Tod im Rockermilieu

400 Rocker beim Trauermarsch für „Reiki“ durch Gelsenkirchen

Über 300 Meter lang war der Trauerzug durch Gelsenkirchen-Rotthausen des Rockerclubs „Freeway Riders“. Die 400 Teilnehmer verhielten sich laut Polizei sehr friedlich. Es kam zu keinerlei Zwischenfällen.

Über 300 Meter lang war der Trauerzug durch Gelsenkirchen-Rotthausen des Rockerclubs „Freeway Riders“. Die 400 Teilnehmer verhielten sich laut Polizei sehr friedlich. Es kam zu keinerlei Zwischenfällen.

Foto: Michael Korte / FFs

Gelsenkirchen-Rotthausen.  150 Teilnehmer waren angemeldet, 400 kamen: friedlicher Trauermarsch der Rocker der „Freeway Riders“ für getötetes Mitglied in Gelsenkirchen.

Der Trauerzug, er will kein Ende nehmen. Auf einer Länge von über 300 Metern ziehen die Menschenmassen durch Rotthausen. Fast alle tragen Lederjacken, auf deren Rückseite das Vereinsemblem und in roten Buchstaben der Schriftzug „Freeway Riders“ aufgenäht ist. Knapp 400 Mitglieder und Unterstützer der Rocker-Gruppierung, die ihren Hauptsitz in Gelsenkirchen-Bismarck hat, sind an diesem Sonntagnachmittag gekommen, um „Reiki“ zu gedenken. Ein Vereinsmitglied, das fast auf den Tag genau vor zwei Jahren in Rotthausen von rivalisierenden Rockern getötet worden war.

Mit einem solch großen Andrang hatten die Veranstalter nicht gerechnet

Es ist kurz vor halb drei. Vor dem Eingang des Friedhofs Rotthausen an der Hilgenboomstraße stehen Dutzende Motorräder in Reih und Glied. Die Kennzeichen der schweren Maschinen verraten, dass die Teilnehmer aus weiten Teilen der Republik angereist sind, die meisten aber aus dem Ruhrgebiet. Alle Straßen in der näheren Umgebung sind zugeparkt. Obwohl die Fahrbahn der Sackgasse voller Menschen ist, achten fast alle mit Argusaugen darauf, die vorgeschriebenen Abstände zum Nebenmann einzuhalten. Auch die Maskenpflicht wird akribisch umgesetzt. Auch Rocker können sich an Regeln halten.

„Mit solch einem großen Andrang hatten wir nicht gerechnet. Aber so ist das bei uns: Wenn wir rufen, dann kommen unsere Leute auch“, sagt Frank Fröhlich, der Sprecher der „Freeway Riders“, mit Blick auf die riesige Resonanz. Kräfte von Polizei und Ordnungsamt haben Position bezogen. Sie beobachten das Geschehen und kontrollieren die Einhaltung aller Corona-Vorschriften. „Das haben wir im Vorfeld alles mit dem Veranstalter besprochen. Wir rechnen mit einem ruhigen Ablauf“, sagt Polizeihauptkommissar Daniel Gayko.

Vor dem Trauerzug wollen die Vereinsmitglieder ihrem verstorbenen Mitglied noch einmal die Ehre erweisen. Also ziehen sie zunächst über den Friedhof zum Grab von „Reiki“. Der war am 13. Oktober 2018 von vier Mitgliedern der rivalisierenden Rocker-Formation attackiert und mit einem Messer tödlich verletzt worden. Die Täter wurden gefasst und verbüßen heute hohe Haftstrafen. Das allein reicht den „Freeway Riders“ als Genugtuung für das Geschehene aber offensichtlich nicht. Denn die Botschaft auf dem Plastikbanner, das sie vor sich hertragen, ist ebenso unmissverständlich wie unversöhnlich: „Kein Vergeben! Kein Vergessen!“

Innehalten am Grab des getöteten Gelsenkirchener Rockers „Reiki“

Diese Worte stehen auch auf der feuerroten Schleife, die den Kranz ziert, der am Grab von „Reiki“ von seinen früheren Mitstreitern niedergelegt wird. Ergänzt wird das Gesteck durch rote Rosen. Auf dem Grab steht auch ein Foto des im Alter von 63 Jahren Getöteten sowie eine Flasche des Lieblingswhiskys, die neben jenem Holzkreuz ihren Platz gefunden hat, auf dem der bürgerliche Name des Rockers verewigt ist. Auch hier in der Warteschlange tragen alle Trauernden absprachegemäß ihre Mund-Nasen-Maske. Jeder hält am Grab kurz inne, senkt das Haupt in stiller Trauer, zieht weiter – und macht Platz für den nächsten.

Dann zieht die Gruppe zu Fuß los, zwei Polizisten als Wegweiser vorneweg. Jetzt nehmen die Rocker den Mund-Nasen-Schutz aber ab. Ihr Ziel: Jene Stelle an der Wembkenstraße in Rotthausen, wo „Reiki“ von vier Gegner überfallen worden und zu Tode gekommen war. „Wir wollen die Erinnerung wachhalten an einen Menschen, dem auf so schändliche Weise das Leben genommen wurde“, sagt Sprecher Fröhlich. Und in jedem seiner Worte schwingt die Verbitterung mit, die er empfindet.

Anderthalb Kilometer lang ist die Strecke. Fast alle der 400 Teilnehmer laufen mit. Die meiste Zeit schweigend. Erst am Tatort angekommen, stimmen sie ein Lied auf ihren Rockerclub an, in das alle im Brustton der Überzeugung mit einstimmen. Dann löst sich der Zug auf. Und Frank Fröhlich sagt zum Abschied: „Reiki ist nicht weg. Er ist uns allen nur vorausgegangen.“

Zahlen und Fakten zu den „Freeway Riders“

Laut Vereinssprecher Frank Fröhlich zählen die „Freeway Riders“ momentan über 500 Mitglieder im Alter von 18 bis 65 Jahren. Die meisten kommen aus dem Ruhrgebiet, es gibt aber auch Chapter bei Bremen oder in Franken.

Gegründet wurde der Verein 1974 in Hagen. Das älteste Chapter hat seinen Sitz aber in Gelsenkirchen. Im Stadtteil Bismarck ist der Rockerclub heute mit seinem Hauptsitz heimisch.

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