgen meldete, hat sich dieser Wert innerhalb von zehn Tagen verdoppelt.

Gelsenkirchener Krisenstab: Infektionsgeschehen nimmt durch Delta-Variante zu

Nach Einschätzung des Krisenstabs ist vor allem die starke Verbreitung der Delta-Variante (B.1.617) dafür verantwortlich, dass das lokale Infektionsgeschehen weiter zunimmt. Die steigenden Infektionszahlen ergeben sich aus der hohen Infektiosität der Delta-Variante, für die nicht geimpfte Personen besonders anfällig sind.

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Die zuerst in Indien nachgewiesene Mutante hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits Anfang Mai als „besorgniserregend“ klassifiziert. Denn: Die Viruslast ist nach Erkenntnissen der Experten deutlich höher als beim Sars-Cov-2-Wildtyp, die Inkubationszeit kürzer.

Auch in Gelsenkirchen dominiert die Delta-Variante das Infektionsgeschehen. Bis zur Gesundung dauere es oft länger. Da die Infizierten lange Symptome zeigen, müsse die Quarantäne oft verlängert werden. Laut Quarantäneverordnung des Landes NRW verlängert sich eine 14-tägige Quarantäne bis die Symptome über einen Zeitraum von 48 Stunden ununterbrochen nicht mehr auftreten.

Seit Ende Juni 25 Corona-Fälle mit der Delta-Variante erfasst in Gelsenkirchen

Dazu passen die aktuellen Zahlen zur Ausbreitung der Delta-Variante, die der Gelsenkirchener Krisenstabsleiter Luidger Wolterhoff am Freitag über Stadtsprecher Martin Schulmann bekannt gab. „Seit dem 30. Juni haben wir 25 Corona-Fälle mit der Delta-Variante erfasst“, sagt Martin Schulmann. In acht Fällen sei der Vorgabe gemäß die Quarantäne verlängert worden. Betroffen seien etwa zu gleichen Teilen die Altersgruppe der Zehn- bis 30-Jährigen sowie die Altersgruppe der 50- bis 60-Jährigen.

Eine Differenzierung nach Reiserückkehrern kann die Stadt derzeit noch nicht machen, „die werden erst seit vergangenen Donnerstag erfasst“, sagt Martin Schulmann. Validere Aussagen, wer sich angesteckt hat mit der Delta-Mutation und wo der- oder diejenige sich aufgehalten hat, glaubt der Krisenstab in den kommenden Wochen geben zu können.

Deutschlandweit beträgt der Anteil der ansteckenderen Mutation laut RKI mittlerweile 91 Prozent, in Gelsenkirchen sind es nach Angaben der Verwaltung „rund 50 Prozent“. Wobei zu bedenken ist, dass nicht alle Gelsenkirchener sich haben hier testen lassen. „Es ist also sehr wahrscheinlich“, so Schulmann weiter, „dass der Anteil der Delta-Variante in Gelsenkirchen weitaus höher ist.“

Gelsenkirchener Hausarzt: Mehr Jüngere stecken sich an, Long-Covid-Fälle nehmen zu

Der Gelsenkirchener Hausarzt Dr. Hans-Bernd Tefett hat eine besorgniserregende Beobachtung gemacht. „Nicht nur, dass sich immer mehr Menschen im Alter von 15 bis 25 Jahren aufgrund ihrer großen Mobilität und Aktivität mit Corona infizieren, eine Reihe von Kollegen und ich registrieren zunehmend Fälle von Long-Covid. Das ist kein Bauchgefühl mehr.“

Spätfolgen wie Konzentrationsschwierigkeiten, völlige Erschöpfung bereits nach kurzer Belastung und Ähnliches seien nach einer echten schweren Grippe drei bis sechs Monaten später wieder vorbei, „bei Long-Covid aber“, so der Allgemeinmediziner weiter, „zieht sich die Gesundung wie ein Kaugummi in die Länge. Es ist kaum abzusehen, wann solche Patienten wieder fit sind.“

Dr. Hans-Bernd Tefett schlussfolgert daraus: „Für mich gibt es keinen Zweifel, dass wir Jüngere großzügig impfen müssen, bevor uns die vierte Welle überrollt.“

Infektiologe schlägt Alarm wegen sich abzeichnender neuerlicher Katastrophe

Auch der Tropenmediziner und Infektiologe Dr. Burkhard Rieke von der renommierten RWTH Aachen schlägt Alarm. Ihm zufolge zeichnet sich eine „eine neuerliche Katastrophe ab, die wegen mangelnder Impfmotivation wohl nicht verhindert werden kann“.

Basis für seine Prognose ist eine Modellierung des RKI (27/2021) und des ECDC (Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten), nach der trotz optimistischer Annahmen die Inzidenz im Dezember wieder den Wert von 400 und die Intensivstationsbelegung auf 6000 anschwellen wird. Das bisher erreichte Maximum habe bei 5000 gelegen.

Unter anderem geht das RKI von 1,5 Millionen Impfungen pro Tag aus, was laut Rieke bislang so noch nie erreicht worden sei. Dazu von Impfquoten von 65 Prozent in der Altersgruppe der 12- bis 59-Jährigen, von denen aber bislang erst ein Sechstel geimpft seien, und einer Impfquote von 90 Prozent bei den über 60-Jährigen.

Rieke ist angesichts der Annahmen skeptisch: „Unterstellt man, dass einzelne der Voraussetzungen nicht erfüllt werden, können es auch durchaus 12.500 Intensivpatienten im Dezember sein. Wird das Gesundheitswesen das noch einmal schaffen?“, fragt sich der Mediziner.

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