Poetry Slam

75. Auflage im Café 42: Poetry Slam und seine Faszination

Poetry Slamerin „Vika“ ist vor Auftritten immer noch aufgeregt – „doch nie wie beim ersten Mal“.

Poetry Slamerin „Vika“ ist vor Auftritten immer noch aufgeregt – „doch nie wie beim ersten Mal“.

Foto: Heinrich Jung / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen-Beckhausen.  Poetry Slams sind angesagt. Im Café 42 in Gelsenkirchen ist das Format lange etabliert. Beim Besuch wird deutlich, was die Faszination ausmacht.

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„Willkommen zum 75. Poetry-Slam im Café 42“, begrüßt Initiator Michael Meyer die Gäste. Unter Applaus kommen die fünf Slammer auf die Bühne, werden einzeln vorgestellt und nehmen dann Platz auf einem großen, orangefarbenen Sofa. Vor hier aus treten sie nacheinander vor, ihre Texte zu lesen. Sechs Minuten haben sie Zeit, das Publikum zu begeistern.

Vor dem Poetry Slam im Café 42 ist die Stimmung gut

Noch kurz zuvor sitzen alle im Nebenraum beieinander. Die Stimmung ist gut. Obwohl es ein Wettstreit ist, ist das Miteinander gut. Jeder einzelne der fünf Texter hat seine Geschichte. Der eine ist ein alter Hase, die andere noch ganz frisch dabei. „Ich bin durch meine Freundin dazu gekommen“, erzählt Lara Schulte. Regelmäßig nimmt sie hier, in der Gemeinde in Beckhausen, an der Schreibwerkstatt teil, traute sich dann auch zu Slams. „Eigentlich wollte ich nur zuschauen“, sagt sie. Aber dann habe es sie eben doch gepackt.

„Ich habe in Dortmund regelmäßig einen Slam besucht und immer eine große Klappe gehabt, gesagt, das kann ich viel besser“, erinnert sich Björn Rosenbaum gut. „Irgendwann habe ich mich getraut und bin dabei geblieben.“ Gut so: Nahm er doch bereits an Landesmeisterschaften und Deutschen Meisterschaften teil, wurde immerhin Drittbester in NRW.

„Das heißt schon was“, erklärt Michael Meyer. Und dann sind sie mittendrin im Austausch der Erfahrungen: „Ich stelle fest, dass das Publikum je nach Veranstaltung ganz unterschiedlich reagiert. Beim Poesieduell in Buer hatte ich mal so ein Erlebnis. Da hatte ich einen pointenreichen Text dabei – und keiner hat gelacht. Trotzdem stand ich im Finale“, erinnert sich David Hinder.

Poetry Slam lebt von Überraschungsmomenten

Eben solche Überraschungsmomente machten den Reiz aus, sind sich die Slammer einig. „Je mehr Erfahrung man hat, desto sicherer wird man im Umgang damit“, sagt Dorothee Hoppe. Die junge Frau studiert in Gelsenkirchen Journalismus. „Bei meinem ersten Slam habe ich geschwitzt und war nervös. Das ist besser geworden. Aufgeregt ist man aber immer.“ – „Doch nie wie beim ersten Mal“, sagt „Vika“ und lacht.

Aber ist es nicht schwierig, sich immer wieder vor einem neuen Publikum emotional so zu offenbaren? „Nicht jeder schreibt so persönlich“, sagt David Hinder. „Übers Eck findet man aber natürlich immer etwas über jemanden heraus.“ – „Tatsächlich fällt es mir total schwer, Texte zu schreiben, die mich nicht betreffen“, wirft Lara Schulte ein. So geht es auch Dorothee Hoppe. „Ich mache das für mich, um Themen zu verarbeiten. Kürzlich habe ich auf der Bühne mit den Tränen gekämpft.“

Das ist später auch hier so. Als sie ihren Text liest, den sie der Oma gewidmet hat – gegen das Vergessen gemeinsamer Momente. Hochemotional geht es da zu im Raum, tief berührt sind die Hörer, die sich ganz bewusst einlassen auf dieses Wechselspiel der Gefühle. Sie, die eben noch so herzlich gelacht haben über den saukomischen Beitrag von Björn Rosenbaum, der sich dem Generationenkonflikt widmet und dann doch ernsthaft endet mit einem Appell an die Jugend, die Zukunft in die Hand zu nehmen.

Der Ausdruck für die Szene: Slamily

Schnell wird deutlich, solch ein Poetry Slam hält so einiges bereit, ist mal persönlich, mal politisch, mal sarkastisch, mal sexy, mal berührend und vielfach brutal ehrlich. Umso wichtiger, dass die Atmosphäre stimmt. Das sei so, beteuern die fünf Texter. Dorothee Hoppe bringt es auf den Punkt: „Es gibt nicht umsonst für die Szene den Ausdruck Slamily – wie Family.“

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