Theater

Beklemmende Gegenwartsvisionen auf der Gelsenkirchener Bühne

Frank Tengler (links) und Ulrich Penquitt überzeugten in ihren Rollen als O’Brien und Winston Smith.

Frank Tengler (links) und Ulrich Penquitt überzeugten in ihren Rollen als O’Brien und Winston Smith.

Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen-Altstadt.  Das Trias-Theater Ruhr präsentiert in Gelsenkirchen eine fesselnde Version von George Orwells „1984“. Publikum in der „flora“ ist beeindruckt.

Es war spannend am Mittwochabend in der „flora“ bei der Premiere der neuesten Produktion des Trias-Theaters Ruhr, obwohl einem jedem im Publikum Handlung und Ausgang des präsentierten Stückes hinlänglich bekannt gewesen sein mussten. Schließlich gehört George Orwells „1984“ zu den meistgelesenen Romanen des 20. Jahrhunderts, wurde verfilmt und allzu oft auf die Bühnen gebracht. Aber „es einmal gezielt in Bezug zur Gegenwart zu setzen, vor dem Hintergrund, dass es die Überwachung, die Orwell 1949 skizziert hat, heute wirklich gibt“ führte Schauspieler und Autor Ulrich Penquitt zu diesem Projekt.

Weiß, steril und linear war die spartanische Kulisse, über allem dominierte eine Leinwand, brachte mit TV-Einspielern und Techno-Musik die Überwachung hautnah in den Saal. „Grüße aus dem Zeitalter der Gleichschaltung und Vereinsamung“. Regisseur Jens Dornheim schöpfte mit seiner Inszenierung aus den Vollen der heutigen technologischen Ära. Dirk Gerigk und Stefan Bahl von bs-films realisierten knackige Propagandafilme der imaginären Diktatur, hier „Der Konzern“ genannt. Die Angleichung vom einstigen Beispiel der kommunistischen Sowjetunion auf eine heutige Herrschaft des Konsums auch in der Wortwahl vollzogen.

Folterszenen lassen dem Publikum den Atem stocken

Penquitt reduzierte die Personen der Erzählung auf drei, er selbst spielte den Protagonisten Winston Smith, der zweifelt, ausbrechen will, verraten wird und schließlich sich selbst verrät. Lesley Gigl war „Julia“, leicht entflammbar und leicht gebrochen. Der perfide Gedankenpolizist O´Brien wurde beeindruckend von Frank Tengler interpretiert. Beklemmende Szenen der Folter, Tengler schien Penquitt tatsächlich fast zu ertränken, mit teuflisch-kalter Miene drohte er in „Raum 101“ mit dem Angriff der Ratten. Es ließ den Zuschauern den Atem stocken, die Bedrohung am eigenen Leibe spüren. „Du willst doch auch nicht nach Syrien“, ein lapidarer Satz, der erinnerte, Fiktion ist dies nur auf einer Bühne in Gelsenkirchen.

Ein Film von einer heilen Welt flimmerte immer wieder auf, eine Kollage von fröhlichen 1950er Jahre-Wirtschaftsboom-Bildern bis hin zu modernen Windrädern und Jubelszenen von Sportveranstaltungen. Gegen Ende wurde der immer häufiger unterbrochen von Einblendungen der hässlichen Seite unserer Gegenwart und Historie. Panzer, Missbildungen, Leichenberge und Tierkadaver flammten kurz und schockierend inmitten der bunten Ästhetik auf.

Eine Herausforderung, einen Roman, der in Taschenbuchformat 383 Seiten füllt, angemessen auf rund 80 Minuten Bühnenstück mit drei Personen zu synthetisieren – dem Trias-Theater aufs Beste gelungen.

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