Rechtskunde-AG„Justizia“

Bochumer Grundschüler besuchen Amtsgericht in Gelsenkirchen

Schüler der Köllerholz-Schule in Bochum-Dahlhausen besuchten das Amtsgericht in Gelsenkirchen und konnten einer Strafgerichtsverhandlung beiwohnen.

Foto: Olaf Ziegler

Schüler der Köllerholz-Schule in Bochum-Dahlhausen besuchten das Amtsgericht in Gelsenkirchen und konnten einer Strafgerichtsverhandlung beiwohnen. Foto: Olaf Ziegler

Gelsenkirchen.   Die Rechtskunde-AG „Justizia“ der Bochumer Köllerholz-Schule gilt als Vorbild. Richterin Tania Klumpe beantwortet Fragen der Schüler.

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Kian (9) sitzt auf dem Zeugenstuhl und befragt wie ein Routinier Richterin Tania Klumpe. Fast 20 Schülerinnen und Schüler der Bochumer Köllerholz-Grundschule verbringen einen Vormittag bei Gericht. In den Verhandlungspausen testet die Richterin im Gelsenkirchener Amtsgericht Fachwissen und Gedächtnis der Dritt- und Viertklässler. Mit ihrer Rechtskunde-AG „Justizia“ gilt die Schule als Vorbild im Schul- und Justizministerium. Das Land will die AG demnächst als Pilotprojekt im Ganztag etablieren.

Trinkflasche und Butterbrot nur in den Pausen

Natürlich spielt sich der Tag für die Kinder im Gerichtssaal ab. Der eigentliche Unterricht fällt aus. Als Frühaufsteher haben Schüler kein Problem damit, sich um 8.30 Uhr den ersten Fall anzuhören. Diszipliniert und schweigend verfolgen die Acht- und Neunjährigen die Prozesse. Zu Trinkflasche und Butterbrot wird nur in den Pausen gegriffen. Der gerichtliche Film, der sich vor den Schülern abspielt, entpuppt sich als Spiegelbild menschlicher Schwächen und Fehltritte. Da hat ein Autofahrer einen Passanten auf die Motorhaube seines Fahrzeug befördert. Schüler erleben, dass bei Nichtklärung der Schuldfrage ein Verfahren auch eingestellt werden kann. Die Gerichtskosten zahlt der Staat, also der Steuerzahler.

Angeklagter zieht Einspruch zurück

Ein Angeklagter zieht seinen Einspruch gegen einen Strafbefehl zurück, als er merkte, nur geringe Erfolgschancen zu haben. Er hat die Einnahmen aus einem Job nicht angegeben und als arbeitslos Gemeldeter zu viel Geld von der Arbeitsagentur kassiert. Wo denn der Verteidiger sei, fragt eine Schülerin besorgt. Die Richterin klärt auf: „Erst wenn eine Strafe von über einem Jahr zu erwarten ist, ordnet der Staat einen Pflichtverteidiger an.“ Bei der Addition mehrerer Strafen merken die Schüler, dass vor Gericht mathematische Regeln nicht immer Gültigkeit besitzen. Wenn mehrere Taten zu mehr als einem Jahr und mehreren Monaten Strafe führen, kann das Gericht daraus etwa eine Gesamtstrafe von einem Jahr bilden.

Vier Monate Haft für wiederholtes Schwarzfahren

Einer jungen Frau wird wiederholtes Schwarzfahren zum Verhängnis. Für vier Monate schickt sie Tania Klumpe ins Gefängnis. Ihr bleibt die Berufung, um den Knastaufenthalt eventuell noch zu verhindern. „Kleines Delikt, große Wirkung“, meint Dexter (8), der nur beim ersten Mal ein Auge zudrücken würde. Johanna (8) kann sich vorstellen, wie einem Richter zumute sein muss, wenn er seine Entscheidung verkündet: „Ich hätte immer ein Kribbeln im Bauch, ob das Urteil auch richtig ist.“ Ein anderer Schüler weiß dank Aufklärung durch die Polizei: Wenn er als strafunmündiges Kind geklaut hat, müssen die Eltern, keine Geldstrafe zahlen. „Wir sprechen zunächst mit den Erziehungsberechtigten oder melden den Vorfall dem Jugendamt“, klärt Polizeisprecher Torsten Sziesze den Jungen auf.

Die Polizei, so der Hauptkommissar, nutze ähnliche Veranstaltungen, um Vertrauen aufzubauen und sich auch als Ansprechpartner für die Jüngsten zu zeigen. Einige Live-Verhandlungen werden die Kinder im Schulunterricht wohl wieder aufleben lassen.

>>> Unterrichtsfach „Jura auf kindlichem Niveau“

Seit Sommer 2017 existiert die AG an der Köllerholzschule. Sie ist Vorreiter für NRW. Tania Klumpe und ihr Mann Gerd Klumpe geben als Richter den Schülern ehrenamtlich einmal in der Woche Unterricht im Fach „Jura auf kindlichem Niveau.“

In Theaterstücken spielen die Schülerinnen und Schüler auch Gerichtsszenen durch.

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