Stadtgeschichte

Gelsenkirchen brauchte das Grün aus dem Stadtnorden

Im industriell geprägten Stadtsüden fehlten Grünanlagen wie die Berger Alleen.

Im industriell geprägten Stadtsüden fehlten Grünanlagen wie die Berger Alleen.

Foto: Kai Kitschenberg

Gelsenkirchen-Buer.   Vor 90 Jahren wurden Buer und Gelsenkirchen zusammengeschlossen. Gerd Escher vom Verein für Orts- und Heimatkunde erinnert an die Ereignisse.

Für so manchen Poahlbürger im Stadtnorden ist dieses Datum kein Grund, um zu feiern. 90 Jahre ist es am Ostersonntag her, dass die Großstädte Gelsenkirchen und Buer sowie die Landgemeinde Horst zur neuen Stadt „Gelsenkirchen Buer“ vereinigt wurden.

„Das eher industriell geprägte und ein wenig ungeordnet gewachsene Gelsenkirchen brauchte Siedlungsland und Zugang zu Erholungsgebieten, zu Grünanlagen für die Bevölkerung“, berichtet Dr. Gerd Escher, der Vorsitzende des Orts- und Heimatvereins Buer. Eingekeilt zwischen anderen Ruhrgebietsstädten, hatte Alt-Gelsenkirchen keine Chance zu expandieren. „Platz und Raum sah man lediglich im Norden“, berichtet Escher.

Sorgen um die Zukunft

Das prosperierende Buer war 1911 von Kaiser Wilhelm II zur Stadt, 1922 mit mehr als 100 000 Einwohnern zur Großstadt erhoben worden. „Buer hatte sich organisch mit den zugehörigen Bauerschaften des Kirchspiels zur größten Stadt des Vestes entwickelt“, berichtet Escher.

In dem Zeitraum habe es Überlegungen gegeben, in einem Zweckverband mit Gelsenkirchen, die zukünftige Entwicklung miteinander abzustimmen. „Gelsenkirchen wollte aber mehr“, so Gerd Escher. Auf der anderen Seite des Kanals habe man sich Sorgen um die Zukunft gemacht. „Gelingt der Zusammenschluss mit Buer jetzt nicht, bestehe später die Gefahr einer Einkeilung der Stadt auf ihrem engen Raumgebiet“, so Escher. Zwei Zahlen verdeutlichen das Dilemma im Süden: 1927 lebten in Buer 1744 Personen auf einem Quadratkilometer, in Gelsenkirchen waren es 6442.

Strahlkraft in der Welt

Als im gleichen Jahr die in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratene Gemeinde Horst, den Antrag zur Eingemeindung nach Buer stellte, griff das preußische Parlament die Idee auf und schlug vor, die Städte Gelsenkirchen, Buer und Horst zu vereinigen.

Die Planung zum Zusammenschluss sei zunächst unter dem neuen Namen „Buer Gelsenkirchen“ gelaufen. „Gelsenkirchen wollte jedoch unbedingt seinen Namen durchsetzen und betonte, dass der Name Strahlkraft in der ganzen Welt besitze und deshalb nicht aufgegeben werde dürfte“, so Escher. Nach einigen Debatten einigte man sich auf Druck der Regierung auf „Gelsenkirchen Buer“. Buer wurde von Regierungs-Seite zugesichert, finanziell durch den Zusammenschluss keine Nachteile zu haben. Die Landeszuweisungen sollten weiterhin fließen und die überregionalen Behörden sollten erhalten bleiben.

Zur Eingemeindung herabgestuft

„Für die zukünftige Stadt gab es große Pläne“, erzählt Escher. Die Stadtzentren sollten zusammenwachsen. Die Infrastruktur an Straßen, Schulen und Kultureinrichtungen sollte besonders in Buer beschleunigt ausgebaut werden. „Für die Zukunft konnte man auch an ein neues Zentrum in der geografischen Mitte der Stadt denken“.

Aber schon nach nur zwei Jahren sah es anders aus. Der Doppelname wurde gestrichen, aus Stadtteilen wie zum Beispiel Buer-Resse wurde Resse. 1994 wurde Buer-Mitte das Mitte geraubt. „Der Zusammenschluss wurde immer mehr als Eingemeindung gehandhabt“, sagt Escher.

<<< Interview mit Gerd Escher

„Wenn sich zwei oder auch drei zusammen tun, dann muss jeder Partner wichtig genommen werden, soll er seine ganze Kraft in das neue Gemeinwesen einbringen“, sagt Gerd Escher. Der Vorsitzende des Vereins für Orts- und Heimatkunde Buer, sprach mit Angelika Wölke.

WAZ: Wird inzwischen jeder Partner wichtig genug genommen?

Gerd Escher: Nein, bisher gingen viel Kraft und Energie verloren, um diese Zentralisierung nach Alt-Gelsenkirchen zu bringen. Vollendet ist sie nicht. Im Gegenteil: Diese Kraft geht unserer Stadt verloren.

WAZ: Sollte der Zusammenschluss denn wieder rückgängig gemacht werden?

Gerd Escher: Unsere Stadt braucht beide Teile, den Süden für eine Ausstrahlung ins engere Ruhrgebiet, den Norden „Buer“ für den Emscher-Lippe-Raum und das südliche Münsterland. Der Süden könnte wegen der zentralen Lage im Ruhrgebiet Sitz weiterer Landesund Regionalbehörden werden. Im Norden bietet sich der Ausbau weiterer Hochschul- und Technologieeinrichtungen an.

WAZ: Im Namen erkennt man inzwischen aber nur den Süden ...

Gerd Escher: ... Die Alt-Gelsenkirchener sahen 1928 die weltweite Strahlkraft des Namens Gelsenkirchen. Dieser Ruf hat uns nicht viel genutzt, wie wir jetzt sehen. Aber es hilft uns auch nicht weiter zu sagen, wir sind besser als unser Ruf. Alles nur Worthülsen.

WAZ: Was hilft uns denn?

Gerd Escher: Was zählt ist die Leistung. Wir müssen alle zusammenstehen, wir müssen wirklich alle Ressourcen nutzen und unsere Stärken ausbauen. Natürlich ist auch die Beseitigung der Schwächen, die wir hier in der Stadt haben, wichtig; bitte aber nicht zu Lasten des Ausbaus unserer Stärken. Bürgerengagement ist wichtig und gefragt. Vornehmliche Aufgabe der Stadt ist es, den notwendigen Rahmen dafür zu gewährleisten und allen Bürgern das Gefühl zu geben, in der Stadt als in Ihrer Stadt zu Hause zu sein. Wir möchten alle Stolz auf unsere Stadt sein. Ich hoffe, bei der 100-Jahrfeier sind wir auf einem guten Wege dahin.

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