Interview

Bürgermeisterin Rudowitz über Gelsenkirchen und die Toleranz

Bürgermeisterin Martina Rudowitz, fotografiert am Dienstag, 06. August 2019, in ihrem Büro im Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen, beim #SommerGEspräch. Foto: Thomas Gödde / FUNKE Foto Services

Bürgermeisterin Martina Rudowitz, fotografiert am Dienstag, 06. August 2019, in ihrem Büro im Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen, beim #SommerGEspräch. Foto: Thomas Gödde / FUNKE Foto Services

Foto: Thomas Gödde / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  Martina Rudowitz ist erste Bürgermeisterin in Gelsenkirchen und vielseitig engagiert. Im SommerGEspräch spricht sie über Respekt und Miteinander.

Martina Rudowitz (61) ist erste Bürgermeisterin in Gelsenkirchen – ein Ehrenamt von vielen, die sie neben ihrem Beruf ausfüllt. Wir sprachen mit ihr im SommerGEspräch, kurz vor ihrer Abreise in den Urlaub.

Frau Rudowitz, Sie sind Vollzeit tätig als Tagesmutter in einer Mini-Kita, zudem erste Bürgermeisterin, SPD-Stadtverordnete, Bildungsausschussvorsitzende, Mitglied des Integrationsrates, des Kulturausschusses, des Hauptausschusses – um nur einige Aufgaben zu erwähnen: Wovon müssen Sie sich am meisten erholen?

Rudowitz Das Ehrenamt nimmt ganz viel Raum ein, da ist durch die Bürgermeistertätigkeit natürlich auch noch einiges dazu gekommen. Aber für mich ist die Arbeit mit den Kindern ein sehr guter Ausgleich und bringt Freude, auch wenn es eine anstrengende Arbeit ist. Der Kontakt mit den Familien ist mir wichtig.

Wie viele Arbeitsstunden hat ihre Woche?

(lacht) Das wollen Sie gar nicht wissen. Aber im Ernst: Das kann ich gar nicht sagen. Fraktionsvorstand und Fraktion, Vorbereitung der Ausschusssitzungen, Arbeitskreise, der interkulturelle Stammtisch in Rotthausen, den ich 2009 initiiert habe, der internationale Frauentreff im Awo-Quartierszentrum, Kontakte zu Schulen, Vereinen, das Rotthauser Netzwerk….50 bis 60 Stunden sind das vermutlich. Mein Mann sagt immer: Ich kenn’ dich nur noch in der Waagerechten.

Den internationalen Frauentreff in Rotthausen haben Sie ebenfalls gegründet: Wozu?

Ich wollte die Frauen aus EU-Südost, aber nicht nur von dort, an den Tisch holen. Ganz bewusst die Frauen, weil ich weiß, sie sind der Dreh- und Angelpunkt von allem. Sie beschicken die Familien den ganzen Tag. Sie haben viele Nöte und Sorgen, aber zu ihnen bekommt man auch gut Zugang. Meine Hoffnung ist, dass es so eine Art Klebe-Effekt gibt. Alles, was da vermittelt wird, soll in die Communities getragen werden. Damit der Radius dessen, was der Stadtgesellschaft gut tut, immer größer wird. Das ist eine Sisyphos-Arbeit, ich weiß das. Je nach Thema kommen mal mehr, mal weniger Frauen. Als das Jugendamt hier war, kamen ganz viele Frauen. Ihre große Angst ist: Das Jugendamt nimmt uns die Kinder weg. Aufklärung ist in allen Bereichen wichtig: Auch zur Sexualität. Wir haben da 22-Jährige mit fünf oder sechs Kindern. Wir müssen jungen Frauen klar machen: So etwas darf nur freiwillig passieren. Das ist in manchen Familien überhaupt nicht klar. Als wir die Bildungsdezernentin bei uns hatten, haben wir auch gemerkt, wieviel gegenseitigen Informationsbedarf und Nachbesserungsbedarf es gibt. Auch die Mütter haben gemerkt, was sie anders machen sollten. Unter anderem haben sie viel über die Struktur von Schulen erfahren.

Wie sieht es mit Ordnungswidrigkeiten aus, mit dem, was viele Nachbarn beklagen?

Vieles wissen die Zuwanderer einfach nicht. Wir werden bald auch die Polizei einladen, weil es viele Menschen im Stadtteil gibt, die sind sehr unzufrieden mit der Situation hier. Da müssen wir auch Themen zum Verhalten ansprechen, die nicht so angenehm sind. Wir müssen beide Seiten bedienen und nicht so tun, als gäbe es keine Probleme. Aber wir müssen die Menschen mit dem abholen, was sie mitbringen, miteinander reden. Und das geht besser in lockerer Runde als wenn man sich in Obrigkeitsmanier hinsetzt und den anderen nur als Missetäter darstellt. Die menschliche Ebene ist einfach die bessere, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Ist es hilfreich für die politische Arbeit, dass sie so nah am Bürger sind, mittendrin?

Es ist wichtig, da zu sein, zu Festen zu gehen, Dinge aufzunehmen, die diskutiert werden, die in der Politik aber noch nicht angekommen sind. Damit Probleme und Themen nicht erst zeitverzögert wahrgenommen werden. Ich hab’ mit Markus Töns gerade auch Hausbesuche gemacht, das war sehr positiv. Man muss eigentlich immer mit den Menschen reden, auch jenseits des Wahlkampfs. Ich möchte, dass die Menschen wissen, dass man ihnen zuhört, immer. Das Zuhören ist manchmal viel mehr wert als alles Andere, auch wenn man nicht für alles eine Lösung hat.

Gerade in Rotthausen gibt es, ähnlich wie in Schalke, besonders viele EU-Südost-Zuwanderer. Wie gehen sie mit Zuwanderungsgegnern im Stadtteil um?

Wir müssen ihnen klar machen, dass es keine Alternative dazu gibt, einander mit Respekt und Toleranz zu begegnen. Ich komme aus einer Familie, in der immer oberste Priorität war, Menschen nicht nach Herkunft oder Hautfarbe zu beurteilen, sondern nach dem, was sie sind. Ich lasse mich von Anfeindungen auch nicht einschüchtern. Meine Eltern gehören der Kriegsgeneration an, ich weiß, was der Krieg mit ihnen gemacht hat. Und wenn meine Mutter heute beklagt, dass sie das nochmal erleben muss in Bezug auf den Rassismus, dann weiß ich: Das ist ein Alarmzeichen. Da muss man klar Flagge zeigen, das tun wir auch. Wir müssen einander zuhören, aber auch ganz klar machen, was nicht geht. Und wenn etwas nicht in Ordnung ist, die Leute sich ärgern, über Müll oder anderes: Dann müssen sie sich auch melden, aktiv werden, wir bieten doch Möglichkeiten an, mit GE-meldet zum Beispiel. Wir müssen zusehen, dass die gefühlte Angst nicht zu einer Dauerangst wird. Wenn ich nachfrage, wo denn was passiert ist, kommt meist nichts.

Sie sind vor 20 Jahren von Schalke nach Rotthausen gezogen. Hatten Sie keine Lust auf Buer?

(lachend) Nee! Ich bin ein echtes Schalker Kind, mein Vater war Polizist, die waren damals noch schlecht bezahlt. Und die erste Wohnung, die sie sich leisten konnte, war eben in Schalke. Meine erste eigene Wohnung war unter der Berliner Brücke. Und heute ist meine Heimat Rott­hausen.

Was macht Sie so richtig wütend?

Rassismus. Ich mag es nicht, wenn Menschen andere Menschen in Kategorien stecken und sie danach beurteilen. Dann erhebt man sich in einer Art über Menschen, die abfällig und abweisend ist.

Was ärgert Sie an sich selbst?

Dass ich manchmal nicht nein sagen kann.

Von Gelsenkirchen nach Berlin: Wer soll künftig die SPD führen?

(denkt nach) Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob bei den bisherigen Kandidaten jemand ist, den ich an der Spitze haben möchte.

Frau Rudowitz, was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Dass jeder die Förderung bekommt, die er braucht. Das betrifft die Schüler, die Kinder in der Kita-Betreuung, auch ältere Menschen. Der soziale Aspekt, der Mensch, muss immer im Blick sein. Bei allen Themen. Mich macht es krank, wenn wir immer nur drauf sehen, möglichst schnell Vorschläge in den Raum zu stellen, ohne darüber gut nachgedacht zu haben. Man muss immer vorher zweimal mehr statt einmal zu wenig nachdenken, immer das Ganze im Blick behalten. Heute sucht man immer schnell plakative Lösungen: Aber die gibt es nicht. Damit werden wir den Wählern auch nicht gerecht. Eigentlich weiß auch jeder, dass es schnelle Lösungen nicht gibt. Das durchschauen mittlerweile auch mehr Menschen hier im Stadtteil, das habe ich auch bei der Sommertour gemerkt. Und wir tun ja auch viel für das Sicherheitsgefühl. Der Kommunale Ordnungsdienst wird ausgebaut, mit ihm wird abgesprochen, wo es hakt. Wir müssen da aufeinander hören. Und informieren.

Was wünschen Sie Gelsenkirchen?

Dass wir ein gutes Gespür haben für das, was die Menschen wollen. Ein gutes Miteinander. Dass wir von Berlin und Düsseldorf noch stärker unterstützt werden, um die Herausforderungen, die wir haben, umsetzen zu können. Unser Oberbürgermeister ist da ja sehr aktiv, aber wenn ich überlege, wie lange es gedauert hat, bis unsere Idee des sozialen Arbeitsmarktes umgesetzt wurde, dann weiß ich, wie weit die Politiker in Berlin und Düsseldorf von der Problemen hier entfernt sind. Ich bin in Berlin mal mit dem Schiffchen auf der Spree gefahren, habe hochgeschaut aufs Regierungsviertel und gedacht: hier fühlt man sich als Ameise mit dem Blick nach oben zu den Regierenden. Genau das Bild hat sich mir eingeprägt.

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