analphabetismus

Analphabeten haben es in der Gesellschaft nicht leicht

Die beiden Dozentinnen Ute Kittner (l.) und Monika Lipphaus

Die beiden Dozentinnen Ute Kittner (l.) und Monika Lipphaus

Foto: Martin Möller

Gelsenkirchen.   Viele Menschen mit einer Schreib- und Leseschwäche finden sich schwer in der Gesellschaft zurecht. Die WAZ war in einem Kurs der VHS dabei.

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Die langen Wörter sind besonders schwer zu lesen. „Weihnachtspäckchen“, „Tannenzweig“ oder „Weihnachtsstern“ gehen den Teilnehmern des VHS-Alphabetisierungskurses nicht immer leicht über die Lippen. Einen kurzen, weihnachtlichen Text lesen sie gerade gemeinsam, anschließend werden die besonders schwierigen Wörter an die Tafel geschrieben und die Anzahl der Silben herausgearbeitet.

Um die zehn Menschen unterschiedlichen Alters lernen mit den beiden Dozentinnen Ute Kittner und Monika Lipphaus in den Räumen der VHS an der Ebertstraße wöchentlich das Lesen und Schreiben.

Die Teilnehmer bekommen mehr Selbstbewusstsein

Wie schwierig es für sie ist, in der Gesellschaft zurecht zu kommen, erzählen sie beim WAZ-Besuch, möchten dabei aber anonym bleiben. „Man fühlt sich immer als Mensch zweiter Klasse“, sagt eine Teilnehmerin. Zur Schule ist sie nie gegangen. „Ich musste mich zuhause um meine Geschwister kümmern, kochen, waschen“, erzählt die heute 60-Jährige. Und dennoch: „Ich lebe ganz normal“, sagt sie. Einzig bei Behördengängen habe sie Schwierigkeiten. „Viele Leute können dafür nicht waschen und kochen“, sagt sie selbstbewusst.

Einen Teil dieses Selbstbewusstseins habe sie im VHS-Kurs erlangt. Auch wenn sie vor Beginn dieses Kurses Angst gehabt habe. „Dann habe ich gemerkt, dass ich hier auf andere Menschen treffe, denen es genauso geht wie mir.“ Gerade das soziale Miteinander im Kurs sei wichtig. „Schließlich sind alle in der gleichen Situation“, sagt Dozentin Ute Kittner. Ein Ziel des Kurses ist es, das Selbstbewusstsein der Betroffenen zu stärken.

Viel Unterstützung erhält Betroffene von ihrer Tochter

Viel Unterstützung habe die Betroffene auch von ihrer Tochter bekommen. Als diese sechs Jahre alt war, habe sie gemerkt, dass ihre Mutter nicht richtig lesen und schreiben konnte. „Ich konnte ihr bei den Hausaufgaben ja nie helfen. Schließlich hat meine Tochter Nachhilfe bekommen.“

Die Nachfrage nach den Kursen sei gering, der Bedarf allerdings groß. „Etwa 90 Kursteilnehmer besuchen die Kurse der VHS pro Semester“, sagt Stephanie Müller, Projektmanagerin bei Offen Alpha GE. Das Projekt möchte kooperative Strukturen in Gelsenkirchen schaffen, die Betroffenen Zugänge zu Bildungsangeboten ermöglichen.

Denn nur ein Bruchteil der Personen finde Zugang zu diesen. „Das Thema Analphabetismus ist stigmatisiert“, so Müller. Daher fände die Generierung neuer Teilnehmer für die Kurse häufig über Dritte statt. „Meist sind das Partner, Geschwister oder Kinder“, weiß Müller.

Für Führerschein-Prüfung Theorie auswendig gelernt

Die Schwierigkeiten, denen Betroffenen begegnen, sind vielfältig. Beim Einkaufen prägen sie sich Wortbilder ein, für die theoretische Führerschein-Prüfung werde schon mal der Stoff auswendig gelernt. Am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, wird häufig schwierig. „Wenn bei Feiern etwa Spiele gespielt werden, hab ich immer gesagt, dass ich keinen Bock darauf habe“, sagt die Kurs-Teilnehmerin, die bis heute ihre Lese- und Schreibschwäche verheimlicht.

Auch im Berufsleben haben die Betroffenen keinen leichten Stand. „Viele sind arbeitssuchend oder in klassischen Hilfsberufen tätig“, so Müller. In ihrem Berufsleben war auch die Teilnehmerin des VHS-Kurses bislang als Reinigungskraft, in Pommesbuden oder am Fließband tätig.

Teilnahme am Kurs ist ein erster Schritt

Einer ihrer Kollegen im VHS-Kurs war gemeinsam mit seinem Bruder im Trockenbau selbstständig. „Mein Bruder hat das kaufmännische erledigt und ich habe mich um das handwerkliche gekümmert“, erzählt er. Nachdem die Firma Pleite gegangen ist, musste er sich an das Arbeitsamt wenden, das ihn schließlich in den VHS-Kurs vermittelte. Auch er bekomme häufig Unterstützung von seiner Schwester.

Zwar haben die Kurs-Teilnehmer Grundkenntnisse im Lesen und Schreiben. Doch: „Nicht in dem Umfang, um an gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“, erklärt Stephanie Müller. Die Teilnahme an dem Kurs sei für Betroffene ein erster Schritt. Schließlich soll es auch einmal ganz mühelos mit dem Lesen und Schreiben der langen Wörter klappen: „Weihnachtspäckchen“, „Tannenzweig“ und „Weihnachtsstern“.

>> Mehr Infos: Rund 30 000 funktionale Analphabeten in Gelsenkirchen

Etwa 7,5 Millionen Menschen gelten in Deutschland als funktionale Analphabeten, in Gelsenkirchen sind es nach Angaben von offen.alpha rund 30 000 Menschen.

Sie können einzelne Sätze lesen und schreiben, aber haben Schwierigkeiten bei zusammenhängenden Texten.

Der Kurs in der VHS richtet sich an eben diese Gruppe. Kontakt: offen.alpha@gelsenkirchen.de

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