Abbruch

Scholvens schiefer Turm fällt Stein für Stein

Die Tage des Backsteinschornsteins sind gezählt. Sein 125 Meter hoher Bruder aus Stahl (direkt daneben) ist schon in Betrieb und führt die Rauchgase ab.

Foto: Martin Möller

Die Tage des Backsteinschornsteins sind gezählt. Sein 125 Meter hoher Bruder aus Stahl (direkt daneben) ist schon in Betrieb und führt die Rauchgase ab.

Gelsenkirchen-Scholven.  Der Abriss eines 130 Meter hohen BP-Kamins hat begonnen. Schwindelfreie Arbeiter gehen von außen nach innen, von oben nach unten vor.

Jetzt, da sich der Bruder aus Stahl kerzengerade in die Höhe reckt, erkennt auch der Laie: Der Backstein-Schornstein auf dem BP-Gelände in Scholven steht ganz schön schief da. 1,28 Meter ist der Turm aus dem Lot geraten. Bei einer Höhe von 130 Metern ist diese Differenz mit bloßem Auge gut zu erkennen, zum Beispiel von der Brücke Dorstener Straße, die über die A 52 führt.

Noch nicht so schief, dass akute Einsturzgefahr bestünde, aber schief genug, um eine Reparatur auszuschließen: Das war die von einem Gutachter gestützte Ausgangslage für Martin Schohl, der das Schornstein-Projekt in unmittelbarer Nachbarschaft zur Rohöl-Destillation leitet. Der Mittwoch ist Tag 11 des Abbruchvorhabens, für das insgesamt 200 Arbeitstage vorgesehen sind. Doch bevor es dem aus dem Jahr 1968 stammenden Schornstein an den Kragen ging, musste zunächst sein Nachfolger gebaut werden: „125 Meter hoch, 320 Tonnen schwer, mit einem Durchmesser von 3,80 Metern“, zählt Schohl die wichtigsten Rahmendaten auf.

Maßgeschneiderte Ingenieurskunst

Das alles ist maßgeschneiderte Ingenieurskunst, in Dänemark zu bis zu 22 Meter langen Röhren geformt und per Lkw über die Autobahn nach Scholven gebracht. Nicht minder beeindruckend war der 700 Tonnen schwere Gittermastkran, der Stahlsektion auf Stahlsektion setzte. „Krane wie dieser sind europaweit ausgebucht, weil ja überall Windkraftanlagen gebaut werden“, schildert Schohl die Suche nach einem geeigneten Zeitfenster für den Einsatz in Scholven.

Jetzt also der Abbruch. Praktisch Stein für Stein wird der schlanke Koloss abgetragen: von außen nach innen, von oben nach unten. Ringförmige und mobile Arbeitsbühnen sind errichtet worden, auf deren Holzbohlen sich die Arbeiter schwindelfrei bewegen.

Mauersteine fallen in das Schornstein-Innere

Auf der obersten Galerie vollziehen sich die eigentlichen Abbrucharbeiten: Die losgelösten Mauersteine fallen nach innen in einen Korb, der am Fuß des Schornsteins durch eine in das Mauerwerk geschnittene Öffnung entladen wird. 200 Arbeitstage, montags bis freitags bei Tageslicht: Das ist die Vorgabe für das Vorhaben, dessen exaktes Ende noch nicht bekannt ist.

Martin Schohl: „Bei dem Dauerregen am vergangenen Montag haben wir die Arbeiten am Schornstein ausgesetzt.“ Die arbeitstägliche Frühbesprechung klärt die aktuellen Details, und dazu gehört auch die Wetterprognose. „Arbeitssicherheit hat höchste Priorität“, so Schohl.

Möglichst erschütterungsfrei

Die Abbrucharbeiten sollen möglichst erschütterungsfrei verlaufen, Lärmbelästigungen durch den Einsatz von Presslufthämmern nicht ausgeschlossen. Aber je mehr der Turm an Höhe verliert, desto weniger fällt der Schall auf die Scholvener Nachbarschaft. Die Zukunft der anderen Backsteinschornsteine auf dem Werksgelände ist gesichert. Martin Schohl: „Für sie hat der Gutachter keinen Schiefstand ermittelt.“

Auch wenn jetzt noch 189 Arbeitstage für den Abbruch verbleiben: Das Ende des schiefen Turms von Scholven ist nah.

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