Stadtentwicklung

Einstiges Nobel-Lokal Kaiserau gerät zur Schrottimmobilie

Das einstige Nobel-Restaurant Kaiserau an der Cranger Straße 66 in Gelsenkirchen-Buer verfällt zusehends. Vor Jahrzehnten traf sich dort die gehobene Gesellschaft Buers.

Das einstige Nobel-Restaurant Kaiserau an der Cranger Straße 66 in Gelsenkirchen-Buer verfällt zusehends. Vor Jahrzehnten traf sich dort die gehobene Gesellschaft Buers.

Foto: Heinrich Jung / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen-Buer.  Die Zukunft des historischen Gebäudes an der Cranger Straße 66 in Gelsenkirchen-Buer ist unklar. Es gibt Kritik am verwahrlosten Zustand.

Eingeschlagene Fenster, Graffiti-Schmierereien auf der Fassade, drum herum ein Zaun zur Verkehrssicherung: Waltraud Abstiens (78) glaubte ihren Augen kaum zu trauen, als sie kürzlich zum Hauptfriedhof spazierte. „Was ist nur aus der Kaiserau geworden! Das einstige Vorzeige-Restaurant ist ja völlig verkommen! Es ist zum Schandfleck für Gelsenkirchen geworden“, ärgerte sich die Bueranerin – und wandte sich an die WAZ-Redaktion mit einem Recherche-Auftrag der besonderen Art: Was, bitteschön, wird aus dem historischen Gebäude an der Cranger Straße 66?

Sie ist nicht die einzige, die sich in der Redaktion meldete, um sich über den „verwahrlosten Zustand“ der Kaiserau zu beschweren. Auch Rosemarie Strack (76) redete Klartext: „Wenn Auswärtige über die Cranger Straße zu einer Beerdigung fahren, bekommen sie einen schlimmen Eindruck von dem dort sonst so guten Wohnumfeld!“

Künftige Nutzung von Grundstück und Gebäude völlig unklar

Wie genau die Zukunft der Immobilie aussieht, ob sie abgerissen wird und welche Nutzung für das Grundstück vorgesehen ist, bleibt freilich unklar. Markthallen-Eigentümer Thomas Bernau, der die Kaiserau im Sommer 2017 kaufte, reagierte nicht auf eine entsprechende WAZ-Anfrage. Vor zwei Jahren hatte Bernau erklärt, vorstellbare Nutzungen für die Fläche seien Eigentumswohnungen oder ein neues Restaurant, eventuell mit einem angeschlossenen Hotel.

Wofür er sich entschieden hat – und ob überhaupt – ist offen. Wie von der Stadt zu erfahren war, liegt keine aktuelle Abrissgenehmigung vor; allerdings sei diese nach der neuen Bauordnung auch nicht mehr nötig, um frei stehende marode Gebäuden zu beseitigen, so Sprecher Oliver Schäfer.

„Wer etwas auf sich hielt, der ging in die Kaiserau“

Unterdessen denken die Seniorinnen gerne an die Zeit zurück, als die Kaiserau die Edel-Gastronomie in Buer schlechthin beherbergte. „In den 1960er-Jahren war es etwas ganz Besonderes, nach einem Spaziergang durch die Berger Anlagen in die Kaiserau einzukehren, Kaffee zu trinken und Torte zu essen. Davon haben wir eine ganze Woche gezehrt“, berichtet Waltraud Abstiens. „Als ich das Gebäude jetzt sah, schossen mir Tränen in die Augen.“

Auch Rosemarie Strack erinnert sich mit Wehmut an die Nachmittage, wo sie sich nach einem Winter-Spaziergang in der Kaiserau bei einem Glühwein aufwärmte. „Wer etwas auf sich hielt, der ging in die Kaiserau.“

Architekten-Duo Weber/Heide planten auch Weiser-Kaufhaus

Errichtet wurde das zweigeschossige Gebäude mit dem charakteristischen Walmdach und der großzügigen Terrasse 1931/32 in unmittelbarer Nähe zu den Berger Anlagen, Bauherr war der Bezirksschornsteinfeger Max Dreesen, so Lokalhistoriker Lutz Heidemann auf Anfrage. „Die Entwürfe stammten von dem Architektenduo Weber und Heide, die auch das Kaufhaus Weiser und die katholische Liebfrauen-Kirche in Beckhausen geplant hatten.“ Beantragt war zunächst eine Nutzung als Cafélokal im Erdgeschoss („Spezialhaus für süße Sachen“), im Obergeschoss befanden sich zwei Wohnungen. „Die obere Etage nutzte man sicher als Gastzimmer. Erst wurde unten getafelt, dann oben geschlafen“, sagt der Kunsthistoriker und frühere Stadtplaner.

Nach einem Umbau 1952 wurde die Kaiserau 1957 von der Gesellschaft für neuzeitlichen Wohnungsbau gekauft, 1974 übernahm sie dann der Gastronom Heinz Prüsener, der sie, so Heidemann, „entstellend modernisierte“. Später bezog das China-Restaurant „Shanghai“ dann die Räumlichkeiten, das kurz nach dem Kauf der Immobilie durch Bernau den Betrieb aufgab. Da das Gebäude so oft umgebaut wurde und kaum noch etwas von dem alten Baustil erkennbar sei, „würde ich ihm bei einem Abriss fast keine Träne mehr nachweinen“, erklärte Heidemann.

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