Luther-Vortrag

Martin Luthers Antisemitismus und seine Folgen in Horst

Der Historiker und Theologe Wolfgang Heinrichs  schlägt den Bogen von Luther zum Antisemitismus.

Der Historiker und Theologe Wolfgang Heinrichs schlägt den Bogen von Luther zum Antisemitismus.

Foto: Joachim Kleine-Büning

Der Reformator hatte auch eine erschreckende Seite. Seine Judenfeindlichkeit wirkt bis in die Gegenwart – das erlebte die Familie von Wolfgang Heinrichs

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Geschichte ist immer dann besonders spannend, wenn sie bis in die Gegenwart wirkt. So wie bei Wolfgang Eduard Heinrichs. Er ist freier evangelischer Pastor, hat dadurch eine Verbindung zu Martin Luther. Und er hat jüdische Vorfahren, die einst in Horst den Antisemitismus in der NS-Zeit am eigenen Leib zu spüren bekamen.

Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Viel, weiß der Gymnasiallehrer und Lehrbeauftragter für neuere Geschichte an der Universität in Wuppertal. „Luther hat die spätmittelalterliche Judenfeindlichkeit aufgegriffen und verschärft.“

Eine bittere Pille

Diese Aussage mit wissenschaftlichen Fakten zu untermauern, dafür ist er heute angetreten in der Freien evangelischen Gemeinde in Horst – mit der hat er auch viel zu tun, brachte er doch deren Pastor Rico Otterbach zu seinem Beruf.

Er ist auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen und Gemeinden in Gelsenkirchen hier. Deren Vorsitzender, Pastor Thomas Schöps, sagt noch in seiner Begrüßung: „Nein, Luther war kein Antisemit.“ Wie allen Anwesenden verspricht ihm Heinrichs eine bittere Pille: „Das Judenthema ist bei Luther nichts Marginales, nichts, was man abhaken kann, vielmehr ist es Kern seiner Philosophie“, so der Geschichtsprofessor.

Aufruf zum Judenmord

„Meine Kritik an Luther ist fundamental. Was er über die Juden schreibt, offenbart sein Denken.“ Der Reformator habe aufgerufen zum Judenmord, seine Anhänger ermuntert, Synagogen anzustecken – wie es später in der Reichspogromnacht geschah.

Zu dieser Zeit leben die Großeltern Heinrichs in Horst. Die Jüdin Selma und ihr Mann Josef, selbst gläubiger Katholik, sind aus Köln gekommen, ein Geschäft zu gründen im aufstrebenden Ruhrgebiet. „Er machte in Konfektionswaren. Die Großmutter hatte das Geld. Sie führten ein Textilgeschäft, das von den Nazis geschlossen wurde.“

Deportation drohte

Das Paar hat drei Kinder. „Das waren sogenannte Halbjuden.“ Als Teenager konvertieren sie schon 1933 zum Katholizismus. Dennoch rettet die nur das Glück. „Hätte Hitler den Krieg gewonnen, hätte man sie alle umgebracht.“ In den letzten Kriegsmonaten droht die Deportation – bis man die jungen Männer doch an der Heimatfront braucht. Selma ist da schon im KZ Theresienstadt. „Sie überlebte wegen ihrer halbjüdischen Jungs.“

Dennoch bleibt die Familie auch nach dem Krieg in Gelsenkirchen, ist hier engagiert. Eduard, Wolfgang Heinrichs Vater, ist Fischgroßhändler – und Fußballfan. „Er brachte als Obmann des Vereins nach dem Krieg den STV Horst-Emscher mit nach oben. Die waren damals so populär wie heute, lieferten sich Lokalderbys mit Schalke.“

Bis heute, so ist die Essenz, ist der Antisemitismus in der Gesellschaft verbreitet. Das belegt auch eine aktuelle Studie, die in diesen Tagen diskutiert wird. Er hat eine lange Geschichte, an der nicht nur aber doch maßgeblich Martin Luther mitwirkte, sagt Heinrichs. „Luther hatte bis zu seinem Tode eine unerklärbare Angst vor Juden. Er hatte kein Toleranzdenken und war gefangen in seiner Welt.“

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