Kommentar

Bei der Integration dürfen wir nicht aufgeben

Deutsch-Türken mit Doppelpass waren am Sonntag wahlberechtigt. Aber nur knapp 50 Prozent haben von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht.

Deutsch-Türken mit Doppelpass waren am Sonntag wahlberechtigt. Aber nur knapp 50 Prozent haben von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht.

Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Gelsenkirchen.   Es war eine kurze Woche. Nach dem Türkei-Referendum begann sie direkt mit einer bekannten Debatte: Integration - gescheitert? Ein Kommentar.

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Wenn irgendwo in einem Land der Welt ein Referendum abgehalten wird, hat das normalerweise nicht viel Einfluss auf die Berichterstattung einer Lokalzeitung in Deutschland.

Aber es war ja auch nicht irgendein Land, in dem am Ostersonntag über die Einführung eines sogenannten Präsidialsystems abgestimmt wurde. Es war die Türkei. Ihr Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, wollte mehr Macht. Er kriegt mehr Macht. Nicht zuletzt, weil gerade viele Deutsch-Türken ihm und seinem Plan zugestimmt haben. Ihm, dem „Führer“, wie ihn viele in der Türkei schon nennen. „Führer“ – gerade bei dieser Wortwahl sollte es einem hier in Deutschland eiskalt den Rücken runterlaufen. Ist es also ein Zeichen gescheiterter Integration, wenn viele Deutsch-Türken für diesen „Führer“ gestimmt haben? Ist Integration auch in Gelsenkirchen gescheitert, weil es hier spontane Hupkonzerte und Jubelfahrten für Erdoğan gab?

Für Gelsenkirchen gibt es keine Zahlen

Zunächst einmal: Es gibt für Gelsenkirchen keine Zahlen. Niemand weiß also wirklich, wie hier abgestimmt wurde. Jeder Wahlberechtigte konnte sich ein Konsulat für die Stimmabgabe aussuchen. Gut, es ist anzunehmen, dass die meisten allein aufgrund der räumlichen Nähe in Essen gewählt haben. Dort, wo am Ende 76 Prozent mit „Evet“, mit Ja gestimmt haben.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Wahlbeteiligung lag bei nicht einmal 50 Prozent. Man könnte also sagen: Über 50 Prozent aller Deutsch-Türken ist es mittlerweile egal, was in ihrem früheren Heimatland passiert. Ist das nicht auch ein Bekenntnis für Deutschland? Und: Viele reden immer von „den Türken“ in Deutschland – ohne zu bedenken, dass etliche von denen mittlerweile ausschließlich einen deutschen Pass haben. Und somit auch nicht stimmberechtigt waren. Bei diesen Menschen können wir die Wahl also gar nicht als Stimmungsbarometer für gescheiterte oder nicht gescheiterte Integration nutzen.

Der Integrationsprozess wird nie beendet sein

Wer jetzt sagt, die sollten alle mal wieder schön „nach Hause“ gehen, legt selbst keinen Wert auf ein Gelingen der Integration. Obwohl: Was heißt eigentlich „Gelingen“? Das klingt immer so, als sei der Prozess irgendwann abgeschlossen. Das wird er wahrscheinlich nie sein. Es wird immer wieder Rückschläge geben. Aber die sollten nicht dafür genutzt werden, alte Feindbilder wieder aufzubauen.

Der Anteil der Menschen mit ausländischem Pass oder Migrationshintergrund in Gelsenkirchen ist hoch, er liegt bei etwa 40 Prozent. Diese Stadt ist also bestens geeignet, dem Rest der Republik zu zeigen, dass Integration nicht gescheitert ist. Wir dürfen nur nicht aufgeben.

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