Volkshochschule Essen

Zum 100. Geburtstag setzt die VHS Essen auf Digitalisierung

Michael Imberg, der Direktor der VHS

Michael Imberg, der Direktor der VHS

Foto: Volker Hartmann

VHS-Direktor Michael Imberg erklärt, warum „YouTube“ ein Konkurrent für die Volkshochschule geworden ist - und was die VHS dagegen tut.

Herr Imberg, die Essener Volkshochschule wird 100 Jahre alt. Wissen Sie, was die Kursthemen im Jahr 1919 waren?

Wir haben nachgeforscht und das erste Kursverzeichnis gefunden. In der Abteilung „Weltanschauung und Seelenkunde“ referierte ein Religions- und Oberlehrer über „moderne Erziehungsfragen“, und in der Abteilung Technik sprach ein Diplom-Ingenieur über die „Kinematographie als Volksbildungsmittel“. Insgesamt gab es 75 Veranstaltungen im ersten Semester.

Und heute?

Haben wir 80.000 Teilnehmende pro Jahr in unseren Kursen, Exkursionen und offenen Veranstaltungen. Das ist übrigens ein neuer Spitzenwert. Die Bürger sehnen sich n ach Orientierung, Anregungen und Bildung. Diesen Ansprüchen müssen und wollen wir gerecht werden, auch in Zeiten von YouTube-Videos.

Warum YouTube-Videos?

Wenn Sie so wollen, ist YouTube einer unserer vermeintlich stärksten Konkurrenten heutzutage. Sie finden im Internet schnell alle möglichen Lösungen für Probleme. Die Digitalisierung, von der keiner weiß, was sie genau bedeutet, stellt uns schon jetzt vor enorme Herausforderungen.

Und wie reagieren Sie?

Indem wir uns diesem Thema stellen. In vielen Kursen setzen wir „Moodle“ ein, eine Lernplattform mit Kursinhalten, die den Diskurs auch zwischen den einzelnen Terminen aufrechterhält. Die Teilnehmenden lösen gerne Online-Tests, um sich über ihren Lernfortschritt zu vergewissern. In unserer Abteilung Schulische Weiterbildung, wo junge Leute ihren Abschluss nachholen, kommen Teilnehmende mit der Erwartung, dass die Dozenten technisch genauso auf der Höhe sind wie sie selbst.

Sind sie das denn?

Es geht nicht darum, jedes Gerät und jede Software zu kennen. Aber es geht um das Denken: Wir können Videos, die Schüler selbst mit ihren Smartphones erstellen, gewinnbringend im Unterricht einsetzen.

Hat die VHS denn die technischen Voraussetzungen dafür?

Wir arbeiten daran. Seit einem Jahr verfügen wir zum Beispiel über W-Lan im Haus – und zwar über ein sehr leistungsfähiges. Das ist sehr wichtig, weil Kursteilnehmende sich dann mit ihrem Handy zum Beispiel mit einem Beamer verbinden können. So sehr, wie die Digitalisierung aber viele Geschäftsmodelle auf den Klopf stellt: Die VHS wird auch in zehn Jahren noch das Haus sein, in dem Menschen sich begegnen und austauschen wollen.

Über welche Inhalte?

Passend zu unserem Jubiläums-Motto „Aufbrüche“ schauen wir nach vorne. Es wird immer die obligatorischen Fremdsprachenkurse geben. Doch wir verstehen uns auch als Forum, in dem sich die Stadtgesellschaft bildet. Wir wollen unbequeme Fragen stellen zu den relevanten Themen der Zeit. Im Dezember hatten wir eine Abendveranstaltung mit 300 Besuchern, als der Autor Aladin El-Mafaalani über das „Integrationsparadox“ gesprochen hat. Seine These: Wir haben deshalb so viele Probleme mit der Integration, weil sie so gut läuft.

Volkshochschulen stehen regelmäßig in der Kritik, weil sie Scharlatanen ein Forum bieten. Edelstein-Heilkunde und esoterische Angebote . . .

Ja, dazu gab es im Sommer einen langen Spiegel-Artikel. Was der Text verschwieg: Er bezog sich vor allem auf freie Bildungsträger, die in der Regel nicht behördlich geprüft werden. Das ist bei uns nicht der Fall. Die Bezirksregierung und das Land können im Rahmen der Zuschussgewährung unser Angebot prüfen - und tun das auch. Bei uns gibt es nichts zu beanstanden. Wir gehen sehr streng und professionell bei der Auswahl unseres Kursprogramms und unserer Kursleitenden vor. Das sieht auch unser zertifiziertes Qualitätsmanagement vor. Und wir dürfen eins nicht vergessen: Volkshochschulen sind Weiterbildungseinrichtungen in öffentlichem Auftrag und stehen in der Tradition der Aufklärung.

Und was ist mit dem alten Image, die VHS biete Batik-Kurse an?

Jeder, der die VHS mal von innen gesehen hat, weiß, dass das Unsinn ist. Im Ernst: Batik-Kurse gibt es bei uns nicht. Sondern ein Angebot, das stark nachgefragt wird. Wir haben unsere Augen und Ohren überall, achten auf neue Trends und Tendenzen, sind parteipolitisch neutral, aber nicht wertefrei und geben ein Qualitätsversprechen ab.

Ein Qualitätsversprechen?

Wir stellen uns dem Wettbewerb. Es gibt viele private Bildungsanbieter. Weil wir über Steuergelder kofinanziert werden, müssen wir den Anspruch haben, qualitativ immer in der Spitzengruppe mitspielen zu wollen. Und geduldig sind wir übrigens auch.

Was meinen Sie damit?

Weil wir niemanden außen vor oder zurücklassen wollen. Das war übrigens nicht nur 2015 so, als das Thema Flüchtlinge die Stadtgesellschaft vor große Herausforderungen gestellt hat und wir unser Angebot an Sprach- und Integrationskursen innerhalb kürzester Zeit erheblich ausgeweitet haben. Wir haben es geschafft! Aber die Herausforderungen stellen sich täglich neu.

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