Pflegenotstand

„Das Ergebnis einer versagenden Pflegepolitik“

APD-Geschäftsführer Claudius Hasenau bei seiner Rede zur Eröffnung des Generationenquartiers im September 2017 in Gelsenkirchen-Bismarck.

Foto: Joachim Kleine-Büning

APD-Geschäftsführer Claudius Hasenau bei seiner Rede zur Eröffnung des Generationenquartiers im September 2017 in Gelsenkirchen-Bismarck. Foto: Joachim Kleine-Büning

Gelsenkirchen.   Claudius Hasenau, Chef der APD Gelsenkirchen, spricht über den akuten Fachkräftemangel im ambulanten und stationären Pflegebereich.

Diplom-Verwaltungswirt Claudius Hasenau (52), Geschäftsführer der Ambulanten Pflegedienste Gelsenkirchen (APD), übernahm im November 2017 die alleinige Verantwortung für das 1993 gegründete Familienunternehmen. Die APD beschäftigt derzeit mehr als 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und zählt zu den zehn umsatzstärksten privaten ambulanten Pflegediensten in Deutschland. Aber auch Hasenau brennt der Fachkräftemangel auf den Nägeln. Im Gespräch mit WAZ-Redakteurin Inge Ansahl erklärt er, wo es aus seiner Sicht hakt.

Herr Hasenau, die Politik spricht seit Jahren über die Herausforderungen des demografischen Wandels. Wie verträgt sich das mit dem dauernden und immer akuter werdenden Pflegenotstand?

Claudius Hasenau: Das Verhalten der meisten politischen Verantwortlichen ist die Vogel-Strauß-Mentalität. Wir wissen doch seit Jahren, dass Pflegefachkräfte fehlen. Der bestehende Pflegenotstand ist das Ergebnis einer versagenden Pflegepolitik in einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabenstellung. Das „ad hoc“-Prinzip in der Pflegepolitik der Vergangenheit wird weiterhin gelebt: Wo die in dem Koalitionsvertrag dargestellten 8000 Fachkräfte herkommen sollen, kann keiner beantworten.

Pflegeberuf genießt kaum Ansehen

Ist der Pflegeberuf unattraktiv oder woher rührt der Mangel an qualifiziertem Personal?

Der Pflegeberuf ist ein sinnstiftender Beruf. Pflegefachkräfte üben keine Hilfsdisziplin aus. Sie haben sich für einen hoch qualifizierten Beruf entschieden - mit differenzierten Ausbildungsinhalten und ganz besonderen Werten in der Begleitung kranker, pflegebedürftiger und sterbender Menschen. Der Umgang mit dem Pflegeberuf ist ein Spiegelbild unserer sozialen Gesellschaft. In der Pflege tätig zu sein, das bietet viele Möglichkeiten der beruflichen Weiterentwicklung und der individuellen Gestaltung der Work-Life-Balance. Trotzdem wird der Beruf zumindest in Deutschland von einer dunklen Triade begleitet. Drei Fragen machen dies deutlich: Metallarbeiter werden besser angesehen als Pflegekräfte – warum? Das muss sich ändern. Warum gibt es keine verbindliche Bemessung des Verhältnisses von Pflegekräften und Patienten? In den Niederlanden versorgt eine Pflegekraft im Krankenhaus gerade einmal 4,9 Patienten. Hierzulande sind es 10,3 Patienten. Warum liegt die durchschnittliche Verweildauer von Pflegefachkräften in der Altenhilfe knapp unter neun Jahren? Da stimmt doch bei den Rahmenbedingungen des Berufsbildes etwas nicht. Es besteht dringender Handlungsbedarf. Dabei sind alle verantwortlichen Akteure gefragt, Arbeitgeber, Kostenträger, aber auch Politik, die die gesetzlichen Rahmenbedingungen bestimmt. Wenn die öffentliche Verwaltung – wie in Gelsenkirchen geschehen – unverblümt den Ausstieg aus der tariflichen Entlohnung für Pflegekräfte fordert, so ist dies nicht nur ein grundsätzlich falsches, sondern auch ein unverschämtes Signal. Sachfremde Argumente in der Vergütungsfindung gehen immer zu Lasten der Arbeitnehmer.

Alternative: Kräfte aus dem Ausland einsetzen

Wie ist denn bei Ihren Ambulanten Pflegediensten die Idee entstanden, Fachkräfte im Ausland zu akquirieren?

Das Thema Fachkräftemangel ist ein Thema, das alle Pflegeeinrichtungen in der ambulanten, teil- und vollstationären Pflege nicht nur in Gelsenkirchen betrifft. Strategisch haben wir als APD vor Jahren ein abgestuftes Modell zur Fachkräftegewinnung entwickelt. Priorität hat eine verstärkte Ausbildung innerhalb unseres Betriebes. Dafür war die Einstellung einer eigenen Pflegepädagogin notwendig, die die Ausbildung betriebsbegleitend sicherstellt. Aktuell haben wir 51 Azubis in unserer Pflegeeinrichtung beschäftigt. Diese Zahl reicht jedoch bei weitem nicht aus, um den Veränderungen in der Personalentwicklung Folge leisten zu können. Ca. 85% unserer Belegschaft sind Frauen. Familiengründung und Veränderungen in den Einsatzmöglichkeiten während der Familienphase fordern Ersatzpersonal. Daher haben wir uns entschlossen, Fachkräfte nicht nur selber auszubilden, sondern auch im Ausland für uns zu gewinnen. Dieses Projekt benötigte eine Vorbereitungszeit von 1,5 Jahren. Heute sind wir froh, Fachkräfte aus unterschiedlichen Zugängen, nämlich aus der eigenen Ausbildung, der Akquise vor Ort, aber auch aus dem Ausland, für uns gewinnen zu können.

So erfolgreich das Projekt ist, auf Dauer kann es doch keine Lösung für den ambulanten Pflegebereich sein, Personal „von außen“ zu organisieren?

Die Untätigkeit der Verantwortlichen hat zur Folge, dass schon heute Patienten Probleme haben, einen für sie passenden ambulanten Pflegedienst in Gelsenkirchen zu finden. Diese Situation hatten wir bereits vor 25 Jahren, als die APD gegründet wurde. Der Zyklus scheint sich zu wiederholen. Dass über Jahre diese Aufgabe trotz unablässiger Darstellung der Problematik vernachlässigt wurde, ist doch paradox. Aus dem SGB XI ergibt sich eine Verpflichtung der öffentlichen Hand zur Sicherstellung einer leistungsfähigen, regional gegliederten, ortsnahen und aufeinander abgestimmten ambulanten und stationären pflegerische Versorgung der Bevölkerung. Über Jahre haben wir eine sträfliche Untätigkeit zum drohenden Fachkräftemangel erlebt. Aktuell sind endlich Bemühungen zu erkennen, das Thema zu erfassen.

Was kann Politik tun – wenn überhaupt –, um den Pflegeberuf attraktiver zu machen?

Nach meiner Einschätzung werden wir realistisch mit einer nicht mehr ausreichenden Sicherstellung der pflegerischen Leistungen leben müssen. Schließungen von vollstationären Einrichtungen aufgrund fehlender Fachkräfte, wie wir diese in Nachbarstädten erlebt haben, werden zukünftig vermehrt vorgenommen werden. Der „Point of no return“ ist bereits überschritten. Es gilt zielgerichtete Maßnahmen gemeinsam zu entwickeln, um eine Abkehr einer Mangelversorgung zu gestalten.

Versorgungslücke war seit langem bekannt

Sie haben bei verschiedenen Anlässen darauf hingewiesen, wie sich der Pflegekräftebedarf bis 2030 entwickelt. Können Sie das mit Zahlen untermauern?

Die Bertelsmann Stiftung informiert über demographische Entwicklungen in Kommunen, auch über Gelsenkirchen. Nach Auswertung vorliegender Daten (Statistische Ämter der Länder, Deenst GmbH, SOCIUM und Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung) wissen wir schon heute, dass im Jahre 2030 eine riesige Versorgungslücke von Pflegekräften in der ambulanten und stationären Pflege klaffen wird. Etwa jede fünfte Stelle in ambulanten und stationären Einrichtungen werden mangels Bewerber nicht mehr zu besetzen sein.

Wie lauten vor dem Hintergrund angemessener ambulanter Pflegeangebote Ihre Kernforderungen an die Landes- beziehungsweise Bundesregierung?

Die Forderungen können nicht auf die beiden Akteure reduziert werden. Es bedarf einer gemeinsamen Anstrengung aller an der Pflege beteiligten Personen und Institutionen. Dazu gehört ein neues Bild von der Pflege, ein Bild, dass die Lebenssituation pflegebedürftiger Menschen nicht verklärt, sondern realistisch darstellt. Es muss zeigen, dass Pflege ein anspruchsvoller Beruf ist. Dazu gehört die Schaffung und Optimierung der Rahmenbedingungen, damit ein langes, engagiertes und motiviertes Arbeiten in der Pflege möglich wird. Die aktuelle Situation in der Altenpflege führt zu einer enormen physischen und psychischen Belastung der Beschäftigten. Gleichzeitig engt sie die Möglichkeiten zur Umsetzung von entlastenden Strategien ein. Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel in der Pflege sind nicht zum Nulltarif zu haben. Der Pflege-Report 2016 dokumentiert, dass allein eine rechnerischere Angleichung des Vergütungsniveaus in der Altenpflege an das der Krankenpflege einen jährlichen Finanzierungsbedarf von mehreren Milliarden Euro auslösen wird. Deutschland muss sich endlich entscheiden, was gute Pflege und der Umgang mit Älteren in unserem Land wert ist.

Auch interessant
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik