Gelsenkirchen-Ückendorf.

„Bei Familientreffen rede ich nicht über den Brexit“

Der Engländer Philip Ralph lebt seit über 30 Jahren in Deutschland.

Der Engländer Philip Ralph lebt seit über 30 Jahren in Deutschland.

Foto: Joachim Kleine-Büning

Gelsenkirchen-Ückendorf.   Philip Ralph ist Brite. Und seit ein paar Tagen auch Deutscher. Weil der Software-Entwickler mit einer Gelsenkirchenerin verheiratet ist und seit 31 Jahren in Ückendorf lebt, konnte er gerade erst im Rathaus seinen deutschen Pass abholen. Redakteurin Tina Bucek sprach mit dem 64-Jährigen über England, den Brexit und wie seine Familie in Crawley mit der Situation umgeht.

Philip Ralph ist Brite. Und seit ein paar Tagen auch Deutscher. Weil der Software-Entwickler mit einer Gelsenkirchenerin verheiratet ist und seit 31 Jahren in Ückendorf lebt, konnte er gerade erst im Rathaus seinen deutschen Pass abholen. Redakteurin Tina Bucek sprach mit dem 64-Jährigen über England, den Brexit und wie seine Familie in Crawley mit der Situation umgeht.

Herr Ralph, ist der Brexit überhaupt ein Thema für Sie?

Ralph: Oja, ich bin zwar schon vor über 30 Jahren ausgewandert, aber ich habe noch eine große Familie in England, wir waren neun Geschwister, und ich fahre auch regelmäßig rüber. Natürlich interessiert es mich auch, was in meiner Heimat passiert. Wobei ich sagen muss, dass ich es manchmal nicht glauben kann, was ich so sehe und höre. Bei den Dingen, die sich gerade abspielen: Da muss ich den Kopf schütteln.

Referendum war eine Profilneurose der Politiker

Was meinen Sie?

Naja, erst einmal, dass es überhaupt zu diesem Referendum über den Brexit gekommen ist – das war ja die reine Profilneurose einzelner Politiker, die überhaupt dazu geführt hat. Und keiner hat geglaubt, dass es so ausgehen würde, und jetzt stehen wir da.

Was würde sich für Sie verändern mit dem Brexit?

Für mich persönlich vielleicht nicht so viel. Aber wenn es zu einem harten Brexit kommt, was ja sehr wahrscheinlich ist, dann wird es ja für England wirtschaftlich schwierig, gerade für die Menschen in den ärmeren Landesteilen, in den Arbeitervierteln, in Wales. Die wird es besonders hart treffen. Aber viele von denen haben ja für den Brexit gestimmt, die haben das ja gar nicht kapiert.

Und Ihre Familie?

Ich habe eine Nichte, die lebt in Nordirland an der Grenze zur Republik Irland. Ihr Mann pendelt jeden Tag über die Grenze zur Arbeit. Erst vor zwei Wochen ist ganz in der Nähe von ihnen eine Autobombe explodiert. Das war ein Warnschuss. Bei einem harten Brexit hätten wir wieder eine harte Grenze durch Irland. Dann könnte die Gewalt in Nordirland wieder ausbrechen. Da mache ich mir natürlich Sorgen.

Tabuthema für einige Familienmitglieder

Reden Sie bei Ihren Besuchen in England mit Ihrer Familie über den Brexit?

Ja klar, die meisten in meiner Familie sind auch proeuropäisch eingestellt, die verstehen das selbst nicht, was gerade mit ihrem Land passiert. Aber es gibt auch Familienmitglieder, wenn ich die treffe, dann rede ich lieber nicht darüber.

Und Ihre Freunde in Deutschland?

Ich engagiere mich ja noch in Dorsten im „Freundeskreis Städtepartnerschaft Crawley“. Ich komme ja ursprünglich aus Crawley. Meine Freunde in Dorsten sind auch eher liberal eingestellt aber bei den englischen Vereinsmitgliedern, da gibt es schon einige, die sind knallhart.

„Ich glaube, alles kann passieren“

Glauben Sie, dass es zu einem harten Brexit kommt?

Inzwischen glaube ich, dass alles passieren kann. Und das glauben ja auch die meisten Kommentatoren. Wenn ich so die Presse verfolge, was da so geschrieben wird: Alles ist möglich. Theresa May versucht, um jeden Preis ihre Macht zu erhalten. Die will ihren Plan durchbringen um jeden Preis. Aber die Lager sind so gespalten. Die nächste Abstimmung soll ja Donnerstag sein. Aber genausogut kann sie wieder verschoben werden, das würde mich nicht überraschen. Aber wenn kein Wunder passiert, kommt am 29. März definitiv der Brexit, ob mit oder ohne Deal. Wer weiss, ob das alles überhaupt stattfindet. Das wäre ja verrückt. Die spinnen, meine Landsleute.

Fühlen Sie sich denn inzwischen in Gelsenkirchen zuhause?

Ja, auf jeden Fall, ich bin schon so lange hier. Ich habe ja auch erst vor ein paar Tagen meinen deutschen Pass abgeholt. Ich habe jetzt zwei Pässe, darüber freue ich mich. Aber ich habe auch lange in Deutschland gearbeitet, meine beiden Kinder sind hier, meine Frau. . .

Reise nach England für Sommer 2019 geplant

Aber Sie werden doch den Kontakt nicht abbrechen, wenn es zum Brexit kommt?

Nein, auf keinen Fall. Ich bleibe stolzer Brite, ich liebe die alte Heimat. Man weiss nicht, ob es eine Visapflicht geben wird, ob es für meine Freunde vielleicht schwieriger wird, nach England einzureisen. Wir wollen mit einer Gruppe im Sommer rüber, da werden wir es vielleicht schon sehen. Aber ich hoffe das Beste.

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