Europawahl

SPD stürzt ab und ist in Essen nur noch drittstärkste Kraft

Diese Klatsche tut weh: Bei der Wahlparty der SPD litten (von links) Parteichef Thomas Kutschaty, Bezirksvertreter Daniel Behmenburg und die Landtagsabgeordnete Britta Altenkamp angesichts der Ergebnisse, die da auf dem TV-Bildschirm angezeigt wurden.

Diese Klatsche tut weh: Bei der Wahlparty der SPD litten (von links) Parteichef Thomas Kutschaty, Bezirksvertreter Daniel Behmenburg und die Landtagsabgeordnete Britta Altenkamp angesichts der Ergebnisse, die da auf dem TV-Bildschirm angezeigt wurden.

Foto: Foto: STEFAN AREND / FFS

Ein Wahlabend von historischer Dimension: CDU, Grüne und SPD nahezu gleichauf. Jens Geier (SPD) und Guido Reil (AfD) ziehen ins EU-Parlament ein.

Dieser Abend der Europawahl – in Essen wird man ihn wohl als historisches Ereignis in Erinnerung behalten: Eines das hüben politische Glücksgefühle auslöste und drüben lähmendes Entsetzen. Denn erstmals in der Nachkriegsgeschichte lieferten sich drei Parteien – CDU, Grüne und SPD – zwischen Karnap und Kettwig ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Eines, bei dem sich die Sozialdemokraten am Ende nach beispiellosem Absturz voraussichtlich mit dem dritten Platz begnügen müssen.

Bis zum Redaktionsschluss und nach Auszählung von 406 der 418 Stimmbezirke knapp vorn die CDU, deren Begeisterung sich in der CDU-Geschäftsstelle angesichts spürbarer Verluste allerdings in Grenzen hielt: „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, so formuliert es CDU-Chef Matthias Hauer und weiß doch: Der selbstgewählte Anspruch, Volkspartei zu sein, liegt natürlich höher, „das soll uns Ansporn sein“.

Grüne: „Wir sind jetzt eine mittelgroße Partei“

Hauchdünn hinter der CDU die Grünen, die als Gewinner des Abends zwei Kilometer Luftlinie entfernt in der Gaststätte „Felis“ an der Kastanienallee feiern: „Unsere Themen sind in der Mitte der Gesellschaft längst angekommen“, stimmt Grünen-Chef Kai Gehring am Telefon in den Jubel ein: „Wir sind jetzt eine mittelgroße Partei“.

Das kann, nein: das muss auch die SPD von sich sagen. Entsetzt verfolgten die Genossen die TV-Zahlen in der SPD-Zentrale an der Severinstraße. Dass Jens Geier nicht nur der alte, sondern auch der neue Europa-Abgeordnete ist, „das ist das einzig Schöne an diesem Abend“, seufzt er selbst.

Der souveräne EU-Kenner gegen den blutigen EU-Anfänger

Was das für die politische Szenerie in Essen bedeutet, darüber rätseln noch alle Beteiligten. Wenn man denn politischen Einfluss in Mandaten misst, dann war der Europawahl-Sonntag ein Freudentag für diese Stadt: Erstmals in der Geschichte der Direktwahlen fürs Europäische Parlament ziehen gleich zwei Essener als Abgeordnete nach Brüssel und Straßburg – Jens Geier für die SPD und Guido Reil für die AfD. Erfahrener EU-Kenner und Vorsitzender der SPD-Gruppe in der S&D-Fraktion der eine. Noch-Bergmann und bekennender EU-Anfänger der andere.

Für keinen von beiden geriet der Wahlabend auch nur annähernd zur Zitterpartie: Weil sie auf den Kandidatenlisten ihrer Parteien bestens platziert waren, stand ihr persönlicher Wahlsieg vielmehr schon vor Schließung der Wahllokale fest. Da konnte der Essener CDU-Bewerber für Europa, Ulrich Beul, mit seinem aussichtslosen 16. Platz auf der NRW-Liste nur tapfer hinterherschauen.

Kein Genossen-Du mehr von Jens Geier für Guido Reil

Wenn Geier und Reil am 2. Juli in Straßburg zur konstituierenden Sitzung des EU-Parlaments aufeinandertreffen, wird sich die Herzlichkeit untereinander arg in Grenzen halten: Auf die Kumpel-Tour geht zwischen den beiden nichts mehr, Geier hat seinem einstigen Parteifreund das Genossen-Du entzogen.

Für den langjährigen EU-Abgeordneten die logische Schlussfolgerung aus persönlicher Enttäuschung und eine Art politischem Ekel vor einem Widersacher, den er mit seinen „Pöbeleien“ gegen Europa und die Parlaments-Arbeit für einen Brandstifter an der europäischen Idee hält. Daran ändert nichts, dass die „Alternative für Deutschland“ stadtweit hinter manchen Erwartungen blieb. In Essen sahnte sie vor allem im Norden ab: SPD-Stammland von gestern.

Guido Reil blieb auf der Zielgeraden lieber weg vom Mikro

Von AfD-Frontmann Reil gab’s dazu am Wahltag keinen Kommentar: Nach seinem auch nach eigener Einschätzung verunglückten Auftritt in der TV-Show „Lanz“ war der Karnaper Bergmann, der gern mit seiner völligen Ahnungslosigkeit in nahezu sämtlichen Europa-Fragen kokettiert, in der Versenkung geblieben. Rief nicht zurück; antwortete nicht auf Fragen – eine selbstgewählte, manche raunen sogar: von der Partei verordnete mediale Enthaltsamkeit, womöglich um auf dem Weg nach Europa nicht noch mehr Porzellan zu zerschlagen. Vielleicht erfährt die interessierte Öffentlichkeit am 6. Juni mehr, wenn der SWR für den TV-Sender „Arte“ in der Reportage-Reihe „Re:“ geschlagene 30 Minuten auf den Europa-Wahlkampf Guido Reils und Jens Geiers zurückblickt. Hat Reil das Zeug zum „Popstar der Populisten?“ fragen die Autoren – der SPD jedenfalls, so scheint’s, ist das Volk abhanden gekommen.

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