Industriegeschichte

Auf den Spuren eines Gelsenkirchener Industriepioniers

Das Gussstahlwerk um das Jahr 1925. Eingebettet zwischen Werkshallen liegt das Verwaltungsgebäude, das später das Arbeitsgericht und heute das Talentzentrum NRW beherbergt.

Foto: Institut für Stadtgeschichte

Das Gussstahlwerk um das Jahr 1925. Eingebettet zwischen Werkshallen liegt das Verwaltungsgebäude, das später das Arbeitsgericht und heute das Talentzentrum NRW beherbergt. Foto: Institut für Stadtgeschichte

Gelsenkirchen.   Für Wilhelm Bauer war Hermann Strassburger lange nur ein Foto an der Wand. Dann spürte er der Familiengeschichte nach – und dem Industriepionier.

„Hermann Strassburger. Eisengießerpionier aus Gelsenkirchen.“ Der Titel ist schnörkellos und steht unter dem vergilbten Bild, das einen stattlichen Herrn mit ausladendem Backenbart, buschigem Haupthaar und neugierig-mildem Blick zeigt. Eben jenen Hermann Strassburger, 1820 in Mülheim geboren und am 8. November 1866 in der Ruhrstadt gestorben. Dazwischen lag ein arbeitsames, intensives Leben, in dem es der Vater von acht Kindern vom Tagelöhner zum geachteten Industriellen brachte, in dem er in Berlin und Dessau schaffte und 1861 nach Gelsenkirchen kam.

Hier baute Strassburger mit seinem Bruder Johann an der heutigen Rheinelbestraße eine Eisengießerei auf. 1866 trat Wilhelm Munscheid als Kaufmann und Geldgeber in das Unternehmen ein, das Keimzelle der Gelsenguss, der Gelsenkirchener Gussstahl- und Eisenwerke AG wurde. Um 1900 war es die größte Tempergießerei der Welt.

Eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert

Das Heft 11 der Schriftenreihe des Gelsenkirchener Heimatbundes widmet sich dem Industriellen. Geschrieben und gestaltet hat es Wilhelm Bauer. Der Industrielle war sein Ur-Ur-Großvater. Und dessen Lebensgeschichte wurde für Bauer. Jahrgang 1953, zur ganz persönlichen Entdeckungs- und Zeitreise ins 19. Jahrhundert.

Auslöser: Das Bild auf dem Heftdeckel. Es hing einst bei seinem Opa Hermann, benannt nach dem Ur-Ahnen, in der Wohnung. Die Kinder bekamen immer erklärt: „Das ist unser Schlotbaron“, sagt Bauer. Was es damit genau auf sich hatte, blieb ihm weitgehend verborgen. „Ich wusste nur, dass dieser Mann über die väterliche Linie mit mir verwandt ist und etwas zu tun hatte mit Eisen.“

Dann fiel ihm daheim in Kützberg das Bild vor einigen Jahren wieder in die Hände. Bauer wollte den Nachlass seiner Eltern ordnen. Das Foto weckte sein Interesse, er begann zu recherchieren. Seine ursprüngliche Idee, die Familiengeschichte für seine beiden Töchter aufzuschreiben, uferte in der Folge aus. Bauer recherchierte in Kirchenbüchern und Stadtarchiven, seine Familienforschung trat aus dem Privaten heraus und wurde zum Teil der Gelsenkirchener Industrie- und Gründergeschichte – detailliert und versiert aufbereitet auf 72 Heftseiten.

Gründergeschichte aufbereitet auf 72 Heftseiten

„Ich habe ein Faible für historische Themen und hätte niemals gedacht, dass ich mit einem meiner Vorfahren so ein dickes Fass aufmache“, sagt der 63-Jährige, der in seinem Berufsleben über 30 Jahre beim Wälzlagerhersteller FAG Kugelfischer gearbeitet hat. „Ich bin hartnäckig und habe sehr viel Geduld“, sagt Bauer über sich. Eigenschaften, die ihm in den letzten dreieinhalb Jahren halfen.

Strassburger ist ihm in dieser Zeit nahe gekommen. Früher, sagt Bauer, war „er nur ein weit entferntes Gesicht von einer völlig unbekannten Person, die ich jetzt mit Vornamen anrede.“ Sein Ur-Ahn Hermann hat Spuren nicht nur in der Familie, auch in der Stadt hinterlassen. Die ist auch Bauer nun ein Stück weit näher gerückt. „Vorher hatte ich null Bezug zu Gelsenkirchen.“

>> Vortrag von Bauer im Wissenschaftspark

Am alten Industriegelände steht heute der Wissenschaftspark. Dort wird Wilhelm Bauer am Montag, 20. März (EG, Pavillon 1) nach einem Besuch (18.30 Uhr) der alten Direktorenvilla um 19 Uhr über Hermann Strassburger referieren.

Das Heft 11. des Heimatbunds kostet 5 Euro. Verkauft wird es u.a. bei der Buchhandlung Junius, Sparkassenstraße 4.

Seite
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik